Mehrgenerationen-Wohnen in Bonn 

Wohnen von der Wiege bis zur Bahre - das Projekt „Amaryllis“

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Ein erfolgreiches Wohnprojekt: Die integrative und selbstverwaltete Wohngenossenschaft „Amaryllis“– hier die „Villa Emma“ – in Bonn.

Bonn - Immobilienpreise und Mieten steigen derzeit ebenso wie der Bedarf nach Pflege im Alter. In Bonn wird bald ein Projekt vollendet, das dann das genossenschaftliche Wohnen von der Wiege bis zur Bahre bietet. Keimzelle ist die Wohngenossenschaft „Amaryllis“, die seit 2007 Pionierarbeit im Bereich der alternativen Wohnformen leistet. Ein Besuch.

Letztens hat Gerd Hönscheid-Gross einen Bericht im Fernsehen gesehen, in dem ein angeblich besonderer architektonischer Kniff gelobt wurde, der zugleich den Wohnraum vergrößert und Heizkosten spart. Indem auch Wohnungen in den oberen Etagen über eine angebaute Galerie einen Außeneingang bekommen, es also keinen Eingangsflur mehr gibt

Jetzt blickt Hönscheid-Gross nach oben auf die Stahlkonstruktion, die die obere Etage des Wohnprojektes „Amaryllis“ umschließt und über die die Anwohner in ihre Wohnungen gelangen. „Das haben wir hier schon 2006 gebaut“, sagt der 72-Jährige. Und lächelt.

Die Wohngenossenschaft „Amaryllis“

1991 kam Gerd Hönscheid-Gross mit seiner Frau Silke Gross nach sechs Jahren Entwicklungsarbeit in Mosambik in seine Heimat zurück und fragte sich: „Wie wollen wir alt werden?“ Das Ehepaar konnte sich nicht vorstellen, im kindergerechten Einfamilienhaus zu leben, wenn der Nachwuchs aus dem Haus ist.

„Damals kam der Gedanke des Mehrgenerations-Wohnens erst gerade auf, da gab es noch nicht viele Initiativen“, erinnert sich Hönscheid-Gross. „Ein kleiner Trupp von acht Leuten“ gründete schließlich nach langem Vorlauf die Genossenschaft, die „Amaryllis“ genannt wurde, weil gerade eine dieser Pflanzen auf dem Tisch stand.

2006 war Baubeginn, das richtige Gelände war gefunden. Drei Häuser auf einen Schlag entstanden, 2007 erfolgte der Einzug. Einen Steinwurf von einer Bahn-Haltestelle entfernt, von hier dauert die Fahrt in die Bonner Innenstadt lediglich zwölf Minuten. 48 Erwachsene und 13 Kinder wohnen aktuell hier, verteilt auf 33 Wohneinheiten.

Schon lange hat sich „Amaryllis“ als Wohngenossenschaft etabliert. Hier Mitglied zu werden, ist heutzutage nicht mehr so einfach. „Das kann sich auch mal über Monate hinziehen“, sagt Helga Born. Nach der Phase des Kennenlernens in Kleingruppen – das dauert meist um die drei Monate – folgt ein „Bewohnertreffen“.

Die Idealvorstellung der Altersmischung beschreibt Helga Born (rechts) so: „Ein Drittel unter 40, ein Drittel zwischen 40 und 60 und ein Drittel darüber.

„Das ist unser wichtigstes Entscheidungsgremium. Wir haben dabei schon seit vielen Jahren das Mehrheitsprinzip abgeschafft und ersetzt durch ein systemisches Konsensieren. Das ist dann aber nicht – wie ich es noch aus den Zeiten der Friedensbewegung kenne – mit endlosen Debatten verbunden, ganz im Gegenteil“, sagt Hönscheid-Gross. Bei diesem Entscheidungsmodell wird der Vorschlag favorisiert, der die geringste Ablehnung erfährt.

Altersmischung soll aufrecht erhalten werden

Ebenfalls wichtig: Es gibt für das Projekt „Amaryllis“ keine Wartelisten, sondern Interessentenlisten. „Wir müssen diese wichtige Altersmischung aufrecht erhalten. Wir müssen es uns bei jeder Wohnung überlegen, ob wir es uns leisten können, noch eine ältere Person aufzunehmen. Wir werden ja selbst immer älter. Normalerweise brauchen wir jüngere Leute“, erklärt Hönscheid-Gross.

Die großen Wohnungen seien für junge Familien. Dabei falle es „Amaryllis“ „relativ leicht, jüngere Leute anzulocken“. Hönscheid-Gross: „Allein die Tatsache, dass schon Kinder da sind, hilft da viel. Wichtig ist natürlich auch die Lage. Wir sind in einem Wohngebiet mit der höchsten Kinderquote in Bonn.“

Die Idealvorstellung der Altersmischung beschreibt Helga Born so: „Ein Drittel unter 40, ein Drittel zwischen 40 und 60 und ein Drittel darüber. Wir brauchen auch Leute, die den Rasen mähen oder auf eine Leiter steigen können. Wir sind eine selbstverwaltete Genossenschaft, wir haben keinen Hausmeister oder Verwalter. Es ist erwünscht, dass sich die Leute an Arbeitsgruppen beteiligen.“

Ökologisches und nachhaltiges Leben ist ein wichtiges Thema

Immer wichtiger wurde bei den „Amaryllen“ im Laufe der Jahre auch die Nachhaltigkeit. Helga Born sagt: „Wir wollen ein ökologisches und nachhaltiges Leben in den Alltag überführen.“ Weshalb sich mittlerweile viele Einzelinitiativen gegründet hätten.

Zwei Mal in der Woche wird übrig gebliebenes Brot vom Bäcker geholt. Mitbewohner, die in der solidarischen Landwirtschaft organisiert sind, sorgen für Gemüsekisten. Alltägliche Gebrauchsmittel wie Seifen oder Speiseöle werden in großen Gebinden gekauft. „Es nimmt nicht jeder dran teil“, sagt Born: „Aber das Interesse ist groß.“ Autos werden ebenso geteilt wie Werkzeuge, Waschmaschinen oder Gefrierschränke. „Die Vorteile dieses Systems werden schnell erkannt, es geht nicht nur um Ökologie, sondern auch um Ökonomie.

Lebenslinien: Mit bunten Bändern wird die Wohndauer von „Amaryllis“-Bewohnern in einem der Gemeinschaftsräume festgehalten und dokumentiert.

Man kann schlichtweg sparen“, sagt Hönscheid-Gross. Jeder Waschgang kostet einen Euro, es wird per Strichliste und privat abgerechnet, ohne dass es durch die Genossenschaftsbücher geht. Und von den ursprünglich 27 Autos ist mittlerweile gut die Hälfte verschwunden.

Doch im Alter stößt durch den erhöhten Pflegebedarf auch das Wohnprojekt „Amaryllis“ an seine Grenzen. „Wir hatten drei ältere Damen, die ihre Wohnung nicht mehr bewirtschaften konnten. Auch unsere internen Hilfssysteme haben da nicht gereicht. Deshalb mussten diese drei Personen in ein Heim umziehen. Das hat uns sehr geschmerzt, weil alle drei sehr überzeugt von unserem Projekt waren“, sagt Born. So entstand zunächst die Idee für eine Wohnpflegegemeinschaft.

Die „Villa Emma“

„Es gibt in einer Solidargemeinschaft Grenzen. Dafür wollten wir eine Alternative schaffen“, sagt Hönscheid-Gross. So beschlossen seine Frau Silke und er, ein separates Projekt aufzuziehen und dabei auf die engen Verbindungen zu „Amaryllis“ zu bauen.

Seit November 2011 leben in der „Villa Emma“ unweit der Amaryllis-Häuser zwölf Erwachsene in zwölf Wohnungen zwischen 40 und 60 Quadratmetern Größe. Der Grundgedanke dabei: Die „Villa Emma“ ist ein Projekt in erster Linie für Menschen mit höherem Pflege- und Unterstützungsbedarf. „Aber nicht ausschließlich“, sagt Hönscheid-Gross. Der gesellschaftliche Bezug der „Villa Emma“ in der Nachbarschaft ist groß. Gästezimmer und Gemeinschaftsräume sind auch für die Nachbarschaft zugänglich.

Automatische Türen und Liegend-Aufzug 

„Es geht auch um den demographischen Wandel. Wie schaffen wir es für Personen mit Einschränkungen, Alternativen zum Heim zu schaffen?“, sagt Hönscheid-Gross. 

Und Helga Born ergänzt: „Das gilt vor allem für jüngere Behinderte, die keine Möglichkeit haben, irgendwo unter jüngeren Menschen unterzukommen. Jüngere Rollstuhlfahrer müssen in aller Regel in ein Alten- oder Pflegeheim. Keine schöne Aussicht.“

Es gibt in der Villa keinerlei Barrieren, es gibt automatische Türen und einen Liegend-Aufzug wie im Krankenhaus. Der Anteil der Sozialwohnungen liegt bei 50 Prozent, Fördermittel kamen von Stadt, Land und Bund. Christian Schulte-Lohmoeller, der an der so genannten Glasknochen-Krankheit leidet, ist froh, hier zu leben.

„Man kann hier viel leichter mal eben zum Nachbarn gehen und fragen: Kannst Du mir mal eben helfen? Jeder, der hier eingezogen ist, weiß, dass er sich einbringen muss so weit es geht. Dadurch, dass das Grundvoraussetzung ist, fällt es einem auch leichter“. sagt der 43-Jährige: „Diese Wohnform kommt für mich dem Ideal am nächsten. Hier habe ich die Selbstständigkeit, die ich mir wünsche. Und gleichzeitig die Einbindung in eine Gemeinschaft.“

Das Projekt „Amaryllis PLuS“

Wenn Hönscheid-Gross vom „letzten Bauteil“ des Gesamtprojektes spricht, blickt er hinüber auf ein noch brach liegendens Grundstück auf der anderen Seite der Bahnlinie. Hier soll „Amaryllis PLuS“ entstehen, die Pläne lägen „fertig in der Schublade“, auch die Finanzierung stehe.

„Wir werden das zusammen mit der Caritas betreiben. Es wird 24 Stunden am Tag Pflege geleistet“, so Hönscheid-Gross. 16 Genossenschaftswohnungen sind geplant sowie eine Wohn-Pflege-Gemeinschaft mit neun Plätzen für Personen mit hohem Pflegebedarf. Einen schmerzhaften Umzug in ein Pflegeheim soll es für die „Amaryllen“ so künftig nicht mehr geben. „Hier werden die Bewohner dann auch sterben können“, sagt Hönscheid-Gross. - Jens Greinke

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