2000 E-Mails und stapelweise Briefe

Hammer Unternehmerin jahrelang in den Fängen eines Stalkers

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Marie-Christine Ostermann am Montag vor dem Hammer Amtsgericht.

Mehr als 2.000 E-Mails, bergeweise Briefe und Pakete: Die Hammer Unternehmerin Marie-Christine Ostermann ist das Opfer eines Stalkers. Seit fünf Jahren stellt ihr der Mann mit größter Penetranz nach und tut dies selbst aus dem Knast heraus. Jetzt begegnete sie ihm erstmals leibhaftig.

Hamm - Am Montag begegnete die Geschäftsfrau dem Täter erstmals – vor dem Hammer Schöffengericht.

Der Tag beginnt für Marie-Christine Ostermann mit gleich zwei schlechten Nachrichten: Jener Mann, der ihr das Leben seit dem August 2014 zur Hölle macht, wird am Ende der Verhandlung aus der U-Haft entlassen werden und das Gericht als quasi freier Mann verlassen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Seine Strafhaft – das Urteil wird letztlich acht Monate lauten – wird er erst in einigen Wochen oder Monaten anzutreten haben, erklärt Anwalt Prof. Dr. Christian Laue seiner Mandantin noch vor dem Gerichtsgebäude.

Und dann ist da noch die Sache mit der Zeugenaussage: Das Gericht sieht keine Möglichkeit, die 41-jährige Unternehmerin in einem anderen Raum oder sonst irgendwie abgetrennt von ihrem Peiniger zu befragen. Ein verdammter Mist ist das. Marie-Christine Ostermann ist an diesem Tag angetreten, um ihren Teil dazu beizutragen, dass so etwas wie Gerechtigkeit einkehrt, dass bekannt wird, was psychische Gewalt bei einem Menschen anrichtet. Leicht wird ihr diese Mission nicht gemacht.

Im August 2014 ging es los. Die 41-jährige war damals Landesschatzmeisterin der NRW-FDP und vormals als Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer (2009 bis 2012) deutschlandweit bekannt. Im Fernsehen sieht Dieter K. einen ihrer Auftritte und – so räumt er es am Montag vor Gericht ein – verliebt sich in die blonde Unternehmerin.

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Erste Kontakt-Aufnahme 2014

Dieter K. (57) wohnt in Leipzig, ist intelligent, studiert und lebt heute von Hartz IV. Er hatte mal eine Werbeagentur, später arbeitete er als Rechercheur für Fernsehsender, wirkte nach seinen Worten an Dokumentarfilmen mit und schrieb nebenbei auch Drehbücher. Die erste Mail im August 2014 geht an Marie-Christine Ostermann und FDP-Chef Christian Lindner. Ob sie Interesse an einem Buchprojekt hätten, fragt der Mann aus Leipzig. Beide antworten mit einer höflichen und gleichermaßen bestimmten Absage.

Christian Lindner bekommt nie wieder Post von Dieter K., anders jedoch die Hammer Unternehmerin. Gut 2000 E-Mails und stapelweise Briefe gehen bei ihr im Lauf der Jahre ein, manchmal fünf oder sechs am Tag. Vieles klingt dabei belanglos. „Die Deutschen haben hohes Sicherheitsbedürfnis“, „David Bowie ist tot“ oder „Bald Dein 151 Angestellter?“ heißt es in den Betreffzeilen. Aber er schlägt auch andere Töne an, wird zudringlich. „Was der Kern Deiner Angst ist“ oder „Zu Deinem 38. Geburtstag“.

Dieter K. schickt ihr Baby-Kleidung

Dieter K. schickt Fotos von geköpften Frauen und macht Vorschläge für eine gemeinsame Hochzeitsreise. „Er hat sich eingebildet, dass ich eine Tochter namens Clarissa von ihm hätte und mir sogar Babykleidung geschickt“, sagt Marie-Christine Ostermann später im Zeugenstand. Angst habe sie gehabt, panische Angst, und das bis heute. „Sie hätte die Mails doch einfach löschen können“, behauptet Dieter K. im Gerichtssaal.

Wirklich im Unrecht sieht er sich nicht, entschuldigt sich aber gleich zu Prozessbeginn und verspricht, die Hammer Unternehmerin in Zukunft nicht mehr zu belästigen. Nebenklagevertreter Prof. Dr. Laue mag Letzteres nicht glauben. „Das Gleiche haben Sie doch vor eineinhalb Jahren vor dem Familiengericht bereits versprochen und nicht gehalten. Zwei Tage später haben Sie die nächsten Mails verschickt.“

Ostermann zieht wegen Dieter K. sogar um

Marie-Christine Ostermann hat bei alldem auch Pech gehabt. In der FDP-Zentrale und vom Gericht werden versehentlich ihre Kontaktdaten an Dieter K. weitergeleitet. Es wird ihm leicht gemacht, sie trotz Spam-Filter zu erreichen. Marie-Christine Ostermann zieht um – wegen des Manns aus Leipzig. Alle Kontaktdaten werden gelöscht, niemandem gibt sie heute ihre privaten Daten weiter. Verhandelt wird am Montag nur über einen kleinen Ausschnitt der gut 2.000 Mails und Briefe.

Es geht um 120 Mails, die Dieter K. Anfang 2016 innerhalb von 77 Tagen, von denen er 23 Tage in Haft saß, verschickte. Ein psychiatrischer Sachverständiger attestiert dem Angeklagten keine psychische Erkrankung. Eigentlich hätte der Fall bereits im Dezember 2017 verhandelt werden sollen. Dieter K. erschien da nicht zur Verhandlung und wurde deshalb per Haftbefehl gesucht. Am 2. Mai 2019 war er schließlich in Leipzig festgenommen worden.

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