Dilemma um Lösegeldforderungen

Berlin: Mit Entführern verhandeln oder nicht?

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Das Auswärtige Amt in Berlin.

Berlin - Deutsche sind beliebte Opfer für Entführungen - die Lösegeldforderungen hoch. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes beschäftigt sich mit solchen Fällen. Und steckt immer wieder in einem Dilemma.

Der Krisenstab des Auswärtigen Amts gehört in Berlin zu den stillen Instanzen. Wer regelmäßig mit Terroranschlägen, Katastrophen und Entführungen zu tun hat, redet besser nicht so viel. Nur einmal im Jahr macht die Bundesregierung eine Ausnahme. Am nächsten Wochenende wieder: Beim alljährlichen Tag der Offenen Tür, ist auch ein Blick in den Keller des Außenministeriums erlaubt, wo die drei Dutzend Leute aus dem Krisenreferat 40 ihre Büros haben.

Auf Details zur laufenden Arbeit sollte dann allerdings niemand hoffen. Auch nicht zur kürzlichen Freilassung eines 27-jährigen Brandenburgers, der sich ein Jahr lang in Syrien in den Fängen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befand. Zu aktuellen Fällen sagt die Regierung so gut wie nie etwas. Nicht einmal eine genaue Zahl, wie viele Deutsche sich derzeit irgendwo auf der Welt in der Hand von Entführern befinden, ist bekannt.

Geschätzt wird, dass es etwa ein halbes Dutzend sind - darunter ein Seglerpaar, das im April vor der Küste der Philippinen verschleppt wurde, der Leiter eines Berufsbildungszentrums in Nigeria, der seit Mitte Juli verschwunden ist, sowie ein Entwicklungshelfer, der schon seit zweieinhalb Jahren in Pakistan vermisst wird. Nicht alle Fälle sind bekannt - auch wenn die Veröffentlichungen von entwürdigenden Videos für Geiselnehmer längst zum Handwerk gehört.

Auch die Familie des jungen Brandenburgers bekam ein solches Video, verbunden mit der Forderung nach Lösegeld. Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ ist darauf zu sehen, wie eine andere Geisel durch einen Schuss in den Kopf getötet wird. Der Brandenburger kam nach monatelangen Verhandlungen - geführt vom Krisenstab - im Juni frei. Am Ende, so berichtete am Montag die „Bild“-Zeitung, habe die Familie eingewilligt zu zahlen. Wie viel, blieb offen.

Der jüngste Fall gehört zu einer Entwicklung, die der Bundesregierung mehr und mehr Sorgen bereitet. Geiselnahmen sind für Terrorgruppen zum lukrativen Geschäftsmodell geworden. Das Auswärtige Amt spricht von einer „weltweit operierenden Entführungsindustrie“. „Es gibt, nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, eine zunehmende Tendenz, für extremistische und sinistre Zwecke Menschen zu entführen“, sagt Ministeriumssprecher Martin Schäfer.

Mit der Verschleppung von Ausländern aus westlichen Industrienationen wird längst nicht mehr nur der Zweck verfolgt, auf die eigenen Anliegen Aufmerksamkeit zu lenken. Damit lässt sich auch gutes Geld verdienen - was dann wiederum auch für den Kauf von neuen Waffen verwendet wird. Nach Schätzungen der „New York Times“ sollen europäische Regierungen seit 2008 allein an die Terrorgruppe El Kaida mindestens 125 Millionen Dollar Lösegeld gezahlt haben. Die USA hingegen kaufen Landsleute grundsätzlich nicht frei.

In Deutschland ist das schwieriges Terrain. Die Bundesregierung legt Wert auf die Feststellung, dass auch im Fall des Brandenburgers „keine öffentlichen Mittel“ verwendet wurden. „Die Bundesregierung ist nicht erpressbar“, sagt AA-Sprecher Schäfer. Der These, dass Deutsche in jüngster Zeit besonders oft zu Entführungsopfern gehören, widerspricht man im Auswärtigen Amt.

Aus früheren Fällen ist bekannt, dass für deutsche Geiseln über Umwege Lösegeld an Geiselnehmer gezahlt wurde. Eigentlich sind auch solche Zahlungen an Terrorgruppen durch eine Resolution der Vereinten Nationen verboten. Zugleich ist die Bundesregierung durch das Konsulargesetz verpflichtet, Leib und Leben der Entführten zu retten - in jedem Fall aufs Neue ein großes Dilemma.

„Wie der Staat sich auch verhält, er macht einen großen Fehler“, meint dazu der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU) in der „Märkischen Allgemeinen“ (Dienstag). „Er macht einen großen Fehler, wenn er Terrorgruppen durch Lösegeldzahlungen finanziell unterstützt. Und er macht einen mindestens ebenso großen Fehler, wenn er durch die Verweigerung von Zahlungen ein Menschenleben opfert.“

dpa

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