„Foreign Policy“-Kommentar

Drei „K“ und eine Anekdote erklären die Fehler der USA - die Afghanen sind nicht schuld

Ein Arbeiter in einer Holzwerkstatt in Kabul (Archivbild).
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Ein Arbeiter in einer Holzwerkstatt in Kabul (Archivbild).

Drei „K“ und eine Menge Brennholz geben Aufschluss: Der Diplomat und Politologe Kishore Mahbubani erklärt das US-Scheitern in Afghanistan.

  • Die USA und der Westen sind in Afghanistan gescheitert. An einer Aufarbeitung der Geschehnisse mangelt es noch.
  • In diesem Artikel legt Kishore Mahbubani seine Sicht auf die Ereignisse in Afghanistan dar - auch anhand einer anschaulichen Episode zur Wirtschaftshilfe im Land.
  • Mahbubani gilt als Politikwissenschaftler, ehemaliger Diplomat und früherer Präsident des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen als Koryphäe auf dem Gebiet der Internatonalen Beziehungen.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 24. August 2021 das Magazin Foreign Policy.

Von den Vereinigten Staaten könnte man behaupten, dass sie die erfolgreichste Gesellschaft der Welt sind. Warum sind es gerade sie, die so viel Blut und Geld für Einsätze im Ausland ausgeben – von Kambodscha und Vietnam bis Afghanistan und Irak – und dabei so spektakulär scheitern? Die Erklärungen suchen die Amerikaner in Ereignissen und Persönlichkeiten. Diese spektakulären Misserfolge lassen sich aber tatsächlich vielleicht eher auf tiefgreifende strukturelle Gründe zurückführen. Die Gründe lassen sich mit drei K zusammenfassen: Kontrolle, Kultur und Kompromisse.

Die größte Stärke der US-amerikanischen Gesellschaft ist ihre „can do“-Mentalität. Wenn die Amerikaner ein ehrgeiziges Ziel verfolgen, wie etwa einen Menschen auf den Mond zu schicken, übernehmen sie die volle Kontrolle und geben Vollgas. Auf amerikanischem Boden wirkt das Wunder. Im Ausland hingegen führt es zu Katastrophen.

Afghanistan: Drei Gründe für das Scheitern der USA - „K“ wie „Kontrolle“

Einen ersten Eindruck von Washingtons Problem mit dem ersten großen K – Kontrolle – bekam ich 1973 in Phnom Penh. Als junger, alleinstehender Diplomat in der singapurischen Botschaft in der vom Krieg gezeichneten kambodschanischen Hauptstadt ging ich mit einer jungen Diplomatin der US-Botschaft aus. Sie hatte einen leichten Job. Jeden Morgen erhielt sie klare Anweisungen aus Washington, was Kambodscha mit seiner angeschlagenen Wirtschaft tun sollte. Sie fuhr dann persönlich zum kambodschanischen Wirtschaftsminister und überbrachte ihm die Anweisungen. Das war schon sinnvoll, da in Washington einige der besten Wirtschaftswissenschaftler der Welt tätig waren. Gleichzeitig wurde die kambodschanische Regierung dadurch jeglicher Handlungsfähigkeit und der Kontrolle über ihr eigenes Schicksal beraubt. Als die Vereinigten Staaten abzogen, scheiterte die glücklose Regierung daher.

Auch die größere afghanische Armee hat sich mit 300.000 Mann gut gegen die kleinere Taliban-Armee mit 75.000 Mann geschlagen, als US-Kommandeure und Soldaten in die afghanischen Armeeeinheiten integriert waren, um Beschlüsse zu fassen und zu entscheiden, wann und wie gekämpft werden sollte. Wie die kambodschanische Regierung hatte auch die afghanische Armee keine Kontrolle über ihr Schicksal. Als die USA die Kontrolle aufgaben, brach alles in sich zusammen. Künftige Historiker werden ein seltsames Paradoxon in diesem traurigen Kapitel der afghanischen Geschichte erkennen. Die Vereinigten Staaten gingen nach Afghanistan, um eine Demokratie aufzubauen und zu fördern. Aber dadurch, dass die Amerikaner 20 Jahre lang die effektive Kontrolle über Afghanistan übernommen haben*, hätten sie sich nicht undemokratischer verhalten können.

Afghanistan: Drei Gründe für das Scheitern der USA - „K“ wie „Kultur“

Das zweite problematische K steht für Kultur. Die Amerikaner gingen davon aus, dass die Regierung des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani* rechtmäßig sei, weil sie nach den demokratischen Regeln der USA gewählt worden war. Wirklich? An den letzten nationalen Wahlen nahmen nur etwa 1,8 Millionen Afghanen teil – bei 9,7 Millionen registrierten Wählern und einer Bevölkerung von 31,6 Millionen Menschen. Als dagegen eine Mission der Vereinten Nationen unter der Leitung des brillanten algerischen Diplomaten Lakhdar Brahimi versuchte, nach dem Zusammenbruch der ersten Taliban-Regierung im Jahr 2001 eine neue afghanische Regierung zu bilden, orientierte sich Brahimi an der weitreichenden afghanischen Geschichte und Kultur und berief eine Loya Jirga ein, einen traditionellen Rat regionaler Führer, der über wichtige nationale Fragen berät. Der Prozess war chaotisch. Die Vereinten Nationen konnten ihn nicht kontrollieren. Die aus dem Loya-Jirga-Prozess hervorgegangene Regierung genoss jedoch mehr Legitimität und Ansehen als die sogenannte demokratisch gewählte Regierung von Ghani.

Es ist überraschend, dass die Vereinigten Staaten keine wertvollen Lektionen aus ihren erfolgreicheren Besetzungen in Übersee gezogen haben. Nach der Kapitulation Japans im Jahr 1945 war es eine brillante Entscheidung, den damaligen japanischen Kaiser Hirohito auf dem Thron zu belassen, anstatt ihn als Kriegsverbrecher zu verfolgen, was die USA hätten tun können. Seine Kontinuität im Amt gab den Japanern die Gewissheit, dass ihre Kultur respektiert wurde. Die Amerikaner, die in Afghanistan eingesetzt wurden, um das politische System Afghanistans wiederaufzubauen, zeigten wenig Respekt vor der afghanischen Kultur.

Experte Kishore Mahbubani bei einem Besuch in Rom. (Archivbild)

Afghanistan: Drei Gründe für das Scheitern der USA - „K“ wie „Kompromiss“

Das dritte K steht für Kompromiss. Wenn man fremden Boden betritt, ist es nur vernünftig, Kompromisse einzugehen und die lokalen Institutionen zu akzeptieren. Der Einsatz im Irak scheiterte spektakulär an einer katastrophalen Entscheidung – und sie resultierte aus der Weigerung, in Bezug auf die die vollständige Auflösung der irakischen Armee und der Baath-Partei, zweier Säulen der irakischen Gesellschaft, Kompromisse einzugehen. Als die Vereinigten Staaten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten, gab die US-Militärführung die umfassende Entnazifizierung schnell auf, nachdem sie erkannt hatte, dass sie alle Verwaltungsbeamten brauchte, die sie bekommen konnte, um zu verhindern, dass das Land im Chaos versinkt. Da die Parteimitgliedschaft für den Staatsdienst praktisch obligatorisch gewesen war, gab es einfach nicht genügend erfahrene, aber unbelastete Verwaltungsbeamte.

USA und ihre Fehler in Afghanistan: Kooperation mit dem Iran wäre sinnvoller gewesen

Die enorme Macht der Vereinigten Staaten ist ihr größter Vorteil und gleichzeitig ihre größte Schwäche. Bei so viel Macht steht Washington nie unter Druck, Kompromisse einzugehen, selbst wenn dies vernünftig wäre. Hier ein einfaches Beispiel: Afghanistan ist eine alte Gesellschaft* mit einem noch älteren Nachbarn, dem Iran*. Nach Jahrtausenden des Zusammenlebens muss es in der iranischen Geschichte und Kultur viel Weisheit darüber geben, wie man mit Afghanistan zurechtkommt. Das Vernünftigste, was die US-Regierung hätte tun können, wäre es gewesen, ihre Differenzen mit den Iranern in anderen Fragen beizulegen und zumindest über die Schaffung einer starken und unabhängigen politischen Einheit in Afghanistan mit ihnen zu beraten. Und es ist gut möglich, dass der Iran kooperiert hätte, weil das Land durch ein von den Taliban kontrolliertes Afghanistan noch mehr zu verlieren hatte als die Vereinigten Staaten. Doch schon der Gedanke an einen Kompromiss mit dem Iran scheint in Washington unvorstellbar zu sein.

Wenn die USA ihre großen strukturellen Fehler in Afghanistan und in anderen Ländern nicht einsehen, werden sie diese immer wieder wiederholen. Dennoch gibt es kaum Anzeichen für ein ernsthaftes Umdenken. Stattdessen machen viele in Washington die Afghanen für dieses katastrophale Scheitern verantwortlich und verweisen insbesondere auf Korruption. Aber Korruption erfordert sowohl Nachfrage als auch Angebot. Hätten die Vereinigten Staaten Afghanistan nicht in einem Tsunami von schlecht abgerechneten Dollars ertränkt, wäre es nicht zu Korruption gekommen.

Afghanistan: USA leisteten milliardenschwere Aufbauhilfe - Anekdote erklärt Verbleib von Teilen des Geldes

Seltsamerweise ist einer der akademischen Experten zu diesem Thema Ghani selbst. In einem Buch aus dem Jahr 2008 beschreiben er und seine Mitautorin Clare Lockhart ein Projekt, das das Problem vieler ausländischer Hilfen verdeutlicht. Obwohl die Hilfe von verschiedenen Organisationen der Vereinten Nationen und gemeinnützigen Organisationen geleistet wurde, kam der Großteil der Gelder aus den Vereinigten Staaten. Diese Geschichte, die auch in Lockharts Essay für Prospect besprochen wird, ist es wert, ausführlich zitiert zu werden, da sie perfekt beschreibt, was bei der US-Mission in Afghanistan grundlegend schief gelaufen ist.

Lockhart traf einen Dorfbewohner in Afghanistan, der ihr eine Geschichte darüber erzählte, wie 150 Millionen Dollar sich buchstäblich in Rauch auflösten. Sie erzählt, dass der Mann sagte: „Wir haben im Radio gehört, dass es in unserer Region ein Wiederaufbauprogramm geben wird, das uns helfen soll, unsere Häuser nach unserer Rückkehr aus dem Exil wieder aufzubauen, und wir waren sehr froh darüber.“

„Das war im Sommer 2002“, fährt Lockhart fort. „Das Dorf lag in einem abgelegenen Teil der Provinz Bamiyan im zentralen Hochland Afghanistans, mehrere Autostunden von der Provinzhauptstadt entfernt und damit völlig abgeschnitten von der Welt. UN-Organisationen und NRO boten übereilte Projekte mit „schneller Wirkung“ an, um den afghanischen Bürgern nach dem Krieg zu helfen. [Diese 150 Millionen Dollar] hätten das Leben der Bewohner von Dörfern wie diesem verändern können.“

„Aber es sollte nicht sein, wie der junge Mann erklärte: ‚Nach vielen Monaten war sehr wenig passiert. Wir sind vielleicht ungebildet, aber nicht dumm. Also gingen wir hin, um herauszufinden, was los war. Wir fanden Folgende heraus: das Geld ging bei einer Agentur in Genf ein, die 20 Prozent einstrich und den Auftrag an eine andere Agentur in Washington DC weitervergab, die ebenfalls 20 Prozent einstrich. Wieder wurde ein Unterauftrag vergeben, und weitere 20 Prozent wurden abgezogen. Das geschah dann erneut, als das Geld in Kabul ankam. Zu diesem Zeitpunkt war nur noch sehr wenig Geld übrig, aber genug, um im Westen Irans Holz zu kaufen und es von einem Transportkartell, das einem Provinzgouverneur gehörte, zum Fünffachen der Kosten eines normalen Transports verschiffen zu lassen. Schließlich erreichten einige Holzbalken unsere Dörfer. Aber die Balken waren zu groß und zu schwer für die Lehmwände, die wir bauen können. Also blieb uns nichts anderes übrig, als sie zu zerhacken und als Brennholz zu verwenden.“

USA und Afghanistan: Eine ernsthafte Reflexion muss stattfinden

Künftige Historiker werden sich wundern, dass US-Steuerzahler eine Billion Dollar in Afghanistan ausgegeben haben, ohne dass positive Ergebnisse erzielt wurden. Diese kleine Geschichte veranschaulicht, wie es dazu kommen konnte: man muss diese Geschichte nur mit zahllosen Agenturen und Auftragnehmern, die alle ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen, multiplizieren.

Es wäre daher ein großer Fehler für die Amerikaner, den Afghanen, die Opfer von Fehlern in Washington wurden, die Schuld zu geben. Genau an dieser Stelle muss eine ernsthafte Reflexion stattfinden.

von Kishore Mahbubani

Kishore Mahbubani ist Mitglied des Asien-Forschungsinstituts der National University of Singapore und Autor des Buches Has China Won? The Chinese Challenge to American Primacy.Twitter: @mahbubani_k

Dieser Artikel war zuerst am 24. August 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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