Landgericht Hagen

Pflegekind-Prozess: Gericht spricht Urteil gegen Pflegevater

Richter Potthast, Landgericht Hagen, im Pflegekindprozess.
+
Richter Potthast verurteilte den Pflegevater aus Plettenberg zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren und sechs Monaten.

Im Revisionsprozess um den Tod eines Plettenberger Pflegekindes ist das Urteil gefallen. Das Landgericht Hagen hat den Pflegevater zu einer langen Haft verurteilt.

Plettenberg – In dem mit Spannung erwarteten Urteil im Revisionsverfahren gegen einen 32-jährigen Plettenberger, durch dessen Gewalteinwirkung ein 17 Monate altes Pflegekind im Januar 2019 nach einer Notoperation im Uniklinikum Essen verstarb, ging es am Freitag am Landgericht Hagen vor allem um das Strafmaß.

Staatsanwalt Jörn Kleimann forderte eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren für den Totschlag und blieb damit nur ein halbes Jahr unter seiner Forderung aus dem vorherigen Verfahren. Er sah keine Affekthandlung. Der Angeklagte habe das Opfer - ein behindertes Kleinkind - mehrfach stark geschüttelt und mit mindestens fünf Schlägen eines metallischen Staubsaugerrohres im Kopfbereich traktiert. Zudem habe er große Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit und der fehlenden Erinnerung an die Tat. Zugute hielt er dem Plettenberger, dass er durch seine Inhaftierung wegen eines solchen Vergehens in der Haftanstalt „besonderen Härten“ ausgesetzt sei und keine Vorstrafen habe.

Urteil im Pflegekindprozess: Nebenklage erkennt keine Affekthandlung

Rechtsanwalt Arndt Kempgens, der als Nebenklägerin die leibliche Mutter des Pflegekindes vertrat, sah sich voll auf einer Linie mit der Forderung des Staatsanwaltes. „Das sehr kleine und sehr kranke Pflegekind sollte bei dem Angeklagten eine bessere Zeit haben, aber es ist nicht besser geworden, denn das Kind wurde zu Tode geschüttelt und erlitt schwerste Kopfverletzungen“, so Kempgens. Den Überlebenskampf habe das Kleinkind letztlich verloren. Auch Kempgens sah keine Affektivität und hielt ein Strafmaß von zwölf Jahren Haft ebenfalls für angemessen.

Nikolai Odebralski, Strafverteidiger des Plettenbergers, erinnerte in seinem Plädoyer an die schwierige familiäre Situation des Angeklagten mit den heillos zerstrittenen Eltern. Dennoch sei er ein liebevoller Vater gewesen, der seine eigenen Interessen zurückgestellt habe. „Wir haben hier nicht das Bild eines gewaltbereiten Vaters.“ In der weit überwiegende Zeit sei es dem Pflegekind in der Familie gut gegangen. Die eigentliche Tat erklärte der Anwalt so: „Es stauten sich immer mehr Dinge auf und fanden kein Ventil.“

Der Angeklagte nahm das Urteil regungslos zur Kenntnis.

Urteil im Pflekindprozess: „Mehr Fragezeichen als Lösungen“

Der gesamte Fall habe am Ende mehr Fragezeichen als Lösungen ergeben und auch der Sachverständige habe nicht ausschließen können, dass der Angeklagte im Affekt gehandelt habe. Wenn das der Fall sei, müsse die Strafe gemildert werden. Aus seiner Sicht sei ein Strafmaß von achteinhalb Jahren ausreichend.

„Die moralische Schuld übersteigt die juristischen Konsequenzen deutlich. Mein Mandant wird in Plettenberg nie wieder Fuß fassen können“, sagte Odebralski.  Falls der Angeklagte im Jahr 2025 entlassen werde, müsse er sich sein Leben komplett neu aufbauen, so der Verteidiger, der andeutete, dass er nur bei einem Strafmaß von acht bis neun Jahren von einer Revision absehen würde.

Rechtsanwalt Christoph Hilleke stieß ins gleiche Horn. „Was geschehen ist, ist dem Angeklagten wesensfremd. Ein deutlich aggressionsgehemmter Mensch rastet an einem Tag aus.“ Er ging ebenfalls von einer Affekthandlung aus. „Die härteste Strafe erlebt der Angeklagte in seinem Inneren“, so Hilleke, der abschließend ebenfalls achteinhalb Jahre forderte.

Urteil im Pflegekindprozess: Emotionale Worte des leiblichen Vaters

Sehr emotional wurde es, als der leibliche Vater des verstorbenen Pflegekindes in Ermangelung eines Rechtsbeistandes das Wort selbst erhob. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch so etwas tut. Ich habe vor dir keinen Respekt. Du bist für mich ein Monster“, so der leibliche Vater, der mit seinen zweijährigen Sohn öfter das Grab des Kleinkindes besuche. „Du hast uns alles genommen, was uns lieb ist“, so der Nebenkläger.

Bevor Richter Potthast nach eingehender Beratung das Urteil verkündet, hatte der 32-jährige Plettenberger das letzte Wort: „Ich kann nur sagen, dass es mir vom ganzen Herzen leid tut. Ich vermisse ihn jeden Tag und weiß selbst nicht, wie es passieren konnte.“
 
Um 11.51 verkündet Richter Potthast das Urteil und verurteilte den Plettenberger zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten. Die seit der Tat bereits verbüßte Haftdauer von 28 Monaten wird dabei angerechnet. Der Angeklagte muss nun noch für acht weitere Jahre ins Gefängnis. Die Kammer sieht keine Affekthandlung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare