Nur acht Monate nach der Rettung

Kettler beantragt Insolvenz: Das sagt das Unternehmen

+
Das Unternehmen Kettler hat zwei Insolvenzanträge gestellt.

[Update: 16.01] Werl/Ense - Die Firma Kettler steht acht Monate nach der dramatischen Rettung erneut vor einem Insolvenzverfahren. Das Amtsgericht Arnsberg bestätigte inzwischen den Eingang zweier Insolvenzanträge. Am Nachmittag informierte dann das Unternehmen per Pressemitteilung.

Betroffen sind die Kettler Plastics GmbH und die  Kettler Freizeit GmbH mit insgesamt rund 500 Mitarbeitern in Werl und Ense.

Bei einer Mitarbeiter-Versammlung in Werl, die Kettler kurzfristig am Nachmittag in der Kantine des Rohrwerks in Sönnern anberaumt hatte, wurden die Beschäftigten von der Geschäftsführung und einem Vertreter des Investors  "Lafayette Mittelstand Capital" über die Insolvenz-Anträge informiert. Dies dauerte nur rund 15 Minuten, danach waren die Verantwortlichen auch schon wieder verschwunden.

Neuer Geschäftsführer

Nach Informationen der Redaktion heißt der Geschäftsführer nicht mehr Olaf Bierhoff. Dies wollte das Unternehmen nicht kommentieren. Auch in der Pressemitteilung fand sich dazu kein Wort. Bei der Versammlung sprach aber nach Angabe von Mitarbeitern bereits der neue Geschäftsführer Bernd Walczok. Auch in den Insolvenzbekanntmachungen wird Walczok als Geschäftsführer genannt.

Britta Peter, Hauptamtliche Erste Bevollmächtigte der IG-Metall Hamm-Lippstadt, bestätigte auf Anfrage, dass sie am Mittwochmorgen von der anwaltlichen Vertretung des Unternehmens von den Insolvenzanträgen erfahren haben. Viele Mitarbeiter bekamen die Nachricht nach Informationen unserer Redaktion am Morgen vom Betriebsrat.

Amtsgericht bestätigt Eingang

Später bestätigte auch das Amtsgericht Arnsberg den Eingang der beiden Anträge auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Laut Charlotte Merz, Direktorin des Amtsgerichts, wurde Dr. Georg Kreplin zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Dieser müsse sich nun in den Fall einarbeiten und entscheiden, wie es weiter geht.

Unternehmen äußert sich in Pressemitteilung

Stefanie Risse, Sprecherin des Unternehmens Kettler, sagte am Morgen auf Anfrage, dass sie diese Informationen zum jetzigen Zeitpunkt weder bestätigen noch dementieren könne. Am Nachmittag kam dann eine offizielle Pressemitteilung. Darin heißt es: "Heute wurde durch die Unternehmen Kettler Freizeit GmbH und Kettler Plastics GmbH beim Amtsgericht Arnsberg ein Antrag auf Eigenverwaltung gestellt. Diesem Antrag wurde durch das Gericht stattgegeben. Der Geschäftsbetrieb läuft uneingeschränkt weiter." Die übrigen Gesellschaften der Kettler-Gruppe seien von den Verfahren nicht betroffen. Insgesamt arbeiteten über 550 Mitarbeiter weltweit für die Kettler-Gruppe, die seit 1949 als einer der führenden Hersteller von Freizeitartikeln am Markt tätig sei.

Kettler: Löhne bis Ende September sicher

Am Mittwochnachmittag fand in der Kantine des Rohrwerks in Sönnern eine Mitarbeiterversammlung statt. 

Die betroffenen Arbeitnehmer der Unternehmensgruppe seien umgehend über das Verfahren informiert worden. "Ihre Löhne und Gehälter sind bis Ende September über die Bundesagentur für Arbeit gesichert", heißt es in der Mitteilung. Das Unternehmen werde die nächsten Schritte gemeinsam mit der Gesellschafterin (der Investor "Lafayette Mittelstand Capital, d. Red.) gehen, die sich in den letzten Monaten bereits erheblich finanziell und persönlich engagiert habe. 

Der Investor habe das Unternehmen vor acht Monaten aus einem Verfahren (Insolvenz in Eigenverwaltung, d. Red) übernommen. "Es stellte sich jedoch heraus, dass die Möglichkeiten im vorherigen Verfahren nicht hinreichend genutzt wurden und nicht alle Aufgaben in der Kürze der Zeit ausreichend erledigt werden konnten, um Kettler zukunftsfähig aufzustellen."

Unternehmen hofft auf "nachhaltige Sanierung"

Die aktuelle Unternehmenssituation mache diesen Schritt daher erneut erforderlich. „Unser Ziel ist es, das Verfahren nochmals zu nutzen, um den Geschäftsbetrieb mit geeigneten Maßnahmen nachhaltig zu sanieren“, erklärt der Geschäftsführer. Die Gesellschafterin und die Geschäftsführung seien überzeugt von den Möglichkeiten, die das Unternehmen und die Marke bieten und sähen weiter großes Potenzial für eine zukünftig positive Geschäftsentwicklung.

Die Gesellschaft vertraue im Sanierungsverfahren auf den Sachverstand der Kanzlei Lambrecht sowie der Pricewaterhouse Coopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Der vorläufige Sachwalter Georg Kreplin werde das Sanierungsverfahren für die Gläubiger überwachen und begleiten, heißt es in der Kettler-Mitteilung. "Der Sachwalter und die Geschäftsführung haben sich in einem ersten Gespräch bereits über notwendige Schritte abgestimmt. Das Eigenverwaltungsverfahren ist ein gerichtliches Sanierungsverfahren, bei dem die Geschäftsführung das Unternehmen unter Aufsicht des Sachwalters weiterführen und neu aufstellen kann."

Unternehmen in der Betriebspause

Das Unternehmen befindet sich zurzeit in der sommerlichen Betriebsruhe. Das heißt, es ist nur ein Bruchteil der normalen Belegschaft vor Ort. Viele kamen trotz Urlaubs oder freier Tage zur Betriebsversammlung.

"Starke Betroffenheit"

Die Bevollmächtigte der Gewerkschaft Britta Peter spricht von einer "starken Betroffenheit" und "Unverständnis".  Man stehe in Kontakt mit den Betriebsräten und werde am Montag mit den eigenen Rechtsanwälten das weitere Vorgehen besprechen. Zumindest was das Insolvenzgeld angeht, müssten sich die Mitarbeiter keine Sorgen machen. Die Zahlung sei gesichert, daran ändere auch die Tatsache nichts, dass es das dritte Insolvenzverfahren in relativ kurzer Zeit sei.

Mitarbeiter schockiert

Ein Mitarbeiter sagte im Gespräch mit der Redaktion, er sei schockiert. Besonders schlimm sei es, dass viele Kollegen von der Insolvenz nun im Urlaub erfahren.

Das Aus des Unternehmen Kettler war erst im Dezember 2018 nach einer dramatischen Rettungsaktion nur wenige Stunden vor Ablauf der entscheidenden Frist abgewendet worden. 216 Beschäftigte verloren ihren Job. Der Investor "Lafayette Mittelstand Capital"  übernahm die insolvente Kettler GmbH und stellte sie neu auf. So wurde die Kettler Holding GmbH gegründet und die neuen Tochtergesellschaften Kettler Freizeit GmbH und Kettler Plastics GmbH.

Lesen Sie auch:

Freizeitunternehmen gerettet: Investor für Kettler gefunden

Massenentlassung bei Kettler: Mehr als 200 Mitarbeiter betroffen

Kaufvertrag rechtskräftig: Letzte Zweifel bei Kettler beseitigt

Kettler wirft den Rettungsanker

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare