Pfarrer Bernd Mönkebüscher

Außergewöhnlich ehrliche und offene Worte über seine Homosexualität

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Hamm - Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck hat gefordert, dass die Kirche ihre Sicht auf Homosexualität verändern muss. Er hat es als abwegig bezeichnet, homosexuelle Männer von der Priesterweihe auszuschließen. Für Pfarrer Bernd Mönkebüscher eine Initialzündung, seine Gedanken dazu und seine sexuelle Veranlagung ins Wort zu bringen. Andreas Wartala sprach mit ihm über seine Beweggründe.

Respekt, Sie sind einen mutigen Schritt gegangen. Warum haben Sie jetzt Ihre sexuelle Neigung öffentlich gemacht?

Bernd Mönkebüscher: Ich habe vor allem davon geschrieben, wie ich in Bezug auf Körperlichkeit und Sexualität aufgewachsen bin. Allein die Äußerungen des Bischofs, allein das Interview, das wir jetzt führen, ist ein Beleg dafür, dass Homosexualität immer noch – ich weiß nicht von wie vielen – als etwas nicht Natürliches empfunden wird. Sie liegt aber bei rund 5 Prozent der Bevölkerung in ihrer Natur. Und seriösen Schätzungen zufolge sind rund 20 bis 50 Prozent der Priester so veranlagt.

Warum gibt es so viele schwule Priester?

Mönkebüscher: Dazu gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Ich glaube, dass da vieles durch das Unterbewusste mitgesteuert wird. Manche meinen mit Blick auf die Vergangenheit, in der Homosexualität noch viel schärfer verurteilt wurde, dass die sexuelle Orientierung so nicht auffallen konnte. Die Alternative wäre eine „Scheinehe“ gewesen oder der etwas seltsame Onkel in der Familie.

Da bot die Kirche eher einen Schutzraum... 

Mönkebüscher: Ja. Sicherlich trägt auch die widersprüchliche Haltung der Kirche zur Homosexualität bei: man darf – notfalls und geduldet – so sein, aber es darf nicht ausgelebt werden – die Voraussetzung für den zölibatär lebenden Priester. Auf andere üben besondere Kleidung und Rituale eine Faszination aus, das Verkleiden, die Gewänder, eine relative Nähe zur Schauspielerei. Dann ist es natürlich auch ein sozialer Beruf, und in sozialen Berufen, etwa der Krankenpflege, gibt es ebenfalls einen höheren Anteil homosexueller Menschen. All das ist bekannt, vielfach reflektiert und verursacht im Zusammenspiel eine gewisse Atmosphäre, die für mein Empfinden auch die Diskussion etwa um die Priesterweihe für Frauen bewusst oder unbewusst beeinflusst und zum bislang geäußerten Nein seitens der Amtskirche führt. 

Und nun geben Sie dem Thema Ihr Gesicht. 

Mönkebüscher: Ich glaube, dass dieses Thema auch „Gesichter“ in der Kirche braucht. Der Essener Bischof Overbeck hat gesagt, die katholische Kirche könne „im Grunde nur froh sein, wenn aufgrund vertiefter Erkenntnisse über die menschliche Sexualität Vorurteile vergangener Zeiten, die bis heute fatal nachwirken, überwunden werden“. Diese „Entpathologisierung“ der Homosexualität bedeute für die Betroffenen „eine überfällige Befreiung aus teilweise immensen Leidensgeschichten in Vergangenheit und Gegenwart“. Das hat mich angesprochen.

Sie werden sich diesen Schritt reiflich überlegt haben. Haben Sie Konsequenzen zu befürchten? 

Mönkebüscher: Zusammen mit Bischof Overbeck haben sich die Leiter der Priesterseminare in Paderborn und Münster dazu geäußert, dass sie in einer homosexuellen Veranlagung keinen Hindernisgrund zur Priesterweihe sehen. Ein Hindernisgrund zur Weihe sehen sie in gleicher Weise bei hetero- wie homosexuellen Menschen bei Nichteinhaltung des Zölibates. Wenn die Bischöfe und Leiter der Priesterseminare dies ernst meinen, muss es möglich sein, über seine Veranlagung zu reden ohne Konsequenzen zu fürchten. Ich habe mindestens 40 Jahre darunter gelitten, kaum darüber reden zu können. Ich habe die Zeit meines Theologiestudiums ebenso verschlossen in Erinnerung. Sexualität und Zölibat – anders als Gehorsam – waren kaum Thema, und niemand traute sich zuzugeben, wie er veranlagt ist. Das führte auf der einen Seite zu Denunziationen, auf der anderen Seite zu extremer Einsamkeit verbunden mit der Angst, irgendwie in seiner Veranlagung, für die niemand etwas kann und die sich niemand aussucht, entdeckt und bloßgestellt zu werden. 

Welche Reaktionen hat es denn gegeben? 

Mönkebüscher: Ich habe sehr liebe und bestärkende Mails bekommen und wirklich freundliche Worte. Dafür bin ich sehr dankbar. Etwas Angst habe ich vor dem Gerede hintenrum, so wie es immer schlecht ist, wenn man über etwas oder jemanden spricht statt mit ihm. Und ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die sich mit diesem Thema sehr schwer tun, weil sie entsprechend groß geworden sind und leider auch die Kirche dazu beigetragen hat, Sexualität nicht nur zu tabuisieren, sondern auch realitätsfern zu betrachten. Ich habe gerade noch ein Telefongespräch mit einem noch nicht mal dreißigjährigen Mann geführt, der sich nach seinem Auszug aus dem Elternhaus geoutet hat. Seine Eltern haben ihm Briefe geschrieben, dass er nun in die Hölle käme… 

Haben Sie auch vor solchen Briefen Angst?

Mönkebüscher: Ich habe Angst, Menschen mit meiner Offenheit zu überfordern. Ich möchte niemandem vor den Kopf stoßen. Aber dann denke ich mir auch, wie sollen immer noch bestehende Vorurteile sonst aus der Welt geschafft werden, wenn wir nicht darüber sprechen? Und wenn ich denke, dass die Kirche mit ihrem Einfluss etwa in den Ländern, wo homosexuelle Menschen verfolgt werden, sich eben auf die Seite der Verfolgten stellen könnte und muss, einfach schon mit der Aussage des Katechismus, der zumindest von Respekt spricht, das wäre doch stark. 

Homosexuelle Menschen im Klerus und in Priesterseminaren bereiteten Papst Franziskus Sorgen. Das hat er Ende des vergangenen Jahres so verlautbaren lassen. Menschen mit „dieser tief verwurzelten Tendenz“ sollten seiner Meinung nicht zum Priesteramt oder zu religiösen Orden zugelassen werden. Kränkt Sie solch eine Sichtweise?

Mönkebüscher: Kränken ist gar kein Ausdruck. Der Papst greift bis in die Wortwahl hinein die Formulierungen seiner Vorgänger auf. Die Begründung, die erfolgt, ist, dass Menschen dann nicht in der Lage seien, korrekte Beziehungen zu Frauen oder Männern aufzubauen. Das hat auch etwas Diskriminierendes. Ich weiß nicht, welche Belege es für solche Aussagen gibt. Mir sind keine bekannt. Und wenn Menschen heute - auch in der Kirche -  Homosexualität mit Missbrauch in Zusammenhang bringen, dann ist das mehr als böswillig oder unwissend und wird eindeutig von der sogenannten Missbrauchsstudie widerlegt. 

Aber die Formulierung „tief verwurzelte Tendenz“ zeigt doch, wie schwer sich die Kirche mit diesem Thema tut.

Mönkebüscher: Genau, als wäre die Sexualität irgendetwas Angehängtes, ein Teil vom Menschen, eine Tendenz eben. Wir sind doch gar nicht anders auf der Welt als so, wie wir sind. Und die Verantwortlichen wissen glaub ich schon, dass die Realität anders aussieht, dass die Kirche sich auf der anderen Seite sehr wohl dieser „Personengruppe“ bedient, weil sie gut und glaubwürdig in der Seelsorge arbeiten können und spezielle Begabungen und Fähigkeiten mitbringen.

Warum hat die Kirche – also die Kirchenleitung – ein Problem mit Homosexualität? 

Mönkebüscher: Ich sehe dafür eigentlich nur einen Grund, den Umgang mit der Heiligen Schrift. Zum einen tut sich die Kirche etwa mit Segensfeiern für schwule oder lesbische Paare schwer, weil sie glaubt, dass Sex nur in der Ehe ihren Platz hat und dies auch nur, wenn „die Handlung“ offen ist für die Zeugung von Kindern. Diese Denkweise berücksichtigt nicht, was wir in den letzten Jahrzehnten und länger anders sehen: Menschen heiraten nicht in erster Linie, um Kinder zu zeugen. Sie werden auch nicht mehr verheiratet oder verkuppelt. Und da kommt ein biblischer Hintergrund: die Abrahamsgeschichte im Alten Testament etwa lebt stark von der Gottesvorstellung, dass Kinderreichtum ein Zeichen dafür ist, dass der Segen Gottes auf Abraham ruht. Und dass nur Kinder das Leben sinnvoll machen, den Stamm sichern. Sagt die Bibel denn etwas zur gleichgeschlechtlichen Liebe, wie wir sie heute kennen in Form von personalen Bindungen? Nein, gar nichts, allenfalls vermuten manche in der innigen Freundschaft zwischen David und Jonathan wohlwollende Andeutungen. In den Bibelstellen, in denen umschreibend oder begrifflich Homosexualität angesprochen wird, geht es um eine Sexualpraxis, die in keinem personalen Zusammenhang steht: es geht beispielsweise um Vergewaltigung, Knabenschänderei oder um die Vergötzung von Sexualität, um das Austauschen von Frauen durch Männer aus Überdruss oder Verachtung des anderen Geschlechts. Leider finden theologische Forschungsergebnisse oftmals erst sehr spät Eingang in die kirchliche Lehre. In anderen Fragen geht das schneller. Wenn etwa in der Apostelgeschichte steht, man solle kein Blut essen, diese Stelle hat man sehr schnell zeitgeschichtlich eingeordnet… 

Sie stammen aus einem sehr katholischen Elternhaus. Konnten Sie mit ihren Eltern über Ihre sexuelle Orientierung sprechen? 

Mönkebüscher: Nein. Und das tut mir bis heute weh. Ich glaube, meine Eltern, sie sind inzwischen schon gestorben, hätten mich nicht verstanden. Sie wollten in ihrer Erziehung – auch religiös gesehen – nichts falsch machen. Über Sexualität wurde nicht gesprochen. Nie. Aber dafür konnten meine Eltern nichts, sie sind selbst so erzogen worden. Und ich glaube, die Moralvorstellungen der Kirche haben daran – ich kann es leider nicht anders formulieren – schuld. Das häufige beichten müssen, um zur Kommunion gehen zu können mit reinen Händen und Herzen, und das bezog sich hauptsächlich auf die Sexualität, auch noch auf den Verkehr verheirateter Menschen, zeigt, wie sehr Sexualität mit Unreinheit und Schuld in Verbindung gebracht wurde. 

Was hat das für Sie für Auswirkungen gehabt? 

Mönkebüscher: Für mich war es so, dass sehr früh etwas begann, was sicherlich andere auch kennen: man beginnt, gegen sich selbst zu kämpfen, ich wollte anders sein, „normal“. Die Auseinandersetzungen gehen nach innen und machen einen selbst zerrissen. Und das sind Wunden, deren Narben man ein Leben lang trägt. 

Also hat die Kirche einen enormen Einfluss auf Ihre Eltern und damit auch auf Ihren Lebensweg gehabt. Wie konnten Sie mit dieser Zerrissenheit leben?

Mönkebüscher: Ich habe das Glück einiger sehr guter Freundschaften, die offene Gespräche mittlerweile gut ermöglichen. Aber bis es dahin kam, war es schon ein gewaltiger Weg. 

Haben Sie sich Hilfe geholt? 

Mönkebüscher: Ich habe, das empfinde ich nicht als einen Makel, in den letzten Jahren viele Gespräche mit einem Psychotherapeuten geführt, die natürlich nichts ungeschehen machen können, aber doch helfen, mit dem, was unabänderlich ist, zu leben und sich sogar zu versöhnen, so weit das geht. Es gab auch Phasen, in denen ich sauer war auf meine Eltern. Ich sehe jetzt stärker, dass sie gar nicht anders sein und handeln konnten. Das mit sich selbst versöhnen ist aber glaube ich ein Thema, das viele Menschen mit sich herum schleppen. Und ich hoffe, das solche Worte wie die von Bischof Overbeck und übrigens auch von anderen Bischöfen heilsame Veränderungen bewirken.

Nun sind Sie auch ein Teil dieser Kirche, die Ihnen das Leben so schwer gemacht hat. Warum bleiben Sie dabei?

Mönkebüscher: Das mag für manche masochistische Züge haben: ausgerechnet die Institution, die mein Leben auch überschattet, wird meine Arbeitgeberin. Und es gibt Tage, an denen ich mir denke: es reicht. Dazu tragen die Missbrauchsgeschichten bei oder auch die Meldung von der Vergewaltigung von Nonnen durch Priester und manches andere. Ich bleibe, weil ich mit der christlichen Botschaft viel verbinde. Ich bleibe, weil ich – auch in Hamm – wunderbare und redliche Menschen in der Kirche und in den Gemeinden kenne und schätze. Ich bleibe, weil Kirche viel mehr ist als ihre – für mich – verkürzte und teilweise menschenunfreundliche Sicht auf Sexualität. Ich bleibe, weil ich immer noch an die Erneuerung der Kirche glaube und dazu beitragen möchte. Ich bleibe, weil ich in ihr vieles finde, was ich anderswo nicht finde. 

Die Worte von Bischof Overbeck sind ein erster Schritt. Was muss sich in der Kirche ändern? 

Mönkebüscher: Das ernsthafte Einarbeiten theologischer und humanwissenschaftlicher Erkenntnisse in lehramtliche Aussagen ist überfällig. Die Berufung von Frauen in kirchliche Dienste inklusive Weiheamt – und dies nicht aus Gründen von Priestermangel, sondern aus Gründen von Wertschätzung und Gleichberechtigung –, eine Sensibilisierung der Gebets-Sprache, indem sie nicht mehr Bilder und Worte bemüht, die erst einer mannigfachen Übersetzung bedürfen. Wir sprechen beispielsweise immer noch davon, „in“ den Himmel zu kommen, als sei es ein Ort über den Wolken, eine zweite Welt. Dabei bedeutet Himmel das Überall Gottes. Der Himmel ist überall, so wie Gott überall ist. Ich glaube, wir brauchen eine Sprache, die nicht mehr ausgrenzt und die auch wieder im echten Dialog ist mit den Philosophen und Denkerinnen unserer Zeit, mit Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie mit den bedürftigen, kranken und armen Menschen.

Zur Person

Bernd Mönkebüscher

  • geboren 1966 in Werl 
  • Abitur 1985; Studium in Paderborn und Freiburg 
  • Priesterweihe 1992 
  • Vikar in Meschede und Olpe, von 1998 bis 2003 Pfarrvikar in Menden-Hüingsen, bis 2007 Pfarrer in Altenrüthen und dem zugehörigen Pastoralverbund 
  • seit 2007 Pfarrer in Hamm, Leiter Pfarrverbund Mitte-Osten
  • Hobbies: Schreiben, mit Freunden etwas unternehmen, Theater

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