"Nur sagen, was man wirklich weiß": Armin Laschet über die aufgeregte Medienwelt

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Ein Ministerpräsident ist ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit, taucht täglich in Zeitungen und im Fernsehen auf. Doch wie informiert sich ein Regierungschef eigentlich selbst über das Zeitgeschehen – und wie sieht er die Medienwelt, wenn er früher selbst Journalist gewesen ist?

Darüber sprachen Martin Krigar und Alexander Schäfer mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU).

Herr Laschet, lassen Sie uns einmal darüber reden, wie Sie sich über das Geschehen im Land informieren. Lesen Sie morgens eigentlich Zeitung?

Armin Laschet:  Ja, natürlich!

Was lesen Sie?

Laschet: Zuhause in Aachen habe ich meine beiden Lokalzeitungen. Die großen Zeitungen des Landes bekomme ich dann in Düsseldorf in Papierform. Ich lese gerne auch noch auf Papier, da hat man einen ganz anderen Eindruck. Man sieht, an welcher Stelle ein Artikel steht, wie er gewichtet wurde und welche Bilder dabei sind. Und in der Presseschau der Staatskanzlei sehe ich zwar viele Artikel, aber nicht wie sie aufbereitet sind. Aktuell gehe ich aber mehr und mehr dazu über, digitale Ausgaben und E-Paper zu lesen. Trotzdem: Auch die gedruckte Zeitung bleibt mir wichtig.

Was bringt Ihnen das Zeitunglesen?

Laschet:  Viel. Ich merke so, welche Themen gerade relevant sind und wie Journalisten sie wahrnehmen und bewerten. Gerade die Zeitungen sind dafür ein guter Pegel. Wenn man den Querschnitt der Landespresse gelesen hat und alle etwas ähnlich wichtig nehmen, ist das schon ein Signal. Es gibt wiederum Themen, die ich selbst als superwichtig erachte, über die in der Zeitung aber relativ klein berichtet wird.

Wie werden Sie von Ihren Mitarbeiterin über das informiert, was in den Medien passiert?

Laschet: Die tägliche Presseschau der Staatskanzlei, die auch zum Beispiel die Fraktionen im Landtag bekommen, fasst die Tageszeitungen und Magazine zusammen. Aber natürlich werde ich laufend über wichtige Entwicklungen informiert. Ich verfolge die Nachrichtenagenturen, lese auch gerne online, wenn ich unterwegs bin, und meine Mitarbeiter lassen mir natürlich wichtige Dinge zukommen, so dass ich immer im Bilde bin.

Inwieweit spielen da auch neue Medien eine Rolle – das Internet, Fernsehen und Radio, soziale Medien wie Facebook oder Twitter?

Laschet:  Die Taktung der Nachrichten hat ja zugenommen. Natürlich verfolgen wir Onlinemedien, Blogs, Radio und Fernsehen. Und für die Sozialen Netzwerke bekommen wir aktuelle Auswertungen. Und Twitter verfolge ich persönlich fast überall.

Was erfahren Sie in dieser Social-Media-Auswertung?

Laschet:  Wir nutzen als Landesregierung ja die Sozialen Netzwerke, um zu informieren, aber auch um Themen zu verfolgen, Meinungen aufzunehmen. Ich twittere auch selbst gerne. Das kann kein Apparat machen, das kann einem keiner abnehmen, wenn die Reaktion wirklich persönlich sein soll. Ich merke dann, dass manche Themen, zu denen ich schreibe, weniger stark wahrgenommen werden. Bei anderen Themen gibt es wiederum hunderttausende Verbreitungen. Twitter zeigt ja an, wie viele Menschen den eigenen Text gesehen haben. Hier erfährt ein Politiker unmittelbar, ob das, was er gerade geschrieben hat, von Interesse ist oder nicht.

Was war Ihr erfolgreichster Twitter-Beitrag?

Laschet: Einen kritischen Tweet von mir zur AfD hatten fast 500 000 Menschen gesehen.

Haben Sie am Tag der Amokfahrt von Münster getwittert?

Laschet: Zunächst bewusst nicht. In solch einem Moment heißt es, zunächst abzuwarten, bis belastbare Erkenntnisse vorliegen. Twitter ist ein sehr schnelles Medium. Aber man muss, wenn so etwas passiert, erst mal innehalten, den Dingen auf den Grund gehen, sozusagen entschleunigen und nicht beschleunigen. Als die Lage noch völlig unübersichtlich war, haben Rechtspopulisten schon ihre Falschmeldungen verbreitet und gegen Flüchtlinge und den Islam gehetzt. Man hat fast den Eindruck, dass sie es dann bedauern, wenn sich ein anderer Hintergrund herausstellt.

Wie erfahren Sie von solchen Ereignissen wie Münster?

Laschet: Das ging an diesem Samstag sehr schnell. Das Ereignis passierte um 15.27 Uhr. Bereits wenig später wurde ich von Innenminister Herbert Reul angerufen und darüber informiert, dass etwas passiert sei und dass es vermutlich Tote gebe. Das war etwa eine halbe Stunde nach dem schlimmen Vorfall.

Was ist dann passiert?

Laschet: Wir haben abgesprochen, was zu tun ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mehrmals bei mir gemeldet und sich erkundigt. Das Entscheidende ist dann, ruhig zu bleiben, in der Sache die richtigen Entscheidungen zu treffen, sich nicht von der Aufgeregtheit anstecken zu lassen – und nur das zu sagen, was man auch wirklich weiß. Politik und Polizei spekulieren nicht. Schon am frühen Abend konnte der Innenminister in Münster sein und auch belastbare Auskünfte geben. Am nächsten Tag war ich selbst in Münster, die Medien haben das begleitet, und die Staatskanzlei hat darüber informiert. Es gibt aber auch Dinge, die wir nicht öffentlich gemacht haben, auch aus Respekt vor den Opfern. Zu meinem Besuch bei den Verletzten im Krankenhaus haben wir keine Presse eingeladen, sondern hinterher nur kurz bestätigt, dass ich dort war.

Wie beurteilen Sie die Wirkung von Berichterstattung in Fernsehen, Radio, Zeitungen und online sowie in sozialen Netzwerken wie Facebook?

Laschet: Jedes hat auf seine Art eine Wirkung. In der Verbreitung ist Social Media schneller als die gedruckten Zeitungen, die aber über ihre Online-Kanäle inzwischen auch sehr schnell geworden sind. Die Fernsehberichterstattung erreicht, etwas zeitverzögert, oft noch ein breiteres Publikum. Das Printangebot hat trotz des schnellen Internets immer noch die Bedeutung: dass man das, was dort steht, als Faktum und als wahr ansieht. Das Zutrauen der Menschen in eine Zeitung ist deutlich höher als in einen Tweet. Das ist auch Frage der Medienbildung: Wo steckt tatsächlich journalistische Aufarbeitung hinter? Nicht nur Schüler müssen in der Lage sein, das differenziert betrachten zu können.

Was will das Land für Medienbildung tun?

Laschet: Medienbildung muss sicherlich in Schulen stattfinden, das passiert dort auch. Meine These ist aber, dass wir alle erreichen müssen, die diesen neuen Medien folgen, also auch die 20- bis 100-Jährigen. Wir brauchen eine Debatte darüber, welche Angebote sinnvoll sind. Das Problem muss den Menschen bewusst sein.

Gibt es Tage, an denen es Sie ganz persönlich stört, was die Medien über Sie schreiben?

Laschet:  Klar lese ich mal einen Artikel oder Kommentar, wo ich denke: Das trifft es jetzt nicht ganz – oder das ist sehr zugespitzt.

Wie wichtig ist Ihnen so ein Urteil trotzdem?

Laschet:  Ich nehme das ernst und frage mich natürlich, ob die Kritik in der Sache berechtigt ist. Ich halte es für wichtig, die eigene Arbeit zu reflektieren.

Ärgern Sie sich auch mal?

Laschet: Ich habe mich ja bewusst für ein öffentliches Amt beworben und weiß, dass Kritik Teil des Geschäfts ist. Aber natürlich ärgere ich mich, wenn ich Kritik für nicht berechtigt halte. Wenn man aber länger politisch tätig ist, weiß man, dass man das auch in aller Ruhe betrachten kann. Man kann sich nicht über alles aufregen. Es wäre ja ein Wunder, wenn man jahrelang regiert und jeder schreibt, dass alles super ist.

Wer arbeitet in der Staatskanzlei dafür, wie Ihre Arbeit rüberkommt?

Laschet:  Das Landespresseamt informiert und versucht Hintergründe zu erklären. Je glaubwürdiger und selbstkritischer man das tut, umso glaubwürdiger ist man gegenüber Journalisten. Deshalb ist es ein großes Pfund, dass man auch zugibt, wenn etwas schlecht gelaufen ist. Zum Beispiel die Kommunikation rund um das Sozialticket (das im November zwischenzeitlich in den Mittelpunkt der Landespolitik geriet, weil Zuschüsse in der alten Form gekürzt werden sollten, Anm. d. Red). Die Absicht war, das gesamte Ticketsystem auch für Auszubildende neu zu organisieren und die reine Förderung in einen anderen Rahmen zu stellen. Wie aber kam das Thema an? Die in der Regierung sind unsozial, hieß es. Wir haben das schnell wieder geändert. Wenn etwas falsch ist, sollte man nicht darauf beharren. Man wird aber natürlich auch unpopuläre Maßnahmen treffen müssen, die aber nötig sind. Es geht nicht darum, bei jedem Protest den Kurs zu ändern, sondern darum, offen für konstruktive Kritik zu sein.

Spielt es bei der Beurteilung von solchen Prozessen eine Rolle, dass Sie selbst mal als Reporter tätig waren?

Laschet: Das spielt bestimmt eine Rolle. Man kennt die andere Seite, man hat mehr Verständnis für den anderen.

Sie erleben Journalisten auf verschiedenen Ebenen, in der Kommune, im Land, im Bund. Gibt es da Unterschiede?

Laschet: Das Kommunale ist oft noch persönlicher. Da ist der Anspruch an den Journalisten, kritisch über eine Person zu schreiben, mit der man ständig zu tun hat, noch schwieriger zu erfüllen. Die Lokalredaktion trifft jeden Tag auf die gleichen Leute. Wer in einer Stadt einen Skandal aufdeckt, kann schnell als Nestbeschmutzer gelten. Journalisten, die sich kritisch mit dem Ministerpräsidenten auseinandersetzen, haben da eher vielleicht das Glück, dass sie am anderen Ende des Landes sitzen.

Zur Person: Armin Laschet

Geboren 1961 in Aachen, verheiratet, drei Kinder, Studium der Rechts- und Staatswissenschaft in München und Bonn

1986 - 1994 Journalistische Ausbildung, Reporter beim Bayerischen Fernsehen und bei Radio Charivari, Chefredakteur der Kirchenzeitung für das Bistum Aachen

1995 - 1999 Verlagsleiter Einhard Verlag (Bistum Aachen)

1989 - 2004 Stadtrat Aachen

1994 - 1998 Abgeordneter im Deutschen Bundestag

1999 - 2005 Mitglied des Europäischen Parlaments

2005 - 2010 Integrations- und Familienminister NRW

seit 2010 Abgeordneter im NRW-Landtag

seit 2012 CDU-Chef in NRW

seit 2017 Ministerpräsident

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