Ansteckungsrisiko und Mutation

Schulen in NRW: Öffnen oder schließen? Das sagen Experten

Schulen in NRW sind wieder geöffnet - Dortmund und Wuppertal möchten sie wieder schließen. Grund sind die hohen Infektionszahlen. Doch haben Schüler ein höheres Corona-Risiko?

„Wir sehen jetzt: Kinder sind das größte Ansteckungsrisiko“, damit begründete Thomas Westphal, Oberbürgermeister von Dortmund, seine Forderung die Schulen wieder zu schließen. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann lehnte den Dortmunder Vorstoß ab. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt: Ist die Öffnung der Schulen in Nordrhein-Westfalen wirklich gefährlich? Müssten sie geschlossen werden, um die Ausbreitung der britischen Corona-Mutation zu verhindern? (News zum Coronavirus)

BundeslandNordrhein-Westfalen
LandeshauptstadtDüsseldorf
Einwohner17.947.221 (31. Dezember 2019

Schulen in NRW geöffnet: Ist das Ansteckungsrisiko für ältere Eltern zu hoch?

Der Virologe Christian Drosten machte in seinem Podcast Coronavirus Update (NDR-info) darauf aufmerksam, dass die derzeitige Infektionslage mit britischer Mutation und Stopp der Astrazeneca-Impfungen besonders für Über-50-Jährige gefährlich werden könnte. Ein Alter, in dem sich auch viele Eltern von Schulkindern befinden. Sind diese durch die Öffnung der Schulen in NRW besonders gefährdet?

„Alle Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen und viele Kontakte bestehen, erhöhen natürlich das Risiko, dass sich Infektionen verbreitet“, sagt die Pneumologin Folke Brinkmann in einem Interview im WDR 5 Morgenecho. Das treffe aber nicht nur für Über-50-Jährige und Kinder und Jugendliche zu.

Schulen in NRW: Dortmund will Schulen schließen - Gesundheitsministerium lehnt ab

Die Stadt Dortmund hatte gefordert, die Schulen nur zwei Tage nach ihrer Öffnung für alle Schüler wieder zu schließen. „Wir sind der festen Überzeugung, dass es in diesem Moment überhaupt keinen Sinn hat, die Schulen zu öffnen. Deswegen haben wir den dringenden Appell an die Schulministerin (Yvonne Gebauer, Anm. d. Red.), die Schulöffnungen und das Hochfahren des Präsenzunterrichts sofort zu beenden“, verkündete Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) am Dienstag. Er nennt jedoch keine Zahlen.

Das Land NRW reagierte noch am selben Abend und erteilte Dortmund eine klare Absage, die Schulen müssen geöffnet bleiben. Westphal verteidigte den Dortmunder Vorstoß dennoch. Er begründete den Wunsch nach Schulschließungen mit der Ausbreitung der Corona-Mutationen und der gestoppten Astrazeneca-Impfung. „Wir sehen jetzt: Kinder sind das größte Ansteckungsrisiko“, sagte der Oberbürgermeister. Dortmund will es noch einmal versuchen und die Schulen spätestens am Montag, 22. März, schließen - vier Tage vor Beginn der Osterferien.

Schulen so lange wie möglich auflassen: Das sagt ein Kinderarzt

Ganz anders als die Stadt Dortmund hingegen sieht es Kinderarzt und Klinikleiter Jörg Dötsch, der ein Interview im Deutschlandfunk gab. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln und fordert, die Schulen so lange wie möglich aufzulassen.

Der Kinderarzt sagt, dass die britische Corona-Mutation durch Kinder nicht stärker verbreitet werde als das ursprüngliche Virus. Das hätten Beobachtungen in England gezeigt. Insgesamt sei die Ansteckung unter Kindern um etwa einen Faktor 10 geringer als unter Erwachsenen. Auch die Daten der Gesundheitsämter würden zeigen, dass die Ansteckung in Kitas und Schulen nur einen sehr geringen Anteil der Gesamtzahlen ausmache.

Dötschs These spiegelt sich beispielsweise in den aktuellen Zahlen von Hamm, die zeigen, dass Schulen dort derzeit kein Ansteckungs-Hotspot sind. Erwachsene stecken sich laut Dötsch im Umfeld Schule jedoch an, ob Eltern oder auch Lehrkräfte.

Britische Mutation: Kein erhöhtes Ansteckungsrisiko bei Kindern und Jugendlichen

Dötschs Aussage über die britische Mutation bestätigt auch Pneumologin Folke Brinkmann. Sie sagt im Gespräch mit WDR5, dass Kinder und Jugendliche kein erhöhtes Ansteckungspotenzial haben - aber die britische Mutation sich trotzdem um 30 bis 40 Prozent schneller ausbreite.

Abstand Zuhause sei aber nicht möglich, sodass Infektionen gerade im Privaten ansteigen. „Innerhalb der Familie hat man keine guten Schutzmöglichkeiten“, sagt die Pneumologin. Schnelltests würden nur Sicherheit geben, wenn man täglich testet - an den Schulen in NRW ist jedoch nur ein Corona-Test vor den Osterferien vorgesehen.

Geöffnete Schulen in NRW: „Impfungen sind der einzige Weg“

Dass die Schulen offen bleiben, liegen dem Arzt Jörg Dötsch und der Pneumologin sehr am Herzen: „Wir glauben, dass letztlich durch die Schulschließungen es zu zum Teil gravierenden psychischen und auch körperlichen Folgeerscheinungen bei Kindern und Jugendlichen gekommen ist. Wir wissen, dass sich mittlerweile an die 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen schwer belastet fühlen“, sagte Dötsch im Interview mit Deutschlandfunk.

Um die Corona-Ausbreitung zu stoppen, gibt es wohl nur eine Alternative: „Die Impfungen sind der einzige Weg, wie wir aus diesen Wellen herauskommen werden“, sagt die Pneumologin.

Rubriklistenbild: © Philipp von Ditfurth/dpa

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