„Speichen-Werner“ aus dem Kreis Unna: Ein Mann, der für sein seltenes Handwerk lebt

Keine Felge ist ihm fremd: „Speichen-Werner“ bringt alles zum Laufen. In modernen Zeiten nicht nur Oldtimer, sondern auch E-Bikes.
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Keine Felge ist ihm fremd: „Speichen-Werner“ bringt alles zum Laufen. In modernen Zeiten nicht nur Oldtimer, sondern auch E-Bikes.

Es ist nur eine schlichte Halle im Zentrum von Kamen. Unauffällig inmitten von Wohnbebauung im Hinterhof. Wer die Halle betritt, hält unweigerlich den Atem an und fühlt sich mit einem Schlag aus dieser Zeit genommen.

Kamen – Die Halle ist vieles: Verkaufsraum, Museum und Manufaktur zugleich. Es sind Schönheiten auf zwei Rädern, die hier um die Gunst des Betrachters werben. Alt, und doch wie neu. Lackierungen in strahlenden Farben, historische Typenschilder, Chrom in betörendem Glanz, gepaart mit dem öligen Geruch von Werkstatt, der sich fast wie ein Parfum einzuschmeicheln versucht. Diese Halle ist das Reich von Speichen-Werner.

NSU, Zündapp, Meister, Hercules, Rixe, DKW, deutsche Triumph: Hier ist vieles versammelt, was Nostalgiker-Herzen höher schlagen lässt. Speichen-Werner, der eigentlich Werner Gehrke heißt, hat die Maschinen mit Hilfe von Geschäftsfreunden und Bekannten restauriert. Fast alle sind fahrbereit.

Seltenes Handwerk im Kreis Unna:  „Speichen-Werner“ bringt alles zum Laufen

„Speichen-Werner“; Mechaniker (70) aus Kamen, der Experte für Einspeichungen von alten Motorrädern und anderen Fahrzeugen ist
„Speichen-Werner“; Mechaniker (70) aus Kamen, der Experte für Einspeichungen von alten Motorrädern und anderen Fahrzeugen ist
„Speichen-Werner“; Mechaniker (70) aus Kamen, der Experte für Einspeichungen von alten Motorrädern und anderen Fahrzeugen ist
„Speichen-Werner“; Mechaniker (70) aus Kamen, der Experte für Einspeichungen von alten Motorrädern und anderen Fahrzeugen ist
Seltenes Handwerk im Kreis Unna:  „Speichen-Werner“ bringt alles zum Laufen

Wem zum Beispiel nach einer NSU-Quickly ist, hätte die Qual der Wahl. Denn sie steht hier gleich mehrfach in verschiedenen Farbvarianten. Restauriert, als wenn sie vom Werk käme. „Nie mehr laufen, Quickly kaufen“, kommt Gehrke ein alter Werbeslogan über die Lippen. „Jeder damals hat so ein Teil gehabt, um zur Arbeit zu kommen.“

„Damals“ ist in dieser Halle eine weite Spanne: Sie beginnt in den 1930er Jahren und reicht bis in die 1970er. Gerade steht hier ein rein batteriebetriebener Hercules-Kleinroller. „Ein sehr fortschrittlicher Gedanke“, sagt Gehrke und legt unter dem Bodenblech die Energiequelle frei. „Aber das Teil wiegt ziemlich viel.“

Gehrke und seine Maschinen, Gehrke und seine Speichen: Dafür ist er in Zweiradkreisen über die Region hinaus lange bekannt und geschätzt. Das gehört zusammen. Vor 28 Jahren wurde aus Werner Gehrke „Speichen-Werner“. Der heute fast 70-Jährige kann alles, was mit Speichen und Felgen zu tun hat: historische Motorräder, Kleinkrafträder, Autofelgen mit Speichen und im modernen Zeitalter auch E-Bikes.

Die angrenzende Werkstatt ist voll von Zubehör: V2A-Rohlinge in allen erdenklichen Stärken lagern hier, um bei Bedarf von Speichen-Werner gebogen, auf Maß geschnitten und mit einem Gewinde versehen zu werden. An Ort und Stelle in der Felge kontrolliert Speichen-Werner mit Hilfe von zwei „Uhren“ den Gleichlauf und weiß so, wo er noch einmal nachziehen muss. Wer ihm bei der Arbeit mit seinen teils selbst konstruierten Maschinen zusieht, gewinnt den Eindruck, er könnte das alles „mit Augen zu“. Wahrscheinlich stimmt das auch.

Speichen-Werner stammt ursprünglich aus der Lüneburger Heide. Bis nach Kamen war es ein langer Weg. Der gelernte Kfz-Schlosser spezialisierte sich in den späten 1970er Jahren auf Motorräder, arbeitete in Bayern, war für Honda-Werkstätten tätig, kam zum Möhnesee, dann nach Bönen und von dort aus in den 1980er Jahren zu Joseph Joys in dessen Radspannerei nach Holzwickede. „Dort hatten wir viel mit Eisspeedway- und Grasbahnmaschinen zu tun“, sagt Gehrke. „Und dort fing das Kapitel mit den Speichen an. Zuerst mit Geduld und Spucke. Aber der Firma Joys habe ich zu verdanken, was ich kann.“

Als sich der Lehrmeister aus dem Geschäft zurückzog, unterstützte er seinen Zögling Gehrke Anfang der 1990er Jahre bei dessen Selbstständigkeit. Eine Doppelgarage war schnell zu klein. Gehrke mietete die Halle im Mersch 6, wo er heute noch ist. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn, vor fünf Jahren seine Selbstständigkeit aufzugeben. Die Halle hat inzwischen einen neuen Besitzer, und Speichen-Werner ist jetzt dessen Angestellter: „Mein Chef sagt, ich bin bekloppt. Aber das meint er positiv.“ Gehrke ist glücklich, hier seinen Traum zu leben. Vielleicht unabhängiger denn je.

An keinem Tag sieht die Werkstatt gleich aus. „Gerommelte“, das heißt oberflächenverhärtete Motorteile, die wie neu aussehen, wollen verbaut werden, eine italienische DKW von 1952 befindet sich in Aufarbeitung an einem der Werkstände, BWM- und E-Bike-Felgen müssen bespannt werden. Gehrke macht das zufrieden. Er hat eine treue Kundschaft, und dafür ist er dankbar.

Von seinen Maschinen trennt er sich nur ungern. Darin steckt Herzblut und viel Zeit. Manchmal tut er es doch, weil er Teile für die Restaurierung anderer Fahrzeuge nicht tauschen, sondern nur kaufen kann. „Eine Restaurierung ist so ein hoher Zeitaufwand, da kann man eigentlich nicht noch teuer kaufen. Vieles geht nach dem Prinzip, eine Hand wäscht die andere. Man sammelt und sammelt und bekommt auch manchmal etwas geschenkt, wofür sonst niemand mehr Verwendung hätte.“

Wenn es im Straßenverkehr in der offenen Jahreszeit in Kamen bald verdächtig knattert, ist das möglicherweise Speichen-Werner. Denn Stillstand hat er sich und seinen Maschinen nicht verordnet. „Am wohlsten fühle ich mich dann auf meiner NSU Quickly“, sagt er. Denkt Speichen-Werner eigentlich manchmal ans Aufhören? Menschen in seinem Alter sind schließlich längst im Ruhestand. „Nicht, so lange die Hände das noch mitmachen“, sagt er.

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