Exklusive Einblicke in die Ermittlungsakte

Chats der Burbacher Wachleute: „Es haben die aufs Maul bekommen, die es auch verdient hatten“

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In WhatsApp-Chats tauschten sich die Burbacher Wachleute untereinander aus.

Burbach/Siegen - Seit zwei Wochen ruht der Prozess rund um misshandelte Flüchtlinge in der ehemaligen Notunterkunft in Burbach. Immer wieder war im bisherigen Verlauf der Verhandlung vor dem Landgericht Siegen auch von WhatsApp-Chatgruppen die Rede, in denen sich die angeklagten Wachleute über die Misshandlungen unterhalten haben. SiegerlandKurier und WDR liegen diese Dokumente aus den Ermittlungsakten vor. Es sind Einblicke in die Abgründe der menschlichen Psyche.

„Maroks Probleme“ hatten die Wachleute eine ihrer Chatgruppen genannt. Eine offensichtliche Anspielung darauf, wen die Security-Bedienstete in Burbach als „Problemstifter“ ausgemacht hatten. Die Polizei ermittelte zwölf Teilnehmer des Chats. Fast alle waren oder sind im Hauptverfahren rund um die misshandelten Flüchtlinge angeklagt. In der Gruppe ist unter anderem auch das Foto geteilt worden, auf dem ein am Boden liegender Flüchtling zu sehen ist, dessen Hände gefesselt sind. Wachmann H. hält dabei seinen Fuß in triumphierender Gestik auf dessen Kopf. Auch das Video, in dem ein Flüchtling in seinem Erbrochenen liegen muss, wurde in der Gruppe geteilt. 

„Habe ein Messer abbekommen“, schreibt Wachmann L. seinem Kollegen P. laut Ermittlungsakte am 22. März um 21.17 Uhr. Dazu sendet er ein Bild, das eine Schnittverletzung am linken Unterarm zeigt. P. antwortet direkt: „Marokkaner oder wer war das?“ Und fragt gleich hinterher: „Hast du ihn wenigstens tot geschlagen?“ 

"Bis sie nach Aspirin jammern"

Rund einen Monat später chatten erneut P. und L. über Vorfälle in der Einrichtung. P.: „Wie ist die Lage?“ L.: „Nichts Wildes. Nur kleinere Schlägereien“. P.: „Immer feste drauf.“ Am 20. August 2014 schreibt Wachmann D. an seinen Kollegen W.: „Bei 40 Marokkanern hilft nur eins: Auf die Wassermelonenköpfe im Millisekundentakt. Bis sie alle mit Kopfschmerzen auf dem Boden liegend nach Aspirin jammern.“ Die lapidare Antwort von W.: „Oh, gab es wieder Ärger?“ 

„Ich war dabei, als K. mit dem Tonfa auf einen eingeschlagen hat“, berichtet ein Wachmann in einem weiteren Chat. Ein Tonfa ist ein Schlagstock mit einem Quergriff. „Der Typ lag wehrlos am Boden. Das ist Scheiße. Ich hab ihm gesagt, dass man mit den Dingern nicht auf den Rücken schlägt“, heißt es da weiter. 

Immer wieder wechseln auch Fotos innerhalb der Gruppe hin und her. Darauf zu sehen sind offenbar Fotos von Flüchtlingen, ähnlich wie Fahndungsfotos. Teils sind dabei auch weitere Misshandlungen dokumentiert, so etwa Ohrfeigen. Selbst als der Misshandlungs-Skandal Ende September 2014 öffentlich wurde, rückt Wachmann R. nicht davon ab, seiner Meinung nach rechtmäßig gehandelt zu haben. „Presse halt“, will er die Misshandlungen in einem Chat offenbar relativieren. „Es haben immer die aufs Maul bekommen, die es auch verdient hatten.“ Seine einzige Einschränkung: „Aber doof, wenn man sich filmen lässt dabei.“ Sein Gesprächspartner stimmt zu. „Woanders bekommen andere den Schädel abgeschnitten, weil sie anders glauben. Da hört man nix von.“ 

Psychologe: "Paradebeispiel eines autoritären Regimes"

Der WDR zeigte die Chats dem Rechtspsychologen Roland Imhoff von der Uni Mainz. Seine Einschätzung: „Was man da deutlich erkennen kann ist, dass es nicht zu sehr um bösartige oder sadistische Misshandlungen geht, sondern dass die Angeklagten zu jedem Augenblick das Gefühl hatten, im Recht zu sein. Und das ist ein systemisches Problem. Das kennen wir aus vielen Untersuchungen.“ Die Wachleute hätten in Burbach eine Aufgabe zu erledigen gehabt – nämlich „für Ruhe zu sorgen“. Das Problem: Es habe dabei weder konkrete Anweisungen noch Restriktionen erlaubter Mittel gegeben. „Und dann werden Leute in so einem System ,kreativ‘ und machen sich zu eigen, dass eigentlich viele Mittel legitim sind, die zur Erreichung dieses Ziels taugen. Und das mag auch im Verlauf in so eine eskalierende Spur gehen. Was sie da sehen ist ein Paradebeispiel eines autoritären Regimes, wo jede Form von Abweichung bestraft werden muss. Und zwar nicht nur die, wegen der man ursprünglich eingetreten ist. Dahinter steht der Gedanke: wenn ich jede Form einer Abweichung bestrafe, dann kann ich das damit gut im Kessel halten. Und damit wird das System immer weitreichender. So dass schon die kleinsten Verstöße gegen die Hausordnung so bestraft werden, als würde es hier um kriminelle Akte gehen.“ 

Imhoff schaute sich die in den Chats geteilten Fotos an: „Einige haben fast trophäenähnlichen Charakter, wo man die Menschen erniedrigend darstellt. Und da kann man natürlich darüber spekulieren ob das ein Gefühl der Überhöhung der eigenen Person ist oder nur noch mal eine körperliche Form der Abwertung des anderen. Dass ,der‘ eigentlich keine andere Behandlung verdient, weil er auf einer niedrigeren gesellschaftlichen Stufe steht. Weil er da in seinem Erbrochenen sitzt und man mit ihm vieles machen kann.“ 

WDR strahlt Recherche-Ergebnisse aus

Der WDR zeigt die Ergebnisse der Recherche in TV-Beiträgen. Zu sehen sind diese am Mittwoch, 27. Februar, um 12.45 Uhr in „WDR aktuell“, in der „aktuellen Stunde“ um 18.45 Uhr und in der „Lokalzeit Südwestfalen“ um 19.30 Uhr. 

Nächster Prozesstermin ist am Mittwoch, 6. März.

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