Versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung

Baby in Müllsack gesteckt: So lautet das Urteil des Schwurgerichtes gegen die Mutter (31)

Die Angeklagte wurde beim Prozessauftakt mit einem großen Tuch geschützt. Links im Bild ihre Anwältin Julia Kusztelak (Archivbild).
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Die Angeklagte wurde beim Prozessauftakt mit einem großen Tuch geschützt. Links im Bild ihre Anwältin Julia Kusztelak (Archivbild).

Die 31-jährige Kiersperin, die am 14. Juni ihre neugeborene Tochter in einen Müllsack steckte, muss wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.

  • Die Frau (31) aus Kierspe, die ihr neugeborenes Baby in den Müll steckte, muss für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.
  • Die Schwurgerichtskammer ging damit sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus.
  • Der Richter hielt die angeklagte Mutter für voll schuldfähig.

Hagen/Kierspe - Mit diesem Urteil ging die Schwurgerichtskammer Hagen sogar eineinhalb Jahre über den Antrag von Oberstaatsanwalt Bernd Haldorn hinaus.

Die Verteidiger Julia Kusztelak und Andreas Trode hatten ihren Antrag auf eine lediglich zweieinhalb Jahre dauernde Haftzeit mit dem psychischen Ausnahmezustand begründet, in dem sich die Angeklagte aufgrund der unerwünschten Schwangerschaft und der dramatischen Umstände der völlig unerwarteten Alleingeburt befunden hatte.

Baby im Müll: "Enscheidung früh gefallen"

Die Schwurgerichtskammer lenkte den Blick auf den langen Zeitraum der Schwangerschaft. Schon an deren Beginn habe die Angeklagte „eine Entscheidung für die Familiensituation und gegen das werdende Kind“ getroffen. Es habe ihrer Beziehung nicht im Wege stehen dürfen.

Dafür sprachen aus Sicht der Richter die Protokolle, die von den Internet-Recherchen der Angeklagten angefertigt worden waren. Als sie Anfang 2019 realisierte, dass sie schwanger war, suchte sie nach Hinweisen, wie sie die unerwünschte Schwangerschaft beenden könne. Auch über vernünftige Alternativen wie eine Babyklappe oder eine anonyme Geburt informierte sie sich, verwarf diese Möglichkeiten aber.

Baby im Müll: Mutter sagt vor Gericht nicht viel

Was bei all dem in ihrem Kopf vorging, blieb durch ihr weitgehendes Schweigen im Prozess ein Stück weit rätselhaft. Die Kammer sah den Grund für die eingetretene Katastrophe vor allem bei der Angeklagten und weniger in ihrem schwierigen sozialen Umfeld.

Für die von ihr erwarteten Partnerschaftsprobleme wegen der erneuten Schwangerschaft bis hin zur möglichen Trennung gebe es keine objektiven Belege: „Wo kommt denn eigentlich diese Befürchtung her, dass die Beziehung an der zweiten Schwangerschaft zerbrechen könnte?“, fragte der Vorsitzende Richter Marcus Teich.

Die von ihr erwarteten Probleme hätten ganz wesentlich damit zu tun gehabt, „was im Kopf der Angeklagten vor sich ging“.

Baby im Müll: Mutter voll schuldfähig

Hinweise auf eine eingeschränkte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit sahen die Richter nicht. Aufgrund des vorhandenen Urteilsvermögens hätte die 31-jährige Kiersperin feststellen müssen, dass das Neugeborene lebte. Ein Blick auf weitere Lebenszeichen des gesund geborenen Säuglings hätte ihre angebliche Annahme, dass das Kind tot war, infrage gestellt.

Gehandelt habe sie aber nach der Devise, „dass nicht sein kann, was nicht sein darf“. Damit habe sie den Tod des Säuglings billigend in Kauf genommen, urteilte die Schwurgerichtskammer in Hagen. „Er wäre über kurz oder lang in dieser Situation verstorben.“ Vorsitzender Richter Marcus Teich erinnerte in diesem Zusammenhang auch daran, dass man sich ein wehrloseres und schützenswerteres Opfer wie das Neugeborene gar nicht vorstellen könne.

Hier lesen Sie unsere Berichterstattung von Montagmorgen

Heute soll vor dem Schwurgericht des Hagener Landgerichts der Prozess gegen eine 31-jährige Kiersperin mit Plädoyers und Urteil zu Ende gehen. Ihr droht eine Verurteilung wegen eines versuchten Totschlags an ihrem neugeborenen Mädchen. 

Sie hatte zugegeben, dass sie ihre neugeborene Tochter am 14. Juni 2019 in einen Müllsack gesteckt und dadurch den möglichen Tod des Säuglings in Kauf genommen hatte.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Frage nach ihrer Schuldfähigkeit: In welcher psychischen Verfassung war sie kurz nach der Alleingeburt ihres Kindes? Wusste sie, was sie tat, als sie das Kind in einen Müllsack steckte? Und von welchen Voraussetzungen ging sie dabei aus? 

Das Gutachten der Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Valenka Dorsch machte viele Details einer Geschichte bekannt, die nur durch den Schwurgerichtsprozess ins Licht einer öffentlichen Beurteilung gezogen wurde. 

Nicht desorientiert, keine Bewusstseinsstörung

Das bot allerdings die Chance, dass die kaum vermeidliche Vorverurteilung einer vermeintlichen „Kindsmörderin“ einer differenzierteren Sicht der Geschehnisse wich. 

Für die Annahme einer stark eingeschränkten oder gar aufgehobenen Einsichts- und Steuerungsfähigkeit eines Menschen hat das Strafrecht hohe Hürden errichtet. In diesem strengen Sinn schloss die Gutachterin sowohl die im Strafgesetzbuch beschriebene „Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“ als auch die verminderte Schuldfähigkeit aus. 

Die Angeklagte sei nicht desorientiert gewesen und habe nicht unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung gelitten.

"Kopflos, panikartig und reaktiv das Nächstliegende getan"

Vor allem das zielgerichtete Vorgehen nach der Geburt des Kindes belege die Fähigkeit der 31-Jährigen, auf die aktuelle Situation zu reagieren – ohne längerfristige Planung. 

Denn ein strategisches Handeln über längere Zeiträume hinweg hatte die Gutachterin schon bei der Beschreibung des „unglaublich disfunktionalen Umgangs“ der Angeklagten mit ihrer Schwangerschaft – ohne jeglichen Arztbesuch – vermisst. Sie habe stark situationsgebunden agiert: „Verdrängen, verleugnen, verheimlichen: Sie hat kopflos, panikartig und reaktiv das Nächstliegende getan.“ 

Dramatische Alleingeburt im Badezimmer

Die Alleingeburt in ihrem Badezimmer verlief dramatisch: „Die extremen Komplikationen hätten zum Tode führen können, wenn sie nicht behandelt worden wäre.“ Dies war ein Aspekt der Verzweiflung und der psychischen Ausnahmesituation, in der sich die Angeklagte nach der Geburt befand. 

Ihre Trennungsangst und die daraus resultierende Panikreaktion sei derart handlungsleitend geworden, dass alles andere beiseite geschoben wurde. Die Gutachterin bestätigte die Vermutung des Vorsitzenden Richters, dass die Frau sich mit einer unzureichenden Überprüfung zufrieden gab.

Hier gelangen Sie zu unserer Berichterstattung vom zweiten Prozesstag. Und hier geht es zu der zum Prozessauftakt.

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