Salzabbau am Niederrhein

Der Winter könnte kommen: Die Salzlager in Borth sind gefüllt

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Salzabbau in über 750 Metern Tiefe: Ein Bergmann steuert den Sprengbohrer-Wagen mit einer Fernbedienung.

Das Salzbergwerk in Borth in der Nähe von Rheinberg ist eines der größten in ganz Europa – und hat wie viele andere Wirtschaftszweige mit dem Klimawandel zu kämpfen. Denn ein Großteil des hier abgebauten Salzes ist für den Winterdienst auf den Straßen in NRW und den Benelux-Ländern gedacht.

Rheinberg – Das Salzbergwerk in Borth in der Nähe von Rheinberg ist eines der größten in ganz Europa – und hat wie viele andere Wirtschaftszweige mit dem Klimawandel zu kämpfen. Denn ein Großteil des hier abgebauten Salzes ist für den Winterdienst auf den Straßen in Nordrhein-Westfalen und den Benelux-Ländern gedacht. Die Nachfrage nach Auftausalz ist in dieser Saison bislang gering.

Während die meisten Menschen in Deutschland darauf warten, dass der Winter so bald wie möglich einem herrlichen, beschwingten Frühling weicht, hat Ulrich Göbel die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „In den vergangenen Jahren kam die Kälte oft erst im Februar“, sagt der Unternehmenssprecher der K+S AG und blickt in den wolkenverhangenen Himmel über dem Niederrhein, aus dem immer wieder vereinzelte Schauer niedergehen..

Hier in Borth steht das einzige Salzbergwerk in NRW, es wird betrieben von der K+S Gruppe aus Kassel, dem weltweit größten Produzenten von Salz. Und weil in Borth immer noch zu einem Großteil Auftausalz für den Winterdienst gefördert wird, präferieren die Mitarbeiter Temperaturen um den Gefrierpunkt und Niederschläge. Denn dann können sie sicher sein, dass das Geschäft läuft. Wie im Rekordwinter 2010, als die Bild-Zeitung sorgenvoll per Schlagzeile fragte: „Streusalz wird knapp – Droht jetzt das totale Schnee-Chaos auf Autobahnen?“ Und als in Borth LKW-Ladung für LKW-Ladung Auftausalz abtransportiert wurde. „Wenn sie im Radio hören: Glättegefahr, Niederschlag, Blitzeis – das ist unser Wetter“, sagt Ralf Hegemann, Leiter der Produktion und Technik unter Tage in Borth. Hegemann spricht vom „Tänzchen um den Gefrierpunkt“. Wenn die Autofahrer fluchen, kriegen sie hier draußen in Borth das Lächeln nur schwer aus dem Gesicht. Fast alle der 350 Menschen, die in dem Bergwerk arbeiten, haben ein Gespür für Salz. Hegemann beispielsweise hat schon als Kind gerne den Kristallen beim Wachsen in der Glasschale zugesehen.

„2010 aus allen Rohren gefeuert“

In den Rekordwintern 2009 und 2010 habe man „aus allen Rohren gefeuert“, wie es Unternehmenssprecher Göbel ausdrückt. Die Normalproduktion liege täglich zwischen 7000 und 8000 Tonnen, damals sei man bei 12.000 Tonnen an die Kapazitätsgrenze des Bergwerkes gestoßen. Und dennoch sei das Streusalz knapp geworden. Infolge dieser Schneewinter habe man große Lagerbestände aufgebaut. Heute habe man die Möglichkeit, allein im Werk Borth über eine Viertelmillion Tonnen zu lagern. „180.000 Tonnen in Bunkern unter Tage und gut 80 000 Tonnen in unserer 160 Meter langen Lagerhalle“, sagt Hegemann...Während man an der Erdoberfläche an diesem Tag angesichts der tief hängenden Wolken die Befürchtung haben muss, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt, scheint sich 740 Meter tiefer ein Baldachin von glitzernden Sternen aufzuspannen. Es sind Salzkristalle, die das Licht der Lampen und Scheinwerfer hier unten reflektieren und die Firste der Strecke reizvoll funkeln lassen. „Wir stehen hier im besten Salz“, sagt Betriebsführer Uwe Blättermann, und man hört einen gewissen Stolz in der Stimme des 58-Jährigen. Das Salz, das hier täglich tonnenweise abgebaut wird, könne man „so, wie es ist, zerkleinern und in den Salzstreuer fürs Frühstücksei füllen“, sagt Blättermann und scheint darauf zu warten, dass man eine Prise kostet. Tatsächlich weisen die Klumpen und Brocken, die hier herumliegen, so gut wie keine Verunreinigungen auf. Und der Staub, auf dem man herumläuft, ist so weich und weiß wie frisch gefallener Pulverschnee. Alle paar Minuten leckt man sich über die Lippen, um den salzigen Geschmack zu schmecken, den der feine Salzpuder, der hier unten durch die Luft wirbelt, hinterlässt. Wenn man die Augen dabei schließt, könnte man sich auch am Meer wähnen. Es ist ein frischer, würziger Geschmack. „Und dabei völlig ungefährlich“, wie Blättermann versichert: „Es gibt im Salzbergbau keine Berufskrankheiten.“

So wird im Salzbergwerk Borth Salz abgebaut

Der Produktionsleiter war früher auch im Steinkohlebergbau tätig, weshalb er um die Unterschiede dieser beiden Abbaustätten unter Tage weiß. Hier in Borth sind die Strecken weitläufiger und größer als in einer Kohlezeche. Und es ist eben heller, weil das Salz die künstlichen Lichtquellen reflektiert und nicht schluckt wie ein rabenschwarzer Kohle-Flöz. Dafür ist die Arbeit der Kumpels hier unten oft eine recht einsame. Einer der Bergleute steht allein am Ende eines Streckenvortriebs und bereitet die nächste Sprengung vor. Sein einziger „Kumpel“ dabei ist der riesige Sprengbohrer-Wagen, den er mit einer Fernbedienung steuert. Die vielen Löcher für die gut 600 Kilogramm Andex, die für jede Sprengung verwendet werden, werden mithilfe einer hochmodernen Software in exakten Abständen gebohrt, damit der Vortrieb bei jeder neuen Sprengung gleichmäßig abgebaut wird. Bei jeder Detonation werden gut 1400 Tonnen Salz freigesetzt. Etwas geselliger ist es bei denjenigen Kumpeln, die die die Löcher mit Andex füllen: Sie arbeiten als Duo.

Das losgesprengte Salz ist dann Sache des Frontschaufel-Laders, einem stählernen Monster mit 360 PS, das aufgrund seiner geduckten Bauart ein wenig aussieht, als habe man es für einen Star-Wars-Film gebaut. Dieses Fahrzeug entfacht während seiner Arbeit mit seinen zwei Meter hohen Reifen ein wahres Inferno aus Salzstaub; man glaubt, in einem Sandsturm zu stehen, was durch die Temperaturen hier unten von gut 35 Grad noch verstärkt wird. 20 Tonnen fasst die riesige Schaufel des Laders – der ebenfalls einen einsamen Arbeitsplatz darstellt. Der Bergmann, der ihn geradezu virtuos durch die gut fünf Meter hohe Strecke steuert, sitzt während seiner Schicht allein in der abgekapselten und klimatisierten Kabine. 1000 bis 1200 Tonnen gelangen so bei jeder Schicht alleine von einem Ladepunkt auf die insgesamt 25 Kilometer langen Band-Anlagen, die das Salz erst in insgesamt acht Lager-Bunker transportieren. Danach wird das „Weiße Gold“ durch Schacht 1 an die Oberfläche befördert.

Vom Streu- bis hin zum Pharmasalz

Im Jahr 2003 begann die Umstrukturierung des Bergwerkes in Borth – weg vom Industrie- und Auftausalz. Die Produktion des Auftausalzes für den Winterdienst auf den Straßen in NRW macht mittlerweile nur noch 50 Prozent der Gesamtproduktion aus. Ansonsten wird das Salz in Borth auch zu Gewerbesalz, Viehsalz, Elektrolysesalz, Geschirrspülersalz bis hin zu hochreinem Pharmasalz verarbeitet. Aus letzterem werden beispielsweise die Infusionen hergestellt, die in Kliniken verabreicht werden. Die Produktion von Speise- und Tafelsalz macht nur vier Prozent aus.

Die 160 Meter lange Lagerhalle ist derzeit gefüllt bis unter das Wellblech-Dach. Der Winter kann also kommen, wenn er denn will. Im Bergwerk Borth hoffen sie darauf. - Jens Greinke

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