Staatsanwalt Nils Warmbold zum Stand der Ermittlungen

Tödliche Messerattacke in Iserlohn: Für Sonntag Mahnwache angemeldet

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Der 43-jährige Tatverdächtige aus Bergisch Gladbach wurde im Bereich des Stadtbahnhofs Iserlohn festgenommen.

Woher wusste der Tatverdächtige (43), dass seine Ehefrau (32) nach Iserlohn geflüchtet war? Wie kam es am Samstag zur Konfrontation mit ihr und deren neuem Partner (23) am Bahnhof Iserlohn? Warum mussten beide sterben und was passiert mit ihrem zwei Monate alten Mädchen? Wir fassen hier den Stand der Ermittlungen zusammen.

  • Die Tat ereignete sich am Samstag, 17. August gegen 14.20 Uhr im Bereich des Stadtbahnhofes Iserlohn.
  • Eine Frau (32) und ein Mann (23) starben durch Messerstiche eines 43-Jährigen, der sich widerstandslos festnehmen ließ und die Tat inzwischen gestanden hat.
  • Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um den Ex-Mann der 32-Jährigen. Alle drei Personen lebten in Bergisch Gladbach, die Frau flüchtete vor elf Monaten ins Frauenhaus nach Iserlohn.
  • Der getötete 23-Jährige war der neue Lebenspartner der Frau und laut Polizei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vater des Kindes, das das Paar zur Tatzeit dabei hatte.
  • Die Eheleute stammen aus dem Kosovo, der 23-Jährige war afghanischer Staatsbürger.
  • Das zwei Monate junge Mädchen befand sich im Auto der Frau. Es blieb unverletzt und ist jetzt in der Obhut des Jugendamtes.
  • Ein Unbekannter hat offenbar ein am Tatort aufgenommenes Foto des männlichen Opfers in den sozialen Medien verbreitet. Die Polizei ermittelt.

Iserlohn - Nils Warmbold ist bei der Staatsanwaltschaft Hagen für den Fall aus Iserlohn zuständig. Bei der Kriminalpolizei Hagen ermittelt eine mehrköpfige Mordkommission unter Hochdruck. Hinzugezogen wurden bereits Spezialisten aus dem IT-Bereich, die die Handys aller Beteiligten auswerten sollen.

"Der Tatverdächtige hat sich neben seinem Geständnis zur Tat zwar durchaus weiter zur Sache eingelassen, aber längst nicht alles, was er ausgesagt hat, ist für uns auch plausibel", betont Nils Warmbold, dass vor den Ermittlern eine akribische Kleinarbeit liegt.

"Vermutlich deutlich mehr als zwei Dutzend Zeugen"

Sie müssen nämlich aus dem, was der Tatverdächtige sagt und aus dem, was "vermutlich deutlich mehr als zwei Dutzend Zeugen" (Warmbold) gesehen haben, die Vorkommnisse des 17. August möglichst lückenlos rekonstruieren.

Neben einer Hochzeitsgesellschaft mit etwa 20 Personen mussten beispielsweise auch Taxifahrer und andere Personen, die in den Geschäften am Bahnhof Iserlohn arbeiten, die schrecklichen Szenen hilflos mitansehen, bei denen der Täter offenbar wie im Rausch auf seine Opfer einstach.

Mädchen lag in Babyschale im Auto der Mutter

Die Hochzeitsgäste, die aus der Obersten Stadtkirche in Richtung Parkhaus unterwegs waren, waren es offenbar auch, die das zwei Monate alte Mädchen in Sicherheit gebracht hatten. Das hatte im roten Auto der Frau in der unteren Etage des Parkhauses unweit der Schranke in einer Babyschale gelegen, während seine Eltern von dem 43-Jährigen mit einem Messer attackiert und getötet wurden.

Das Paar hatte das Parkticket bereits bezahlt und wollte das Parkhaus gemeinsam im Auto verlassen. Dazu kam es nicht mehr, weil der Tatverdächtige auftauchte. Der 23-Jährige stieg zuerst wieder aus, wurde direkt angegriffen - wenig später waren er und seine Lebensgefährtin tot. Auch ein Notarzt, der zufällig vor Ort war, konnte nichts für die Opfer tun.

Ein siebenköpfiges Team aus Notfallseelsorgern hatte Zeugen und Passanten am Samstag in den Räumen der nahegelegenen Volkshochschule betreut.

"Wie es dazu kam, dass sich die drei Personen dort begegneten, ermitteln wir aktuell. Ob man sich vorher schon getroffen hatte, sich verabredet hat, ob der Tatverdächtige seine Frau und deren neuen Lebenspartner abgepasst, sie in Iserlohn gesucht und dann zufällig dort gefunden hat, wissen wir noch nicht", so Staatsanwalt Nils Warmbold.

Fest steht indes, dass der 43-Jährige abwechselnd mit einem Küchenmesser (mit zwölf Zentimeter langer Klinge) auf seine beiden Opfer eingestochen hat.

23-Jährigen bis zum Bahnsteig von Gleis 2 verfolgt

"Zunächst hat er den 23-jährigen Mann angegriffen, der aus dem Auto ausgestiegen war, dann die Frau, die ebenfalls ausgestiegen war. Beide Opfer haben vergeblich versucht, vor dem Täter zu flüchten. Den 23-Jährigen hat er dann bis zum Bahnsteig verfolgt und immer wieder auf ihn eingestochen. Zu diesem Zeitpunkt muss die Frau schon schwerst verletzt im Bereich des Parkhauses gelegen haben. Dort starb sie dann auch", so der Hagener Staatsanwalt.

Das Motiv soll Eifersucht bzw. verletzter Stolz des 43-jährigen Kosovo-Albaners gewesen sein. Der hatte offenbar - mit dem Messer bewaffnet und zu allem bereit - die Konfrontation mit seiner Frau und deren neuem Partner gesucht.

Frau lebte seit elf Monaten im Frauenhaus Iserlohn

Warum der Bergisch Gladbacher mit seinem Auto nach Iserlohn gekommen war, das er übrigens nicht im Parkhaus am Bahnhof abgestellt hatte, ist unklar.

Die in Deutschland nur geduldete Frau aus dem Kosovo lebte mit ihrem Baby, das im  Bethanien-Krankenhaus zur Welt gekommen war, seit elf Monaten anonym im Frauenhaus in Iserlohn. Wie konnte ihr getrennt lebender Mann, vor dem sie wegen häuslicher Gewalt geflüchtet war, das überhaupt wissen? 

War er etwa dem neuen Partner, der ebenfalls in Bergisch Gladbach gemeldet war, bis nach Iserlohn gefolgt? Gerüchten zufolge könnte es auch sein, dass Kontoauszüge der Frau noch an ihren Mann verschickt wurden. Laut bild.de könnten dem dann mehrere Abbuchungen in Iserlohn aufgefallen sein.

Gerüchte über ein Behördenschreiben an den 43-Jährigen

Vor dem Gesetz gilt der Tatverdächtige deshalb als Vater, weil er zum Zeitpunkt der Geburt des Mädchens noch mit seiner Frau verheiratet war. Bekam er deshalb womöglich eine offizielle Mitteilung über die Geburt und den Wohnort von Frau und Kind? 

"Natürlich kann es durchaus sein, dass es irgendein behördliches Schreiben an den Tatverdächtigen gegeben hat. Aber uns liegt bisher kein solches vor. Und es gibt aktuell auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es so ein Schreiben tatsächlich gegeben hat. Das muss ich ganz klar so sagen", betonte Staatsanwalt Warmbold.

Auswertung der Handys soll Aufschluss geben

Der setzt zusammen mit den Beamten der Mordkommission darauf, dass die Auswertung der Mobiltelefone von Tatverdächtigem und Opfern Aufschluss gibt, wie sich die Situation derart zuspitzen konnte, dass zwei Menschen starben und ein Baby zum Waisenkind wurde.

Die Betreuung des Babys obliegt dem Jugendamt, das das Mädchen in eine Pflegefamilie gegeben hat. "Das Jugendamt betreut das Kind weiter. Unter Einbeziehung des Familiengerichts wird jetzt zu klären sein, was das Beste für das Baby ist. Auch, ob es Angehörige gibt. Das alles wird noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen", sagte eine Sprecherin der Stadt Iserlohn.

Auch Anklage wegen zweifachen Mordes denkbar

Der Tatverdächtige, gegen den am Sonntagvormittag am Amtsgericht Iserlohn Untersuchungshaftbefehl wegen zweifachen Totschlags erlassen worden war, sitzt in der Justizvollzugsanstalt Hagen

Je nach Verlauf der Ermittlungen ist auch denkbar, dass Staatsanwalt Nils Warmbold den Kosovo-Albaner wegen Mordes anklagen wird. Dazu müssten bestimmte Mord-Merkmale vorliegen (z.B. Heimtücke, niedrige Beweggründe).

Die Leichen der 32-Jährigen und des 23-Jährigen sind unterdessen nach der Obduktion in Dortmund zur Bestattung freigegeben worden. Beide Opfer wiesen eine Vielzahl von Schnitt- und Stichverletzungen auf, die wegen des daraus resultierenden Blutverlustes todesursächlich waren. Die Frau erlitt laut Obduktionsergebnis elf Stichverletzungen, ihr neuer Partner mehr als 60 - auch in Halsschlagader und Herz.

Im Bahnhofsbereich haben seit Sonntag Passanten Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Familie und Freunde der Opfer waren am Bahnhof

Für kommenden Sonntag, 25. August ist ab ca. 15.30 Uhr bei der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis eine Mahnwache auf dem Bahnhofsvorplatz angemeldet worden.

Polizeisprecher Christof Hüls sagte, dass eine Privatperson die Veranstaltung angemeldet habe. "Wir haben die Anmeldung bestätigt und werden am Sonntag auch präsent sein", so Hüls.

Es sei eine kurze Ansprache ohne Lautsprecher angemeldet worden, anschließend seien eine Schweigeminute, Gebete und der Austausch der Teilnehmer geplant.

Bereits am Montag waren Angehörige und Freunde der beiden Getöteten unter Begleitung der Polizei am Iserlohner Stadtbahnhof gewesen. Sie hatten sich die Örtlichkeiten des Verbrechens anschauen wollen. Begleitet wurde die kleine Gruppe unter anderem von Opferschützern.

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