Sally Lisa Starken aus Bielefeld kämpft um Zukunft der Partei

Junge SPD-Frau (28) knöpft sich Schröder und Gabriel vor

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Sally Lisa Starken ist seit einem Jahr Leiterin der Koordinierungsstelle für Gesundheitsmanagement bei der Generalstaatsanwaltschaft Hamm. 

Bielefeld -  Sally Lisa Starken ist 28 Jahre jung, kämpft um die Zukunft der SPD und kritisiert Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel.

Diese Frage bekommt Sally Lisa Starken oft gestellt: Warum sind Sie eigentlich nicht bei den Grünen? Die Bielefelderin ist jung, engagiert sich in der Politik und kämpft für Gleichberechtigung, Klimaschutz und Europa. 

Doch trotz Umfragewerten von 15 Prozent und einer parteiinternen Niederlage hält die 28-Jährige ihrer Partei, der SPD, die Treue. Die Sozialdemokratin nimmt Rückschläge und Anfeindungen in Kauf. Sie will sich durchboxen. Und boxen kann sie, das hat sie schließlich mal gelernt.

Die SPD ist eine alte Partei. In vielerlei Hinsicht. Mit ihrer über 150-jährigen Geschichte ist sie die älteste noch bestehende Partei Deutschlands. Mehr als jedes zweite Mitglied in Nordrhein-Westfalen ist 60 Jahre oder älter. 

Sally Lisa Starken: Instagram-Followerzahl verdreifacht

Und nicht nur das: In den aktuellen Umfragen sehen die Sozialdemokraten hinter CDU, Grünen und teils auch AfD alt aus. Volkspartei? Das waren die Genossen gestern. Wie passt da jemand wie Sally Lisa Starken rein, deren Followerzahl auf Instagram sich innerhalb von drei Monaten verdreifacht hat?

2013 wurde sie Mitglied der SPD. Nach dem Abschluss ihres Diplomstudiums der Rechtspflege in der Eifel, kehrte sie in ihre Heimat Bielefeld zurück. Für Politik habe sie sich schon immer interessiert, als Jugendliche las sie die Politikberichte in der Zeitung. Durch den Einstieg ins Berufsleben habe sie erfahren, wie viel Ungerechtigkeiten es gibt, zum Beispiel bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau. 

Warum ist das so? Warum funktionieren Sachen nicht? Starken bekam Lust, mitzumischen und Dinge zu verändern. Eine Freundin nahm sie dann mal mit zu den Jungsozialisten, der Jugendorganisation der SPD, und da blieb sie dann hängen.

Sally Lisa Starken: Das schätzt sie an der SPD

Besonders Frauen in der Bielefelder SPD, aber auch der Oberbürgermeister Pit Clausen, wurden für sie Vorbilder. Mit der SPD konnte und kann sie sich identifizieren. An der SPD schätze sie bis heute, dass sie für Werte stehe. „Es ist eine alte Partei, die immer den Rücken gerade gemacht hat“, sagt Starken und man merkt ihr an, dass die aktuellen Umfragewerte und die Personaldiskussionen ihre Begeisterung für diese Partei nicht schmälern können. 

Ja, mit den Grünen habe sie Schnittmengen, wie zum Beispiel die Umweltpolitik. Aber die SPD biete mehr. 

Sally Lisa Starken: "Ideen werden nicht angerechnet"

Ganz aktuell zum Beispiel Hubertus Heil. Der Arbeitsminister habe ein tolles Rentenkonzept vorgelegt. Überhaupt habe die SPD in den vergangenen Jahre tolle Ideen gehabt. Aber warum steht die SPD dann da wo sie steht? Starken erklärt das unter anderem mit der Fixierung auf Personen. 

„Vieles wird an Personen festgemacht. Das schlägt dann die Inhalte, und Ideen werden nicht angerechnet.“ Also die falsche Vorsitzende? Nein, sagt Starken, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen ist. Andrea Nahles sei demokratisch gewählt worden (von ihr übrigens auch) und sie habe jetzt eine Chance verdient.

Sally Lisa Starken: "Das macht man nicht"

Für die jüngst geäußerte Kritik von Altkanzler Gerhard Schröder an Nahles hat Starken wenig Verständnis. „Das ist unpassend. Aus der hinteren Reihe etwas reinrufen, weil man meint, dass man es besser weiß. Das macht man nicht.“ 

Auch die angeblichen Comebackpläne von Sigmar Gabriel kann sie wenig begeistern. „Es ist immer das gleiche mit denen, die nicht mehr da sind“, sagt sie, schüttelt den Kopf und rollt genervt die Augen. Die SPD macht es ihren eigenen Leuten nicht leicht. Das bekam Sally Lisa Starken selbst zu spüren. 

Bei der Kandidatenaufstellung für die Europawahl verlor sie gleich zwei Kampfkandidaturen um einen vorderen Listenplatz, sie steht jetzt nur auf Platz neun. Sie ist jetzt eine der jüngsten Kandidatinnen der NRW-SPD, doch ein Platz im Europaparlament ist damit aussichtslos. 

Sally Lisa Starken: Eine Niederlage als Erfolg

Waren die anderen Kandidaten besser? Starken benennt als Grund ihrer Niederlagen den Regionalproporz. Ostwestfalen stellt im Landesparteirat, der die Kandidatenliste wählt, mit elf Genossen die wenigsten Stimmberechtigten. Angesichts dessen wertet sie ihre 29:30-Niederlage als Erfolg. Dass sie verlieren wird, war ihr vorher bewusst. Es ging ihr aber darum, ein Zeichen zu setzen. 

Starken ist nicht der Typ, der sich in die Schmollecke zurückzieht. Im Gegenteil: „Ich will nicht Politik machen, um am Ende eine Funktion zu bekleiden, sondern um Themen umzusetzen.“ Ein Mandat sei schließlich immer nur auf Zeit.

Sally Lisa Starken: Privates mit Politischem vermischen

Themen setzt sie zum Beispiel auf Instagram und Facebook. Da mischen sich private Bilder mit politischen Statements. Starken will so bewusst das Private mit dem Politischen verbinden, um zu zeigen: „Politik geht jeden etwas an.“ 

Die Befürchtung, dass die Zahl der Follower sinkt, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil: ihre Zahl stieg bei Instagram auf mehr als 1600. Auf der anderen Seite nimmt sie Anfeindungen in Kauf – die in den sozialen Medien passieren, wenn man, wie sie sagt, als junge blonde Frau gegen das Werbeverbot für Abtreibung ist.

Sally Lisa Starken: Lust an Auseinandersetzung

Doch das haut die 1,83 Meter große Frau nicht um. Einstecken hat sie gelernt. Mit fünf Jahren ging sie zum Judo, mit acht zum Kungfu, mit 14 zum Boxen. Dreimal die Woche boxte sie in Lemgo, vor drei Jahren machte dann der Rücken nicht mehr mit. 

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Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Gewalt hat viele Gesichter. Körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt. Die meisten Opfer von häuslicher Gewalt sind Frauen und Kinder. Im Jahr 2017 wurde alle zwei bis drei Tage eine Frau von ihrem Partner getötet und die Gewalt an Frauen steigt von Jahr zu Jahr. Die Dunkelziffer der Gewalttaten gegen Frauen wird weitaus höher sein, denn nur jedes fünfte Opfer traut sich Hilfe zu suchen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Nummer des anonymen Hilfetelefons (0800 116 016) bekannter wird. Geantwortet wird dort in 17 Sprachen 24 Stunden am Tag und der Anruf wird nicht auf der Telefonrechnung angezeigt. Und es ist endlich an der Zeit, dass die Forderung nach einer besseren Finanzierung von Frauenhäusern und der Unterstützung der Kommunen beim Ausbau von Hilfestrukturen endlich umgesetzt wird. Ein Fotoprojekt mit @veitmette . #gewaltimschatten #gewalthatvielegesichter #hilfetelefon #dubistnichtallein

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Die Lust an der Auseinandersetzung ist geblieben. Sie bezeichnet sich selbst als Feministin und kämpft für Gleichberechtigung, ihr „Herzensthema“. Denn: „Es sind nicht die alten, weißen Männer, die diskriminiert werden.“ Im anstehenden Europawahlkampf will sie sich engagieren. Schließlich stehe im Mai eine Schicksalswahl an – für Europa und seine Werte Freiheit und Solidarität. Es ist aber zugleich eine Schicksalswahl für die SPD.

Eine deutliche Niederlage würde den Abwärtstrend beschleunigen. Starken fordert deshalb von ihrer Partei mehr Glaubwürdigkeit und mehr Mut. Es gebe Themen, die nicht verhandelbar seien. Wie zum Beispiel das Selbstbestimmungsrecht der Frau und der Paragraf 219a, in dem es um die Werbung für den Schwangerschaftsabbruch geht. 

Auch bei den Themen Rente und Kinderarmut wünscht sich Starken mehr Standfestigkeit gegenüber dem Koalitionspartner in Berlin. „Ja, wir haben den Anspruch, eine Volkspartei zu sein, aber wir sind jetzt bei 15 Prozent. Wir müssen schauen, wer uns abhanden gekommen ist.“ 

Die Politik müsse wieder ehrlicher werden. „Man kann es als Partei nicht allen recht machen.“ Die jüngsten Vorstandsbeschlüsse sieht Starken positiv: „Die SPD ist wieder Vorbild für eine mutige Sozialstaatspolitik.“

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