Prozess um versuchte Kindstötung

Nach Fund im Müll: Nicht nur Baby schwebte in Lebensgefahr

Die Angeklagte wurde beim Prozessauftakt mit einem großen Tuch geschützt. Links im Bild ihre Anwältin Julia Kusztelak (Archivbild).
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Die Angeklagte wurde beim Prozessauftakt mit einem großen Tuch geschützt. Links im Bild ihre Anwältin Julia Kusztelak (Archivbild).

Nicht nur ihr neugeborenes Kind, sondern auch sich selbst brachte eine 31-Jährige - angeklagt vor dem Schwurgericht des Landgerichts Hagen - durch die Umstände ihrer heimlichen Entbindung am 14. Juni in Kierspe im Märkischen Kreis in Lebensgefahr.

Kierspe - Nachdem sie das Neugeborene hinter ihrem Wohnhaus deponiert hatte, hoffte sie offenbar weiterhin darauf, die Geburt vor ihrem Lebensgefährten verheimlichen zu können. Der reagierte glücklicherweise auf den heftigen Blutfluss seiner Gefährtin und rief die Rettungskräfte.

Ein Sanitäter erinnerte sich gestern vor Gericht daran, dass die 31-Jährige die von ihm vermutete Entbindung bestritten hatte. Weitergehende Untersuchungen habe sie strikt verweigert. Noch im Krankenhaus habe die junge Frau verneint, dass sie schwanger gewesen war, berichtete jene Ärztin, die bei ihren Untersuchungen Reste einer Plazenta fand und sofort die Polizei mit einer hellsichtigen und zielführenden Frage alarmierte: „Gibt es irgendwo ein Kind im Mülleimer?“ 

Nach der Einlieferung der Kindsmutter habe diese einen verwirrten Eindruck gemacht. Die Ärztin bestätigte, dass die 31-Jährige zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung in akuter Lebensgefahr schwebte: Nach dem Verlust von rund zwei Litern Blut war ihr Zustand „lebensbedrohlich“ und musste durch Bluttransfusionen stabilisiert werden.

"Totale Angst" vor Verlust des Partners

Erste Antworten auf die Frage nach einem möglichen Motiv für die Tat gaben Polizeibeamte, die die 31-Jährige kurz nach den ersten medizinischen Maßnahmen befragt hatten. Immer wieder habe die 20-Jährige von ihren massiven Verlustängsten gesprochen. Sie habe „totale Angst“ gehabt, dass ihr Partner sie wegen der ungewollten Schwangerschaft verlässt. Angeblich habe er gesagt, dass er nicht mehr mit ihr sprechen werde, wenn sie wieder schwanger würde. 

Der Beamte hatte im Verlauf des Gesprächs den Eindruck, dass diese Verlustangst alles andere überdeckte und sie gleichgültig machte: „Es hat sie nicht interessiert, ob das Kind lebte oder nicht.“ In der Vernehmung behauptete die Angeklagte allerdings auch, dass sie das Kind „in ein Krankenhaus oder zum Roten Kreuz“ bringen wolle. Und angeblich habe sie einen Tag vor der Geburt die Sprechstunde eines Frauenarztes in Meinerzhagen aufgesucht mit der Bitte, sie zu untersuchen. Angeblich sei sie zurückgewiesen worden, weil sie keinen Termin hatte. 

Der Rettungssanitäter, der die 31-Jährige morgens in Kierspe abgeholt hatte, war mittags erneut im Einsatz: Er übernahm den Säugling von den Polizeibeamtinnen. Unterschiedliche Angaben gibt es mittlerweile über die Temperatur der Kleinen vor dem Aufwärmen: Die Angaben schwanken zwischen 31 und 34 Grad.

Hier gelangen Sie zu unserer Berichterstattung vom zweiten Prozesstag. Und hier geht es zu der zum Prozessauftakt

Darum geht es im tragischen Fall aus Kierspe

Eine 31-jährige Frau aus Kierspe muss sich vor dem Schwurgericht des Landgerichts Hagen wegen einer versuchten Kindstötung verantworten. Sie hat zugegeben, dass sie ihre neugeborene Tochter am 14. Juni 2019 in einen Müllsack gesteckt und dadurch den möglichen Tod des Säuglings in Kauf genommen hatte.

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