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Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Wollen so stark wie noch nie werden“

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Von: Andreas Wartala, Alexander Schäfer

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Mona Neubaur ist Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl 2022 in Nordrhein-Westfalen. Ihre Partei soll im Mai „so stark wie noch nie“ werden.

Düsseldorf - Am 15. Mai ist Landtagswahl. Für die Spitzenkandidatin der Grünen, Mona Neubaur, eine Richtungsentscheidung. Sie will alle Möglichkeiten, die es in NRW gibt, nutzen, um die Herausforderungen der Zeit anzugehen. Im Interview stellt sie sich den Fragen von Alexander Schäfer und Andreas Wartala.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Wir leben in einer neuen Realität“

Ein grüner Wirtschaftsminister kauft Gas in Katar ein, eine grüne Außenpolitikerin ändert fundamental ihre Meinung zum Thema Waffenlieferungen. Finden Sie das ethisch vertretbar?

Seit dem Angriffskrieg von Wladimir Putin leben wir in einer neuen Realität. Und die verlangt von uns allen, Verantwortung zu übernehmen – und auch unangenehme Entscheidungen zu treffen. Als Teil der Bundesregierung nehmen wir diese Verantwortung in aller Ernsthaftigkeit an.

Die Grüne Jugend ist gegen 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Stehen die Grünen vor einer Zerreißprobe?

Für uns als Partei sind das alles natürlich schmerzhafte Prozesse, die wir gerade durchmachen. Derzeit werden in der Tat Entscheidungen getroffen, die sehr weit weg sind von unserem Grundsatzprogramm. Deshalb bieten wir unseren Mitgliedern gerade unglaublich viele Austauschrunden an, um zu informieren und aufzuklären. In diesen Runden nehme ich eine große Bereitschaft wahr, sich dieser neuen Realität zu stellen und Verantwortung übernehmen zu wollen. Uns alle eint die Überzeugung, dass das Völkerrecht und das Recht auf territoriale Integrität verteidigt werden muss. Das Recht des Stärkeren darf nicht zum Erfolgsprinzip erklärt werden. Wie wir gerade schmerzhaft erleben müssen, ist Energieunabhängigkeit dabei ein ganz wesentlicher Faktor. Also müssen wir den Ausbau erneuerbarer Energien in Europa strikt und konsequent vorantreiben, um uns unabhängig zu machen von Kohle, Gas und Diktatoren.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Gemeinsinn auf dem Dorf erdet mich noch heute“

Sie haben die ersten 19 Jahre ihres Lebens in Bayern verbracht, kommen aus einem 200-Einwohner-Dorf, besuchten ein katholisches Gymnasium. Inwiefern hat sie das geprägt?

(Denkt lange nach) Ich kenne die unendlichen Weiten einer Kindheit in der Natur abseits von rasenden Autos und Betonwüsten. Ich kenne aber auch die konservative, bewahrende Seite, die solch eine Dorfgemeinschaft in sich trägt und weiß sie sehr zu schätzen. Die Traditionen und der gelebte Gemeinsinn auf dem Dorf erden mich noch heute.

Für das Gymnasium sind sie 160 Kilometer täglich gependelt. Ich hoffe, mit dem Bus…

Nein, mit der Bahn. Mein Vater hat mich auf dem Weg zur Arbeit zum nächstgelegenen Bahnhof, der lag rund 20 Fahrminuten entfernt, mitgenommen und mich dort rausgelassen. Ab dem zweiten Schultag in der fünften Klasse bin ich dann täglich alleine gependelt. Der Zug fuhr um 6.12. Uhr. Ich war schon immer früh auf den Beinen.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Menschen sorgen sich um sozialen Zusammenhalt und Klimakrise“

Ihre Wahlkampftour absolvieren Sie mit einem vollelektrischen Tourbus. Rund 150 Termine, Auftritte und Besuche in zwei Monaten. Das Los einer Spitzenkandidatin: Wie schwer ist es, Mensch zu bleiben in der Politik-Welt?

Gerade die vielen Begegnungen jetzt bei der Tour helfen maximal dabei, Mensch zu bleiben. Ich treffe auf die unterschiedlichsten Menschen in den vielen unterschiedlichen Regionen Nordrhein-Westfalens. Zuhören und Kritik zu verstehen, das treibt mich an. So eine Tour ist die beste Zeit, sich eben genau das zu trauen: Mensch zu bleiben.

Was für Sorgen nehmen sie in erster Linie wahr?

Die allergrößte Sorge, die momentan die Menschen umtreibt, ist die Situation in der Ukraine, der Krieg von Wladimir Putin und die Folgen, die das für uns in NRW hat. Deshalb ist es so wichtig, dass die Bundesregierung jetzt innerhalb kürzester Zeit ein weiteres Entlastungspaket geschnürt hat. Ich nehme aber auch wahr, dass die Menschen sich um den sozialen Zusammenhalt und die Klimakrise sorgen.

Mona Neubaur, Spitzenkandidatin der Grünen bei der NRW-Landtagswahl 2022, gestikuliert im Interview.
Mona Neubaur tritt bei der NRW-Landtagswahl 2022 als Spitzenkandidatin der Grünen an. © Robert Szkudlarek

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Wenn ich auftrete, bin ich einfach Mona“

Armin Laschet hat ein Lachen an falscher Stelle den Wahlsieg gekostet. Hat man so was bei Auftritten in der Öffentlichkeit im Hinterkopf?

Wenn ich auftrete, bin ich einfach Mona. Ich zeige mich so wie ich bin, nahbar und neugierig, humorvoll und interessiert. Wer skandalisieren will, wird immer etwas finden. Mit diesem Restrisiko kann ich leben.

Sie treten als Spitzenkandidatin der Grünen an, nicht jedoch mit dem Anspruch, Ministerpräsidentin werden zu wollen. Ist das eine Nummer zu groß für Sie?

Ich halte es da mit Winfried Kretschmann: „Das Amt kommt zum Mann“ – in meinem Fall zur Frau und bis dahin wird gearbeitet.

Sollte NRW ein Habeck-Ministerium, also eins für Wirtschaft und Klimaschutz, bekommen?

NRW braucht eine Landesregierung, die es schafft, das Land bis 2040 klimaneutral zu machen und die Chancen, die sich daraus für die Menschen ergeben, auch zu nutzen.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Traumjob wäre für mich Astronautin“

Wäre Klimaministerin ihr Traumjob?

(Denkt lange nach) Ein echter Traumjob wäre für mich Astronautin. Überraschende Antwort – oder (lacht). Das große Ganze sehen und ein Verständnis dafür zu bekommen, wie schützenswert das alles ist – das ist doch eine gute Perspektive.

Im vergangenen Sommer lagen die Grünen in NRW noch auf Platz 2 und träumten von mehr. Warum liegen Sie jetzt deutlich hinter CDU und SPD?

Gerade der letzte Sommer hat uns gezeigt, dass es erstens keine Automatismen gibt und zweitens das Rennen bis zum Schluss offen ist. Sechs Wochen vor der Bundestagswahl hat doch keiner damit gerechnet, dass wir am Ende eine Ampelkoalition bekommen. Wir werden in diesem Wahlkampf als Grüne mit über 26.000 Mitgliedern alles dafür zu tun, das Vertrauen der Bürger für unsere Zukunftsideen für NRW zu gewinnen. Und dann entscheidet der Souverän.

Warum schneiden die Grünen in Großstädten besser ab als auf dem Land?

Ganz so ist das nicht mehr, das hat die letzte Kommunalwahl gezeigt. Aber grundsätzlich lassen sich in den Großstädten kompaktere Antworten geben. Wenn man zum Beispiel hier von A nach B kommen möchte, dann ist das schneller umzusetzen als im ländlichen Raum. Klar ist aber, dass dieser Unterschied zwischen Stadt und Land immer kleiner wird. Die Menschen auf dem Land haben ein berechtigtes Interesse daran, Angebote zu bekommen, die für sie das gute Leben ermöglichen. Als Grüne arbeiten wir genau daran. Wir wollen gleichwertige Lebensbedingungen schaffen: Dass es kulturelle Angebote, Ausbildungsplätze, eine vernünftige medizinische Versorgung und eine gut getaktete Mobilität gibt. Wir erleben gerade einen guten Mitgliederzuwachs auch in den Gebieten außerhalb der Großstädte.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Keine Automatismen bei der Koalition“

Sie waren in Lüdenscheid, das von der Sperrung der A45 hart getroffen ist. Sie sagten damals vor Ort: „Das beste Lüdenscheid, das liegt noch vor den Lüdenscheidern.“ Das kam nicht überall gut an. Waren es nicht gerade grüne Umweltminister, die in der Vergangenheit Investitionen in die Straße verhindert haben?

Die grünen Minister haben immer gesagt, wir müssen die Sanierung von Straßen, den Erhalt vor dem Neubau von Infrastruktur priorisieren. Zu selten wurden die Brücken überprüft und zu oft Geld für neue Umgehungsstraßen ausgegeben. Diese Neubauten helfen den Menschen in Lüdenscheid jetzt erstmal gar nicht. Sie sind akut betroffen, weil die Brücke nicht saniert wurde und nun bröckelt. Unser Prinzip „Erhalt vor Neubau“ wurde in der Vergangenheit nicht konsequent umgesetzt und die Lüdenscheider, die ganze Region Süd-Westfalen leidet jetzt unter dieser falschen Weichenstellung.

Sie haben Psychologie studiert. Was wissen Sie über Hendrik Wüst und Thomas Kutschaty, was wir noch nicht wissen?

(lacht) Betriebsgeheimnis.

Wer von beiden ist koalitionsfähiger? Kutschaty schwärmt bereits von der Ampel, dabei hat Schwarz-Grün in den Umfragen eine Mehrheit.

Für uns gibt es keine Automatismen in der Frage der Koalition. Für mich ist entscheidend, dass wir so stark wie noch nie am 15. Mai werden. Bekommen wir das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger ausgesprochen, stehen wir für Koalitionsgespräche mit den demokratischen Parteien bereit. Die Konstellation, mit der wir unseren Wählerauftrag am besten umsetzen können, werden wir dann unserer Partei vorschlagen. Wir ziehen selbstbewusst und eigenständig als grüne Partei, als relevante politische Kraft für NRW, in diesen Wahlkampf.

Mona Neubaur (Grüne) im Interview: „Lagerwahlkampf wird es mit uns nicht geben“

Das heißt aber auch, dass sie sich eine schwarz-grüne Koalition durchaus vorstellen könnten. Die lehnt aber ihr Parteinachwuchs ab. Wie können Sie das zusammenführen?

Wir NRW-Grüne haben das Selbstbewusstsein und die Konzepte, die entscheidenden Fragen der Zukunft wirklich angehen zu können: Rauszukommen aus der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen, die notwendigen Investitionen für die Transformation unserer Industrie sowie Fachkräfte für das Handwerk zu organisieren und eine Infrastruktur zu schaffen, die mehr Teilhabe ermöglicht. Das ist ein umfassendes Programm für die Menschen in NRW. Damit gehen wir eigenständig in den Wahlkampf. Einen Lagerwahlkampf wird es mit uns nicht geben.

Sie waren während ihres Studiums als Referentin im Bund deutscher Amateurtheater tätig, haben mit Kindern und Jugendlichen Regie geführt. Wie viele Politiker sind nur schlechte oder allenfalls gute Schauspieler?

Andersrum: Gute Politiker bringen sicherlich auch schauspielerisches Talent mit. Und vor allem Rollenklarheit. Deswegen wäre es gar nicht schlecht, wenn sich Politiker damit auseinandersetzen würden, welche Rolle sie in ihrem Amt für die Gesellschaft übernehmen.

Aber sollte ein Politiker nicht immer er selber sein?

Naja, einem guten Schauspieler merkt man in seiner Rolle nicht an, ob er gerade schauspielert. Einem guten Politiker sollte man aber immer anmerken, dass er es ehrlich meint.

Und merkt man bei Politikern diesen Unterschied?

Schreiben Sie in Klammern: Nickt.

NRW-Landtagswahl 2022: Das müssen Sie wissen

Termin der Landtagswahl ist der Sonntag, 15. Mai 2022. Unterteilt ist NRW in 128 Wahlkreise. Hier wählen die Bürger wählen einerseits den Direktkandidaten, der aus ihrem Wahlkreis in den NRW-Landtag einzieht. Mit der Zweitstimme entscheiden die Bürger über die Landeslisten der Parteien und damit die Spitzenkandidaten.

Die Wahlbenachrichtigung für alle wahlberechtigten Bürger wird Mitte April versendet. Die Bürger können schon vor dem Wahltermin eine Briefwahl machen. Laut Prognosen liegt die CDU knapp vor der SPD. *wa.de und come-on.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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