Studie

Wegen Corona-Schulden: Wirtschaft will Deutschen den Urlaub kürzen

In einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird angeregt, dass Deutsche mehr arbeiten und weniger Urlaub machen sollen. Doch was bedeutet das genau?

Hamm - Was für eine Forderung! Pro Woche sollen Deutsche laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) mindestens 36 Stunden anstatt durchschnittlich 34 Stunden (2019) arbeiten. Doch damit nicht genug: Die Zahl der Urlaubstage soll reduziert werden. Insgesamt sollen so anderthalb Urlaubswochen wegfallen. Der Grund: Aufgrund der Corona-Pandemie soll die Wirtschaftsleistung wieder angetrieben werden und damit eine Steuererhöhung vermieden werden. (News zum Coronavirus)

BundeslandNordrhein-Westfalen
Bevölkerung17.947.221 (31. Dezember 2019)
Größe34.110,26 km²

Corona-Schulden: Deutsche sollen mehr arbeiten und Urlaub opfern

Denn: „Im Krisenjahr 2020 sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um knapp 5 Prozent, die Erwerbstätigenzahl schrumpfte um über 1 Prozent, und das Arbeitsvolumen brach um 4,7 Prozent ein“, erklären die Forscher in der IW-Studie „Schlummernde Wachstumspotenziale im deutschen Arbeitsmarkt“. Das bedeutet, dass die Pandemie den zuvor anhaltenden Beschäftigungsboom und das gestiegene Steuer- und Beitragsaufkommen stark ins Negative beeinflusst hat.

Laut dieser Studie könne eine Anhebung der Jahresarbeitszeit um 11 Prozent die Wirtschaftsleistung um bis zu 8 Prozent steigern und die Schulden um mehr als 16 Prozentpunkte senken. Die Schweiz dient den Ökonomen als Vorbild, da sie bei den Wochenarbeitsstunden durchschnitt bei 36 Stunden (Stand 2019) liegen.

Corona-Schulden: Viele Deutsche arbeiten unfreiwillig in Teilzeit

Die Erhöhung der Arbeitszeit soll laut IW-Studie unter anderem durch die Reduzierung der Teilzeit ermöglicht werden. Durch die erhöhte Arbeitsleistung könnte mit bis zu 7,7 Milliarden Zusatz-Arbeitsstunden im Jahr in zehn Jahren bis zu sechs Prozent höhere Wirtschaftsleistung (0,6 Prozent pro Jahr) entstehen.

Mitautor der IW-Studie Professor Michael Hüther von der IW äußerte in der Bild, dass die finanziellen Lasten der Pandemie nicht jahrzehntelang vor uns hergeschoben werden sollten: „Wir können Potenziale nutzen, die bisher brachliegen. Viele Frauen beispielsweise arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, weil Kita-Plätze fehlen. Allein für die Unter-Dreijährigen fehlen 340.000 Betreuungsplätze. Diese Versäumnisse aus den vergangenen Jahrzehnten kommen uns jetzt teuer zu stehen. Um die Krisenfolgen zu bewältigen, müssen wir jetzt alle mit anpacken.“

Diese Forderungen stoßen jedoch nicht bei jedem auf Zuspruch. Ökonom Lars Feld bezweifelt beispielsweise einen nachhaltigen Effekt durch die Umsetzung der IW-Vorschläge. „Das Verlangen nach Work-Life-Balance bei zunehmendem Fachkräftemangel wird eher dazu führen, dass die Menschen in Teilzeit ausweichen und dann nicht viel gewonnen ist. Ich setze zur Wohlstandssteigerung am ehesten auf Innovation“, sagte Feld bei Bild. Auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Michael Theurer äußerte Kritik: Eine erhöhte Wochenarbeitszeit führe nicht automatisch zu höherer Produktivität. Ginge es nach ihm, sollten Betriebe flexiblere Arbeitszeiten und individuelle Vereinbarungen anbieten.

Zuletzt hatte bereits ein anderer Vorstoß für große Diskussionen gesorgt. Denn Berater schlugen der Bundesregierung eine Reform zur Rente mit 68 vor. Die Reaktion fiel eindeutig aus.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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