Zu Gast in der Tierpathologie

Der letzte Dienst am Tier: Tiger und Schweine auf dem Seziertisch in Münster

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Meistens sind es Schweine, die bei der Tierpathologin Dr. Maren Kummerfeld auf dem Seziertisch landen. Doch immer wieder werden auch verstorbene Zootiere untersucht. Hier zeigt Kummerfeld den Schädel eines Tapirs.

Drei Veterinärmediziner arbeiten beim Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) in Münster in der Tierpathologie. Ihre Hauptaufgabe ist es zu verhindern, dass  Tierseuchen ausbrechen. Sie helfen aber auch Zoos oder Privatleuten dabei, Gewissheit über die Todesursache von Tieren zu erhalten.

Münster – Als Dr. Maren Kummerfeld einmal einen Tiger auf dem Edelstahltisch vor sich liegen hatte, drückten sich viele Mitarbeiter CVUA in Münster ein paar Meter weiter die Nasen an einer Glasscheibe platt. 

Die Pathologie-Halle, in der die Sektionen der Tierleichen stattfinden, ist von einem Flur auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes einsehbar. Und als die tote Raubkatze aus dem Zoo angeliefert worden war und seziert werden sollte, standen einige der Büros im Institut vorübergehend leer. 

In diesem Moment war der Tiger für viele der 200 Mitarbeiter des Amtes für einen kleinen Augenblick wichtiger als die tägliche Arbeit. Sie wollten einen letzten Blick auf diesen Predator werfen. „So ein Tier hat – auch wenn es tot ist – eben immer noch eine enorme Ausstrahlung“, sagt Maren Kummerfeld.

Beeindruckende Erinnerung: eine präparierte Tatze eines in Münster sezierten Tigers.

Auch die Veterinärmedizinerin blieb nicht unbeeindruckt. Kummerfeld zeigt eine mächtige Tigerpranke als Knochenpräparat, die aus einer vorherigen Sektion stammt und die sie stets an diesen außergewöhnlichen Tag erinnert. 

Sie steht in einem Glasschrank unweit des Pathologie-Raums neben vielen anderen Präparaten wie beispielsweise einem Tapir- oder Gepardenschädel. Wissenschaftliche Reminiszenzen von spannenden Untersuchungen verschiedenster Spezies. „Sozusagen von der Maus bis zum Elefanten“, wie Kummerfeld sagt.

"Von der Maus bis zum Elefanten"

Maren Kummerfeld ist eine eher zierliche Person: Als Frisur trägt sie einen fröhlichen, blonden Bob, sie hat eine sportliche Figur und vor allem ein sehr sonniges Gemüt. Nach einer dunklen oder gar morbiden Seite sucht man bei der 42-Jährigen vergeblich. Da liegt auch nichts im Verborgenen, warum sie diesen Beruf, bei dem sie täglich mit dem Tod in Berührung kommt, ausübt. 

„Ich kenne überhaupt keine depressiven Pathologen. Das sind alles ganz normale Menschen“, sagt sie. Für sie hatte es eher pragmatische Gründe, diesen Beruf nach ihrem Studium der Veterinär-Medizin zu ergreifen. Der Alltag eines normalen Tierarztes sei ihr mit seinen Schicht- und Notdiensten schlicht zu unruhig und unkalkulierbar gewesen, wie sie durchblicken lässt.

Ein von Arthrose befallener Oberschenkelknochen eines Braunbären.

Die Hauptaufgabe der Tierpathologen in den verschiedenen CVUA der Republik ist, sicher zu stellen, dass keine Tierseuchen ausbrechen. Hauptbetätigungsfeld ist daher die Tierseuchen-Diagnostik.

„Der Hauptanteil der Tiere, die wir zur Untersuchung bekommen, sind landwirtschaftliche Nutztiere. In unserem Bereich reden wir da vor allem von Schweinen, die hier überwiegend gehalten werden“, sagt Kummerfeld. 

In Bayern und Norddeutschland seien es hingegen mehr Kühe. „Im vergangenen Jahr hatten wir 5000 Sektionstiere zur Obduktion hier – darunter waren rund 3800 Schweine“, berichtet Kummerfeld. 

Dieser Befund ist nicht selten: Ein totes Ferkel weist an den Gelenkknochen der Hinterläufe Schwellungen auf, die auf Entzündungen zurück zu führen sind.

Auch heute liegen zwei Ferkel und ein flauschiges Lamm mit dunklem Fell auf den Obduktionstischen. Während an den kleinen Schweinchen direkt zu sehen ist, dass sie geschwollene Gelenke haben, die entzündet und mit Eiter gefüllt sind, ist bei dem kleinen Schaf auf den ersten Blick alles in Ordnung. Hier wird eine genaue Untersuchung Aufschluss über die Todesursache geben müssen.

"Mein Schwein hustet schon wieder"

Bestandsbetreuende Tierärzte führen in den Betrieben Routinekontrollen durch, bei denen Auffälligkeiten auftreten können. Manchmal rufe ein Landwirt beim CVUA auch direkt an und sage „Mein Schwein hustet schon wieder“, erzählt Kummerfeld. 

Falls direkt tote Tiere vorgefunden werden, kommen diese zu ihr und den beiden Veterinär-Kollegen Dr. Konstanze Kahnt und Alexander Weiss. Manchmal ist es auch notwendig, dass ein Tier für eine Sektion eingeschläfert werden muss. Es wird dann für eine Untersuchung geopfert, um damit im Zweifel seine Artgenossen im Stall zu retten.

Dr. Maren Kummerfeld bei der Arbeit in Münster.

„Da reden wir dann von einer diagnostischen Sektion“, sagt Kummerfeld: „Wir finden dann heraus, um welches Virus und Bakterium es sich handelt, damit der Tierarzt die verbliebenen Tiere entsprechend behandeln kann.“ Generell gelte laut Kummerfeld übrigens: „Wir finden bei jedem Tier etwas.“ Schweine-Influenza oder Streptokokken zum Beispiel.

Eine dramatische Erkrankung sei eine Tierseuche. Die ist Maren Kummerfeld, die seit Mai 2015 in Münster tätig ist, bislang noch nicht untergekommen. Dem 66-jährigen Rolf Allmann, stellvertretender Vorstand des CVUA und Leiter des Veterinärbereiches, hingegen schon. 

Vor rund zehn Jahren habe es beispielsweise ein Virus gegeben, das zu missgebildeten Schafen und Lämmern geführt habe. „Das Schmallenberg-Virus“, erinnert sich Allmann, „benannt nach dem schönen Ort im Sauerland, wo es aufgetaucht war.“ 

Objektträger mit Organproben für die Untersuchung per Mikroskop.

Der Bürgermeister von Schmallenberg sei wegen der Namensgebung dieser Variante eines asiatischen Virus „sehr erbost gewesen“, da dieser Plagegeist den Namen seines hübschen Luftkurortes bekommen hatte, sagt Allmann. Für die Veterinäre war es allerdings wichtiger, dass das Virus wieder verschwand. Bis heute sei nicht bekannt, wie es sich hatte bilden können. 

„Unser Schwesterinstitut in Arnsberg hatte diesen Erreger damals erstmals entdeckt“, so Allmann. Er war durch Insektenstiche übertragen worden. „Teilweise waren 50 Prozent der Bestände betroffen, das war schon dramatisch“, erinnert sich Allmann. „Das Virus ist in den kommenden Lamm-Generationen dann zurück gegangen, es ist aber nicht verschwunden“, sagt der 66-Jährige: „Wir weisen nach wie vor Antikörper des Erregers nach – auch in der Wildtier-Population. Doch es spielt zur Zeit keine bedrohliche Rolle.“

Je nach Schwere der Tierseuche, von denen in Deutschland mittlerweile über 30 verschiedene bekannt sind, werden durch das zuständige Veterinäramt Maßnahmen angeordnet, die bis zur Tötung des kompletten Bestandes führen könnte. „Es ist aber immer das möglichst mildeste Mittel zu wählen“, sagt Allmann.

Oft sind die Haltungsbedingungen mangelhaft

Oft bemerken die Tierpathologen bei ihren Untersuchungen, dass die Tiere falsch gefüttert oder gehalten werden. Der vor allem wirtschaftliche Druck, der auf den Nutztierhaltern laste, sei riesig. 

Dr. Maren Kummerfeld hat vor allem ein sehr sonniges Gemüt. Nach einer dunklen oder gar morbiden Seite sucht man bei der 42-Jährigen vergeblich.

Kummerfeld weiß, dass dies ein sehr sensibles Thema ist und hält sich dementsprechend mit öffentlichen Äußerungen zurück. Sie wünscht sich allerdings, dass sie manchmal „weniger finden“ würde. Es sei ihrer Meinung nach nicht nur ein Tierschutzproblem, „sondern auch eines unserer Gesellschaft“, wenn die Befunde auf eine nicht artgemäße Haltung hinwiesen. „Wir sind oftmals auch Anwälte der Tiere. Wir schreiben Befunde und Diagnosen, die im Zweifel auch zu juristische Verfahren führen“, sagt die 42-Jährige.

Auch bei den Zootieren sei es wichtig festzustellen, ob ansteckende Erkrankungen vorliegen, die vielleicht sogar auf die Besucher überspringen können. „Das wäre der schlimmste Fall“, so Kummerfeld. Hierbei spricht man von Zoonosen. Darunter fallen Parasiten wie beispielsweise der Hundefuchsbandwurm, Bakterien wie Chlamydien oder Influenza-Viren.

Wenn Haustiere untersucht werden, spielen oft Emotionen eine große Rolle. „Die Menschen wollen wissen, warum ihr Tier gestorben ist. Oftmals haben die Besitzer Schuldgefühle und den Verdacht, etwas falsch gemacht zu haben. Oder sie fühlten sich vom Tierarzt schlecht beraten“, erzählt Kummerfeld. 

An diesem kleinen, schwarzen Stück Draht starb ein Pferd. Zwei Tage nach dem Verkauf.

Bei sehr wertvollen Tieren wie Pferden gehe es auch oft ums liebe Geld. Wie bei dem teuren Sportpferd, das zwei Tage nach seinem Verkauf gestorben war. „Ein sehr tragischer Fall. Es war ein ganz kleiner Draht, den das Pferd verschluckt hatte, und der viele Organe beschädigt hatte“, erzählt Kummerfeld. 

Die Untersuchung führte schließlich nicht nur zur Aufklärung der unglücklichen Todesursache, sondern auch dazu, dass sich Verkäufer und Käufer gütlich geeinigt hätten. - Jens Greinke

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