Münsterland

Wie im Museum: Alex Küsener hat fast 50 Flipper gesammelt

Alex Küsener mit Frau Simone am Flipper
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Bei ihm ist immer ein Freispiel drin: Alex Küsener aus Everswinkel, hier mit Frau Simone, besitzt mittlerweile eine Sammlung von fast 50 Flippern.

In einer Lagerhalle in Everswinkel steht eine der größten Flipper-Sammlungen in Westfalen. Fast 50 Geräte hat Alex Küsener hier mittlerweile angehäuft, es sieht ein bisschen aus wie ein Museum für Spielautomaten. Doch unter Küseners Flippern befinden sich auch hochmoderne High-End-Geräte.

Everswinkel – Alex Küsener schaut genau hin, während seine Frau Simone die Metallkugel auf den beiden Schlägern jongliert. Hier kann Küsener noch was lernen, die 38-Jährige hält schließlich den Highscore am „Deadpool“. Nun nimmt sie Maß und schickt den chromglänzenden Ball unter der großen Glasscheibe auf eine wilde Achterbahnfahrt, die letztlich in ein schrilles Aufflackern und imposante elektronische Sounds mündet. „Das ist kinetische Befriedigung“, sagt Küsener. Seine Frau muss schmunzeln.

Während die Spiele-Industrie immer aufwendigere und beeindruckendere Simulationen für die hochmodernen Spielkonsolen entwickelt, feiert der analoge Flipper seit einigen Jahren eine gewisse Renaissance. Hier ist die Kinetik, ein Teilgebiet der Mechanik, die Basis des Spiels. Was Küsener seit jeher fasziniert. „Ich sammle seit 2007 Flipper“, erzählt der gebürtige Baden-Württemberger. „Das war im Vergleich zu anderen Flipper-Sammlern eventuell etwas zu spät, aber noch nicht zu spät“, sagt Küsener. Denn während der 50-Jährige, der als Lack-Ingenieur bei BASF in Münster-Hiltrup arbeitet, zu Beginn seiner großen Leidenschaft die Geräte noch zu vergleichsweise günstigen Preisen kaufen konnte, erzielen heute einzelne Modelle Preise im niedrigen fünfstelligen Bereich. „Die Kurse für alte Flipper gehen seit geraumer Zeit durch die Decke“, erzählt Küsener. Hinzu kommen seit einigen Jahren unter Kleinserien-Bedingungen hergestellte Neugeräte wie der „Deadpool“, die je nach Ausstattung ebenfalls an die 10 000 Euro und mehr kosten können. Küsener ist deshalb froh, dass er seine Kollektion früh genug zusammengekauft hatte. „Heute könnte ich mir das nicht mehr erlauben“, weist er auf den Wertgewinn vor allem vieler alter Geräte hin.

Schmuckstück: Der Geldeinwurfschacht dieses Gerätes ist damals sogar vergoldet worden.

Die Geräte feiern eine Renaissance

Wer die Halle der Küseners in Everswinkel betritt, wähnt sich fast in einer Art Zeitmaschine. Knapp 50 Flipper stehen hier in Reih und Glied, sie sind geordnet nach Baujahr, der älteste stammt von 1979, es ist der in der Sammler-Szene recht bekannte „Kiss“-Flipper, benannt und gestylt nach der Rockband. Viele Flipper haben bekannte Kinofilme als Motto wie der nach dem „Terminator“-Film benannte „T2“ oder das Modell „Addams Family“, das 1992 erschien und mit über 20 000 Exemplaren der am häufigsten gebaute Flipper ist.

Küsener ist wie viele andere seiner Generation mit Flippern groß geworden. Bis in die späten 1990er Jahre standen die Kästen in vielen Kneipen und Gaststätten und wirkten auf viele Jugendliche geradezu magnetisch. D-Mark für D-Mark warfen sie in die Münzschlitze und freuten sich, wenn nach gutem Spiel ein lautes Klacken ein Freispiel signalisierte. Um die Jahrhundertwende verschwanden die Flipper dann nach und nach. Zum einen, weil ihnen die Videospiele, die für die Kids auf einmal auch zu Hause verfügbar waren, den Rang abliefen. Zum anderen waren die Maschinen groß, wartungsintensiv und oft auch sehr laut.

Während damals viele der Flipperautomaten auf dem Sperrmüll endeten, ist es heute schwer, noch gute Altgeräte zu finden. Günstige Scheunen- oder Kellerfunde gibt es laut Küsener so gut wie gar nicht mehr. Der 50-Jährige hat sich seine Sammlung in ganz Europa zusammengekauft. „Da geht man oft ins Risiko, wenn man wildfremden Menschen in einem anderen Land vorab ein paar tausend Euro überweisen muss“, sagt er. Die Spannung, wenn die Spedition das Gerät dann auf einer Palette anliefere, sei jedes Mal „enorm“.

Das älteste Modell in der Sammlung: Der Flipper „Kiss“ stammt von 1979.

Sämtliche von Küseners Pinballs, wie die Flipper in ihrem Herkunftsland USA heißen, sind betriebsbereit und liebevoll restauriert. Seine Frau und er sind mittlerweile versierte Restaurateure geworden, aber ohne Unterstützung aus dem Bekanntenkreis und der gut vernetzten Flipper-Community geht es speziell bei technischen Problemen oftmals nicht weiter. Und die elektromechanische Technik ist extrem komplex, das offenbart ein Blick ins Innenleben der alten Geräte: Hier reihen sich Relais, Spulen und Schalter aneinander, das Kabelgewirr ist geradezu verstörend. Die neuen Geräte werden hingegen von einem hochmodernen Prozessor gesteuert, in ihnen steckt sozusagen ein kleiner PC.

Die Spielfelder, die sogenannten Playfields, sind die wertvollsten Ersatzteile. Sie sind oft kunstvoll bemalt, doch haben sie bei den älteren Geräten unter dem intensiven Gebrauch meist sehr gelitten. Die rund 80 Gramm schwere Metallkugel hat oftmals das Dekor zerstört. Hier kommt wieder Simone Küsener ins Spiel. „Ich suche mir die Motiv-Vorlagen im Netz und koloriere die Spielfelder dann nach“, sagt die gebürtige Hammerin. „Danach sehen sie wieder aus wie neu“, freut sich Küsener.

Wartelisten für neue Flipper

Seit drei Wochen ziert nun ein besonderes Modell die Sammlung des 50-Jährigen, „auf den habe ich fünf Jahre gewartet“. Es ist der „The Big Lebowski“, ein Neugerät aus einer kleinen Flipper-Manufaktur in Roermond in den Niederlanden, benannt nach dem Kultfilm mit Jeff Bridges und John Goodman. Die Wartelisten für dieses hochmoderne Gerät sind extrem lang, pro Woche werden maximal vier von ihnen produziert. „Das ist mein teuerster und hoffentlich auch letzter Pinball“, sagt Küsener. So richtig überzeugend klingt das allerdings nicht.

Am Ende der Führung durch seine Sammlung blickt Küsener auf die Flippermaschinen und sagt: „Das ist auch ein bisschen meine Altersvorsorge.“ Und was, wenn der Wert der Geräte irgendwann auf einmal in den Keller geht? „Dann habe ich jedenfalls genug zum Spielen.“ - Jens Greinke

Boom in den 1960er und 1970er Jahren

Die Vorläufer der Flipper reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Es waren Spiele, bei denen die Kugel beim Herabrollen in verschiedene Löcher fiel. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Flipperhebel erfunden, mit denen die Spieler aktiv ins Geschehen eingreifen konnten. In den 1960er und 1970er Jahren erlebten die Flipper einen Boom, sie standen nicht nur in Kneipen, sondern auch in Kaufhäusern oder Waschsalons. Bereits in den 1980er und 1990er Jahren durchlebte die Flipper-Industrie durch die aufkommende Konkurrenz durch Videospiele immer wieder Krisen, ehe die Geräte Ende der 1990er Jahre endgültig aus dem öffentlichen Raum verschwanden. Die bekanntesten Flipper-Hersteller in der Blütezeit der Geräte waren die amerikanischen Firmen Bally, Williams und Gottlieb. Seit der Jahrtausendwende war lange Zeit Stern der einzig verbliebene Flipperproduzent. Dazu gesellten sich in den vergangenen Jahren kleinere Maufakturen wie Jersey Jack Pinball im US-Bundesstaat New Jersey oder nun mit Dutch Pinball im niederländischen Roermond auch aus Europa.

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