Erklärungsversuche

Münster als Musterbeispiel für den Anti-Corona-Hotspot: Warum die NRW-Stadt so eine niedrige Inzidenz hat

Münster (NRW) ist einer der wenigen Anti-Corona-Hotspots. Die Inzidenz liegt seit einigen Tagen unter 50. Was dort anders läuft - warum es für Lockerungen trotzdem zu früh ist.

Hamm - Beim Blick auf die Deutschland-Karte ist viel Rot zu sehen - zumindest auf dem Dashboard des Robert-Koch-Instituts (RKI). Es zeigt - vereinfacht gesagt - die Corona-Lage in unserem Land. Je dunkler das Rot, desto höher ist der Inzidenzwert. Aber es gibt tatsächlich auch einige gelbe „Flecken“, die eine Inzidenz zwischen 25 und 50 aufweisen. Einer dieser Orte liegt in Nordrhein-Westfalen: Münster. (News zum Coronavirus)

StadtMünster
Fläche302,9 km²
Höhe60 m
Einwohner

Münster als Parade-Beispiel für Anti-Corona-Hotspot: Warum die NRW-Stadt eine niedrige Inzidenz hat

Während das RKI für NRW eine Sieben-Tages-Inzidenz von 104,1 meldete (Stand: Montag, 25. Januar), lag der entsprechende Wert für Münster bei 42,2 und damit seit Dienstag, 19. Januar, unter der Grenze von 50. Bund und Länder nennen diese Zahl gerne als politische Grenze für mögliche Lockerungen der strengen Corona-Regeln.

Aber warum schneidet Münster so viel besser als ab die meisten anderen Kommunen in NRW beziehungsweise in ganz Deutschland? Die eine Antwort auf diese Frage gibt es sicherlich nicht. Die einen sagen, die Münsteraner sind besonders diszipliniert. Andere meinen, dass die Bürger in der Beamten- und Unistadt wesentlich vorsichtiger seien als anderswo.

„Wir haben sehr viele Single-Haushalte in Münster, sodass in diesem Bereich zum Beispiel nur Arbeitskontakte neben anderen sozialen privaten Kontakten überhaupt zur Übertragung beitragen können“, erklärte Andre Karch, Epidemiologe an der Universität in Münster, in der ARD.

Münster seit Tagen mit einer Inzidenz unter 50 - für OB Markus Lewe noch kein Grund für Regel-Lockerungen

Dazu ergänzte er: Wenn sich diese wenigen Kontakte weiter einschränken lassen, „weil eben Menschen in Bereichen arbeiten können, in denen Homeoffice möglich und leicht umsetzbar ist, hat man auch da einen Effekt“, meinte Andre Karch.

Also kann Münster bald die Corona-Regeln in der Stadt lockern? Nein, auf diese Diskussion will sich Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) gar nicht erst einlassen. „Wir freuen uns über die Ergebnisse, aber die sind natürlich keine Selbstverständlichkeit“, sagte er in der ARD. „Es kann sich auch jederzeit wieder ändern. Hochmut kommt vor dem Fall – das ist immer das wichtigste.“

In seiner Erklärung, warum Münster der Anti-Corona-Hotspot ist, verwies er auf die Menschen, die in der Stadt leben. Sie seien davon geprägt, „dass sie Achtung haben gegenüber den Mitmenschen, aber auch vor sich selbst“, meinte Markus Lewe: „Das ist eine gewisse Grundhaltung, die hier eine Rolle spielt.“

Münsters Inzidenz-Wert seit Tagen unter 50: Stadt setzt auf Solidarität mit benachbarten Kommunen

Stolz verwies Münsters OB auch darauf, schon früh einen Corona-Krisenstab eingerichtet und früh auf eine allgemeine Maskenpflicht gesetzt zu haben. Trotz der erfreulichen Zahlen in Münster gelte weiter die Devise, zu schauen: „Was sind die nächsten Schritte, die wir tun sollten?“

Lockerungen gehörten ebenso wenig dazu wie das Abschotten der Stadt beziehungsweise keine Personen mehr nach Münster zu lassen, die keinen negativen Corona-Test aufweisen können. Dies würde eher zu einem Gegeneinander mit den anderen Kommunen führen, merkte der CDU-Politiker an.

Daher gilt für Oberbürgermeister Markus Lewe: „Jetzt ist nicht die Zeit von irgendwelchen Alleingängen von Städten. Hier geht es darum, diese Herausforderungen solidarisch anzunehmen – und das machen wir auch gerne in Münster.“

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Münster - etwa im Vergleich zu Hamm - eine lockerere Strategie bei den Corona-Tests fährt. Denn Kontaktpersonen der Kategorie 1 werden in der Uni-Stadt lediglich in Quarantäne gesteckt, jedoch nicht getestet. Infiziert sich etwa ein Familienangehöriger, werden seine mit ihm im Haushalt lebenden Personen in Münster nicht standesgemäß abgestrichen, bestätigte ein Sprecher der Stadt auf WA-Nachfrage.

Münster will trotz Inzidenz-Wert unter 50 keine vorschnellen Erwartungen schüren

Denn bei all den Diskussionen spiele auch die Ungewissheit bei der Corona-Mutation eine Rolle. Welche Auswirkungen diese haben könnte, sei noch zu ungewiss, merkte Münsters OB an und meinte daher: „Wenn wir jetzt zu zügig so tun, als wäre alles in bester Ordnung, kann das sehr schnell umkippen.“

Daher warnt auch Münsters Krisenstab-Chef Wolfgang Heuer (SPD) vor voreiligen Schlüssen. „Wir hatten zweieinhalb Monate schlechte Werte und sind jetzt gerade mal ein paar Tage unter 50“, merkte er im Interview mit der Welt an: Wir sind also noch nicht über den Berg und sollten nicht jetzt schon Erwartungen auf großflächige Lockerungen wecken.“

Münster: Chef des Corona-Krisenstabs stellt Gespräche mit NRW-Gesundheitsministerium in Aussicht

Er machte den Münsteranern aber auch Hoffnung, dass die Stadt nicht mehr allzu weit von ersten Lockerungen der Corona-Regeln entfernt sei: „Die aktuelle Landesverordnung sagt: Wenn wir sieben Tage unter 50 bleiben, haben wir die Möglichkeit, mit dem NRW-Gesundheitsministerium darüber zu sprechen.“

Bis dahin bedarf es aber weiterhin der Mithilfe der Bürger, wie Oberbürgermeister Markus Lewe betonte: „Münster kann ein Beispiel dafür sein, dass es gut funktioniert und dass die Menschen es mitmachen. Ohne die geht es nicht..“

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare