Dritte Corona-Welle

Rufe nach bundesweiten Ausgangssperren werden lauter - Wie wirksam ist diese Maßnahme?

Die Ausgangssperre soll kommen, zumindest wenn es nach Kanzlerin Angela Merkel geht. Doch wie wirksam ist sie? Experten liefern klare Antworten.

Hamm - Diese Ansage war deutlich! Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das Vorgehen vieler Bundesländer vor allem mit Blick auf die Auslegung der Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus scharf kritisiert. Ihr Tenor: Es gebe genug Instrumente, um die dritte Corona-Welle zu brechen. Die Länder bedienen sich aber nicht ausreichend daran. (News zum Coronavirus)

Angela Merkel regt Ausgangssperre wegen dritter Corona-Welle an - wie Effektiv ist die Maßnahme?

Bei ihren Ausführungen in der ARD-Sendung „Anne Will“ bezog sich Angela Merkel immer wieder auf Ausgangssperren als mögliches Mittel. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder setzt dieses Mittel in seinem Bundesland bereits seit längerem ein. Bundeseinheitlich seien diese zwar nicht durchsetzbar, sagte der CSU-Chef, aber: „Wenn die Kanzlerin die Initiative ergreifen würde, eine Initiative auf nationaler Ebene, Recht zu ändern und klare Vorgaben zu machen, hätte sie meine Unterstützung.“

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich für Ausgangssperren aus. Im privaten Umfeld würden sie sehr helfen, um Kontakte zu reduzieren, argumentierte er bei WDR 5. „Dass viele Treffen stattfinden, wissen wir aus den Bewegungsprotokollen der Fahrzeuge oder der Handydaten. Es ist nicht so, dass die Menschen abends nur alleine um den Block gehen.“

Es gibt jedoch auch reichlich Stimmen gegen eine Ausgangssperre - etwa die des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Sie „sind nicht nur ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Freiheit, die sind auch epidemiologisch unwirksam“, sagte er dem Fernsehsender Phoenix. Ausgangssperren seien „eine Symbolmaßnahme, die nichts bringt, und die ich deshalb außerordentlich kritisch sehe“, sagte der FDP-Chef. Da stellt sich die Frage: Sind Ausgangssperren tatsächlich wenig bis gar nicht effektiv, um die dritte Corona-Welle zu brechen?

Ausgangssperren im Kampf gegen Corona: Wissenschaftler zweifeln Wirksamkeit an

Tatsächlich gehen die Meinungen darüber auseinander. Konkrete Daten, wie sich bisherige Ausgangssperren wie zum Beispiel in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen oder Hessen ausgewirkt haben, gibt es nicht. Welche Effekte diese Maßnahme der Kontaktreduzierung - über Ostern gelten in NRW übrigens Ausnahmen der Kontaktbeschränkungen - gebracht haben, ist demnach unbekannt. Es gab Regionen, in denen die Inzidenz daraufhin nach unten ging - und eben welche, die hoch blieben.

Wissenschaftlich logisch ist: Je weniger Kontakte eine Person hat, desto geringer ist das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Die Zahl der Infektionen wird dadurch reduziert. Ebenso logisch: Je kleiner die Anzahl der Personen, desto wirkungsvoller ist diese Maßnahme.

Allerdings sind sich Forscher, auf die sich die Welt in einem Beitrag beruft, auch einig: In der ersten Welle brachte ein harter Lockdown wenig zusätzlichen Nutzen über die als wirksam eingestuften Einschränkungen hinaus. „Während der ersten Welle hätte man das Virus auch mit weniger strengen Maßnahmen eindämmen können“, wird der Wiener Peter Klimek von der Welt zitiert.

Wirken sich Ausgangssperren auf die Corona-Zahlen aus? Maßnahmen lassen sich einzeln schwer überprüfen

Das galt aber für die erste Welle. Mittlerweile ist Deutschland mitten in der dritten Welle, in der es die Länder unteren anderem mit Notbremsen versuchen, deren unterschiedliche Auslegung Kanzlerin Angela Merkel (CDU) scharf kritisierte. Ohnehin reagieren auch die Menschen jetzt anders auf Erlasse durch Corona-Schutzverordnungen oder Verbote als in der ersten Welle, als der Schock noch tiefer saß. Mittlerweile bricht man schon mal eher eine Regel und besucht Freunde oder Familie.

Auch eine britische Studie kam zu dem Ergebnis, dass Ausgangssperren im Vergleich zu anderen Maßnahmen weit weniger brächten. Aber: Je mehr Daten aus vielen Staaten vorlägen, desto mehr könne man die verschiedenen Corona-Regeln auf ihren Erfolg hin analysieren, heißt es in der Studie. Ohnehin lassen sich vereinzelte Verbote nur schwierig isoliert von den anderen Regeln auf ihre Wirksamkeit überprüfen.

Doch klar war den Forschenden: Das Verbot von Ansammlungen mit mehreren Personen zeigten den größten Effekt - gefolgt von Schließungen von Schulen, Geschäften, Restaurants und Fitnessstudios.

Diskussion um nächtliche Ausgangssperren - Niedersachsen reagiert

Andere Experten wiederum fürchteten eine „falsche“ Schlussfolgerung auf nächtliche Ausgangssperren: Personen könnten dann umso mehr versuchen, über den Tag - bis zum Beginn der Ausgangssperre - Dinge zu erledigen oder Leute zu treffen.

Rund um die von Angela Merkel erneut ins Spiel gebrachte bundeseinheitliche Ausgangssperre hat Niedersachsen bereits reagiert: Dort müssen Kommunen mit einem Inzidenzwert von mehr als 150 ab sofort nächtliche Ausgangssperren verhängen. Das geht aus einer am Montag in Kraft getretenen neuen Corona-Verordnung der Landesregierung in Hannover hervor. Dies gilt allerdings nur dann, wenn sich das Infektionsgeschehen nicht mehr hinreichend eingrenzen lässt und eine unkontrollierte Ausbreitung droht.

Laut Verordnung können Städte und Gemeinden mit einer Inzidenz zwischen 100 und 150 Ausgangssperren zudem bereits nach eigenem Ermessen einsetzen. Diese gelten dann zwischen 21 Uhr und 5 Uhr. Bei sogenannten triftigen Gründen gelten jedoch Ausnahmen. Dazu zählt etwa der Weg zur Arbeit oder zum Arzt.

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch/dpa

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