Wer hat kontrolliert?

Neue Recherchen zum Tod des Jungen: Jugendamt besuchte Pflegekind nur einmal

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Das Kleinkind wurde zwischenzeitlich auch im Klinikum Lüdenscheid behandelt.

Plettenberg – Wer kontrolliert eigentlich die Jugendämter, wer die freien Träger und wer die Pflegeeltern? Die Recherchen über den gewaltsamen Tod eines Gelsenkirchener Jungen aus einer Plettenberger Pflegefamilie zeigen: Es gibt Lücken.

Der Tod des Pflegekinds wird von den beteiligten Behörden und Trägern als tragisches Einzelschicksal dargestellt, das nicht zu erwarten gewesen wäre. 

Unsere Recherchen aber zeigen: Dem etablierten System mangelt es an Kontrolle, Aufsicht und Sanktionen – vor allem dann, wenn sich freier Träger und Pflegefamilie sehr nahe stehen. Wir versuchen einige Fragen zu beantworten.

Wie war die Situation bei dem getöteten Jungen? 

Das Kleinkind, das den leiblichen Eltern in Gelsenkirchen entzogen worden war, war gesundheitlich beeinträchtigt und wurde daher in eine Pflegefamilie mit besonderer Eignung vermittelt. Dabei meldete das Jugendamt Gelsenkirchen den Bedarf beim Landesjugendamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) an. Das Landesjugendamt schlug dann eine „besonders geeignete“ Pflegefamilie vor – in diesem Fall die Plettenberger Familie der Lebenshilfe Wohnen NRW gGmbh mit Sitz in Olpe. 

Wer kontrollierte die Pflegefamilie? 

Für Aufsicht und Kontrolle der Plettenberger Pflegefamilie war formal das Jugendamt Gelsenkirchen zuständig, denn es ist für das Wohl des Kindes verantwortlich. Im Plettenberger Fall wurde die Kontrolle mit Beginn der Vollzeitpflege aber per Vertrag auf den freien Träger übertragen. Das Jugendamt muss dennoch Vor-Ort-Besuche durchführen, um zu sehen, wie es dem Pflegekind geht. Bei der Plettenberger Familie gab es seit August 2018, als der Junge in die Familie kam, nur den bereits bestätigten Besuch am 6. Dezember, aber keine weiteren. 

Wie war das Verhältnis zwischen dem freien Träger und der Pflegefamilie? 

Die Mutter war schon bevor sie als Pflegemutter eingesetzt wurde, Mitarbeiterin der Lebenshilfe. Die betreuenden Personen des Trägers und die Mutter kannten sich gut. Noch am Unglückstag war ein Lebenshilfe-Mitarbeiter bei der Familie zu Besuch – nach Lebenshilfe-Angaben allerdings nur privat. Die Familie befand sich durch das Anstellungsverhältnis der Mutter in wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Träger. Gleichzeitig erhielt der Träger Geld für die Begleitung, Betreuung, aber auch für die Kontrolle der Pflegefamilie. Im Ergebnis bedeutet das: Der mit der Kontrolle beauftragte Träger und die zu kontrollierende Familie waren wechselseitig voneinander abhängig.

Ist das ein Problem? 

Grundsätzlich nicht. Die geschilderte Konstellation ist in der Betreuung behinderter Pflegekinder keine Seltenheit. Das liegt an den besonderen Anforderungen an die Arbeit mit diesen Kindern. Fachkräfte, die bereit sind, ein Kind aufzunehmen, sind rar. Wenn aber in einer so engmaschig kontrollierten und begleiteten Familie ein Kind gewaltsam zu Tode kommt, muss die Frage nach einer effektiven Kontrolle gestellt werden. Wie berichtet, soll der 29-jährige Pflegevater den Jungen so schwer verletzt haben, dass er an den Folgen starb. Dass es keinerlei Anzeichen für eine Veränderung der Situation in der Familie gab – wie Jugendamt und Träger behaupten – ist aus kriminologischer Sicht die absolute Ausnahme. Durch das enge Verhältnis von Träger und Mutter ist es auch möglich, dass der Vater bei den Besuchen etwas aus dem Fokus geriet. 

Wer kontrolliert die freien Träger der Jugendhilfe? 

Der Träger im Plettenberger Fall wird durch das Landesjugendamt beim LWL lediglich im Bezug auf allgemeine Kennzahlen wie Personalschlüssel geprüft. In der Auswahl und Schulung der Pflegefamilien sind die Träger frei. Zwar wurden Qualitätsstandards festgelegt;die Einhaltung wird beim Landesjugendamt allerdings nicht kontrolliert, wie ein LWL-Sprecher einräumt. 

Wer kontrolliert das Jugendamt? 

Jedes der 168 Jugendämter in NRW kontrolliert sich selbst. Eine übergeordnete Aufsichtsbehörde gibt es nicht, auch keine zentrale Beschwerdestelle bei auftretenden Problemen. Wenn die (Pflege-)Eltern den Wohnort wechseln, geht die Zuständigkeit erst nach zwei Jahren auf das örtliche Jugendamt über.

Wer hat die Aufsicht über das Landesjugendamt? 

Das Landesjugendamt kontrolliert sich ebenfalls selbst. 

Gibt es Ansätze, mehr Kontrolle in das System zu bringen? 

Nein. Allerdings fordern die nordrhein-westfälischen Wohlfahrtsverbände, aber auch der Verband Pflege- und Adoptivfamilien NRW e.V. (Pan) einheitliche Qualitätsstandards bei Auswahl und Begleitung von Pflegefamilien. Ein zentrales, landesweites Register, auf das alle Jugendämter zugreifen können, gibt es nicht. Aktuell kann es noch passieren, dass eine Familie, die ein Kind in Pflege nehmen will, bei einem Jugendamt abgelehnt und bei einem anderen angenommen wird. Pan-Vorsitzende Sylvia Olbrich fordert zudem eine bessere Zusammenarbeit und Abstimmung der Jugendämter untereinander. 

Wolfgang Jörg (SPD) ist Vorsitzender des Ausschusses für Familie, Kinder und Jugend im NRW-Landtag. Er nennt den Plettenberger Fall auf Anfrage ein „tragisches Einzelschicksal“. Dennoch sieht er Redebedarf, auch weil es keine übergeordnete Aufsicht gibt. Er spricht sich für unabhängige Ombudsstellen aus, an die sich Betroffene bei Problemem oder Auffälligkeiten wenden können. Jörg: „Wir brauchen dringend eine Debatte über eine Jugendhilfe, die den Menschen verpflichtet ist und nicht den Mitarbeitern.“

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