„Kaum ein Ort ist anfälliger“

Professor aus Hamm untersucht Mordserien in deutschen Kliniken

Karl H. Beine war Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm.
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Karl H. Beine war bis 2020 Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm.

Der Psychiatrie-Professor Karl H. Beine aus Hamm forscht über Krankenpfleger und Ärzte, die Patienten getötet haben. Er sagt: „Kaum ein Ort ist anfälliger für Tötungsdelikte als ein Krankenhaus.“

Hamm/Oldenburg - In seinem neuen Buch „Tatort Krankenhaus - Ein kaputtes System macht es den Tätern leicht“ untersucht Professor Karl H. Beine Mordserien in deutschen Krankenhäusern und fragt nach den Ursachen. In Oldenburg verfolgte er den Prozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel, der 2019 wegen Mordes an 85 Patienten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Karl H. Beine (70) war bis 2020 Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm. Schon 2017 hatte er mit seinem Buch „Tatort Krankenhaus - Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“ große Aufmerksamkeit erfahren. Die Nachrichtenagentur epd hat mit ihm über sein neues Buch gesprochen:

Herr Beine, im Krankenhaus kümmern sich Menschen um Patienten, die Heilung benötigen. Muss da ein Mord nicht sofort auffallen?
Karl Beine: Wenn jemand wirklich töten will, dann ist es an keinem Ort so schwer, Tötungsdelikte zu entdecken, wie im Krankenhaus. In Kliniken gehört der Tod zum Alltag. Dort sind Medikamente, die auch als Tötungsmittel missbraucht werden können, jederzeit vorhanden. Außerdem sind bei oberflächlicher Betrachtung die Tötungshandlungen und die Heilbehandlungen fast identisch.
In ihrem Buch sagen Sie, dass Tötungen im Krankenhaus keine Einzelfälle sind. Sie dokumentieren 38 abgeurteilte Tötungsserien, davon analysieren Sie vier Fälle in Deutschland genauer. Warum?
Beine: Es gibt gibt zu wenig wissenschaftliche Untersuchungen über Klinikmorde. Kriminologische Studien zeigen aber, dass in Deutschland jährlich bis zu 2.400 Tötungsopfer nicht als solche erkannt werden. Diese Zahlen beziehen sich auf Verbrechen, die nicht im Krankenhaus geschehen sind. Vieles spricht dafür, dass die Dunkelziffer in Kliniken deutlich höher ist. Gestützt wird diese Vermutung durch eine eigene Studie. Von 2.507 befragten Klinikärzten gaben 46 zu, schon einmal vorsätzlich ein Leben aktiv beendet zu haben. Bei den 2.683 befragten Pflegekräften waren es 27. Sie taten das, ohne darum gebeten worden zu sein.
Was sind das für Pflegekräfte oder Ärztinnen und Ärzte, die ihre Patienten töten?
Beine: Die Tötungsserien sind die Verbrechen Einzelner und zugleich Hinweise auf strukturelle Defizite in Krankenhäusern. Das Bild des krankhaften Psychopathen, der nicht weiß, was er tut, und sich nicht steuern kann, greift zu kurz. Es sind meist verschlossene, unsichere Menschen, die lange unauffällig bleiben und ein normales Leben führen. Die in der Rückschau festgestellten psychischen Störungen waren vorher nicht ohne Weiteres zu erkennen.
Gibt es Umstände, die solche Taten begünstigen?
Beine: Der Hauptfaktor ist die Tatbereitschaft, die sich über Jahre entwickelt. Hinzu kommt eine berufliche Umgebung mit Vorgesetzten und Kollegen, die die Persönlichkeitsveränderungen nicht erkennen und nicht reagieren. Wenn erste kritische Beobachtungen gemacht werden, aber Kollegen und Vorgesetzte keinen Aufklärungswillen zeigen oder gar aktive Vertuschung betreiben, wird es sehr gefährlich. Viele Täter haben wie Högel das Schweigen der Kollegen und das Ausbleiben von Reaktionen als Zustimmung gedeutet.
Wie das?
Beine: Es gibt einige Beispiele dafür, dass Menschen, die später als Täter identifiziert wurden, sich quasi aufgefordert fühlten. So weit, dass eine Krankenschwester zu Wolfgang L., der später in Gütersloh verhaftet wurde, über einen Patienten sagt: „Den will ich hier morgen nicht mehr sehen.“ Und L. am nächsten Morgen sagt: „Befehl ausgeführt.“
Warum schweigen oder vertuschen die Kollegen und Vorgesetzten?
Beine: An einigen zu Tatorten gewordenen Kliniken gibt es eine verstörende Grauzone, in der die Grenzen zwischen unkritischer Kollegialität, absichtlichem Wegsehen und Komplizenschaft verschwimmen. Das andere ist aber, dass das gegenwärtige Krankenhaussystem Pflegekräfte und die Ärzteschaft dazu zwingt, so zu arbeiten, wie sie es nicht wollen. Sie werden gezwungen, gegen fachliche und ethische Maßstäbe zu verstoßen, weil es zu wenig Pflegepersonal gibt und der Stress groß ist. Da übersehen sie Dinge, die sie eigentlich sehen sollten.
Wie können Tötungen in Kliniken verhindert werden?
Beine: Die Wahrscheinlichkeit, einen Verkehrsunfall zu erleiden ist viel größer als die Gefahr, in einem Krankenhaus geschädigt zu werden. Aber, das will ich deutlich sagen: Die ewige Behauptung von Politikern, es seien Einzelfälle, ist fraglich. Wichtig ist, dass die Mitarbeitenden darüber aufgeklärt werden, dass es so etwas gibt und grundsätzlich auch an ihrem Arbeitsplatz passieren kann. Das ist kein Plädoyer für ein permanentes Misstrauen. Es geht darum, das im Hinterkopf zu haben, wenn etwas merkwürdig erscheint.
Noch in diesem Jahr sollen einige frühere Vorgesetzte Högels vor Gericht gestellt werden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Högel trotz eines Verdachts nicht gestoppt zu haben, weil sie um den Ruf ihrer Abteilung und ihres Klinikums besorgt waren. Was erwarten Sie von dem Prozess?
Beine: Ich erwarte eine Aufklärung, inwieweit diese Leute pflichtwidrig gehandelt haben. Ich hoffe, dass auch strafrechtlich klar wird, dass Krankenhaus-Mitarbeiter primär dem Patientenwohl verpflichtet sind und nicht dem Ruf des Hauses.

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