Trost, Mut und Hoffnung spenden

Ein Lied für Thomas: Schwester will mit persönlichem Projekt Menschen in Trauer helfen

Katja Liedtke mit ihrem Bruder Thomas Bittner: Sein Tod mit 49 Jahren traf sie hart.
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Katja Liedtke mit ihrem Bruder Thomas Bittner. Die beiden waren ein Herz und eine Seele - sein Tod vor zwei Jahren ließ sie in einen Abgrund fallen, aus dem sie noch immer herauszuklettern versucht. Mit einem ungewöhnlichen Video zu einem ungewöhnlichen Lied kommt sie dem Ziel ein stückweit näher.

Vor zwei Jahren starb Thomas Bittner. Kurz vor seinem 50. Geburtstag quittierte sein Körper beim Joggen den Dienst. In Soest, wo das passierte, und in Hamm, wo er aufwuchs, war Bittner vor allem durch sein Wirken als Fußballer und Veranstalter bekannt „wie ein bunter Hund“. Seine Schwester erinnert mit einer besonderen Aktion an ihn.

Hamm/Soest - Mit einem Lied und einem Video auf Youtube will seine Schwester die Erinnerung wachhalten und den Schmerz verarbeiten. Reine Privatsache? Weit gefehlt. Die 49-Jährige glaubt, dass sie damit auch anderen Menschen in vergleichbaren Situationen Trost, Mut und Hoffnung spenden kann, berichtet wa.de*.

Thomas Bittners Tod am 27. September 2018 riss vor allem seinen Eltern und seiner Schwester Katja Liedtke in Hamm den Boden unter den Füßen weg. Die Familienmitglieder hatten sich ungemein nah gestanden. Etwa ein Jahr später begann Liedtke mit dem Schreiben eines Liedes - als einen weiteren von vielen Wegen, über „etwas Beständiges“ den unfassbaren Verlust zu verarbeiten.

Seit seiner frühesten Jugend war Thomas Bittner fußballverrückt - zunächst aktiv, später als Trainer.

Lied wird zum Projekt: Hoffnung für Menschen in Trauer

Das Lied ließ nicht locker, entwickelte sich, wurde zum Projekt. Der private Grundtenor blieb, wurde aber eingeholt von der Idee, auch andere Menschen mit schlimmen Verlustereignissen teilhaben zu lassen, sich selbst darin wiederzufinden und auch ihnen so ein Mittel zur Verarbeitung der Trauer an die Hand zu geben.

Mit Hilfe ihres Musiker-Freundes Jörg Reuter und ihres 23-jährigen Sohnes Julian entwickelte und produzierte Katja Liedtke (sie schreibt und singt seit zehn Jahren eigene Lieder) den Song „Mega geiler Typ“. Weil ihr Bruder genau das für sie war? Sicher auch - aber eigentlich ist der Grund für den Songtitel ein anderer: „So nannte Thomas oft Leute, die er toll fand“, erklärt die 49-Jährige schmunzelnd.

Ein Lied für Thomas Bittner: Wut eine der Trauerphasen

Während der Refrain durchaus als Ohrwurm taugt, saugt sich der Text 4:25 Minuten lang voll mit Liebe, Leidenschaft und großem Schmerz. Sogar Verbitterung und Anklage lässt Liedke zu, wenn sie ihrem Bruder vorwirft, sie „alleine zu lassen“. Damit spiegelt sie bewusst eine der klassischen Trauerphasen, andere Passagen zeigen ganz andere Seiten des Besungenen. „Diese Aussagen kann jeder verstehen, der schon mal einer Verlust- oder Trauerfall zu verkraften hatte“, glaubt Liedtke. Vieles sei übertragbar, die Betroffenen könnten sich damit identifizieren - vor allem wenn es sich um Fälle mit jüngeren Personen handele, wie eben hier.

Ein Lied für Thomas Bittner: 3 Radioberichte aus dem Todesjahr

Um das Lied und die Botschaft für viele weitere Menschen nutz- und vernehmbar zu machen, brauchte es ein weiteres Medium: ein Video. Weil Corona die eigentlich geplante professionelle Umsetzung verhinderte, ging Katja Liedtke den direkten Weg, bekam das „Na klar bin ich dabei“ einer Freundin und fand in den Hammer Grünbereichen Geithe und Pilsholz passende Locations. Im Wunschfokus: ein langer Weg mit dem Anschein von Unendlichkeit. Die Technik: ein Smartphone mit Selfiestick, befestigt am Rollstuhl der an MS erkrankten Freundin! „Wir hatten also einen echten Kamerawagen“, erinnert sich Bittners Schwester liebevoll an die in dieser Form ungeplanten, aber umso originelleren Aufnahmesessions im Sommer.

Neben Fußball war Musik die große Leidenschaft von Thomas Bittner. Das Foto zeigt ihn im Jahr 2005 in „seinem“ Soester Club Sonic. Er lebte nur 15 weitere Jahre...

Ein Lied für Thomas Bittner: Unzulänglichkeiten passen

Selbst war die Frau also - und das bis zum Finale: Denn den Filmschnitt schaffte sich die 49-Jährige mittels einer App in Eigenregie drauf. „Ich habe das alles selbst hingekriegt“, erzählt sie stolz. Und: „Die Unzulänglichkeiten passen“, findet sie: Sie passten zu ihrem Bruder, und sie passten sicherlich zu vielen anderen Menschen, die sich so womöglich leichter auf ihr Lied einlassen könnten.

Das war Thomas Bittner:

Seit seiner frühesten Jugend war der ehrgeizig-umtriebige Thomas („Thömmes“) Bittner auch eine öffentliche Person.

Sein Talent als Fußballer machte ihn bei der Hammer SpVg schon früh sichtbar, brachte Anerkennung und Schlagzeilen. Er spielte in der B- und A-Jugend in der Westfalenliga, wurde (als Schalke-Fan) hinter dem BVB sogar Vizemeister. Als Libero führte er die erste Mannschaft des HSV - damals teils vor mehreren tausend Zuschauern - in der Oberliga bis zur Vizemeisterschaft.

Bittner liebte aber auch die Arbeit hinter den Kulissen: Als Erfinder und Herausgeber prägte er rund drei Jahre lang das kostenlos ausgelegte Rock-Musikmagazin „Stagetime“ - von Hamm aus bis weit in die Region hinein (Soest übrigens eingeschlossen).

Mitte der 1990er-Jahre zog Bittner nach Soest. Mit dem SV Oestinghausen spielte er Bezirksliga-Fußball; in weiteren Vereinen in und um Soest war er danach erst auf dem Rasen und dann auch als Trainer aktiv.

Als Chef einer Werbeagentur stattete Bittner Musikfestivals aus (darunter das von ihm heiß geliebte „Open Flair“ in Eschwege), als Veranstalter betrieb er jahrelang in Soest den Musikclub „Sonic“.

Thomas Bittners früher Tod am 27. September 2018 schockte also viele Menschen und machte Schlagzeilen in Hamm und in Soest. Wenige Wochen später wollte er mit einem krachenden Rockkonzert-Event im Soester „Anno“ seinen 50. Geburtstag feiern. In seinem Sinne entschied die Familie, die längst organisierte Party trotzdem stattfinden zu lassen* - die Einnahmen wurden der Jugendhilfe gespendet.

Der letzte technische Schritt hieß „Youtube“. Denn ohne das weltweit meist genutzte Videoportal käme das ungewöhnliche Werk nie dort an, wo es im besten Fall wirklich gebraucht wird. Eine der letzten Einstellungen im durch persönliche Fotos ergänzten Video zeigt Bittner als kleinen Jungen und mit einem letzten Gruß - ganz so als mache er seinen Frieden mit sich, seinen Lieben und seiner Welt. Der Kreis schließt sich. - *wa.de und soester-anzeiger.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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