Realistische Einsatz-Szenarien an der Stadtgrenze

Messerstecher in Westfalenkaserne: Bundespolizei übt Ernstfall bei Hamm

Bundespolizisten trainieren in Panzerhalle der Westfalenkaserne in Ahlen.
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Einsatztraining in der Bahnhofshalle: Zwei Beamte der Bundespolizei überwältigen einen Mann, der sie mit einem Messer bedroht hat.

In einer ehemaligen Panzerhalle in der Westfalenkaserne Ahlen hat die Bundespolizeiinspektion Münster eine neue Trainingsstätte eingerichtet. Hier wurde eine Bahnhofshalle nachgebaut, die seit September ein sehr realistisches Szenario für die Übungen abgibt.

Ahlen – Als der Pöbler, der mit dem langen Messer herumfuchtelt, die Warnungen der beiden Polizeibeamten weiter ignoriert und auf diese zustürmt, fällt schließlich der Schuss. Treffer in den Oberschenkel, der zuvor so aggressive Mann geht mit lautem Wehklagen zu Boden. Zugriff, Entwaffnung, Fixierung. „Jetzt funken sie die Leitstelle an und fordern einen Rettungswagen an“, erklärt Jan Riesenweber, der das Geschehen vom Rande aus beobachtet. Das Fazit des 52-jährigen Chef-Instruktors: „Wirklich gut gemacht.“

Blut ist in dieser Szene nicht geflossen, die Pistolenkugel war aus Gelatine und mit Lebensmittel-Farbe gefüllt, das Messer stumpf und der Pöbler ein Ausbilder der Bundespolizei. Dass die Übung dennoch so realistisch war, lag an der Umgebung, in der sie stattfand: Hier, in der Westfalenkaserne in Ahlen, hat die Bundespolizei in einer alten Panzerhalle eine ganz besondere Trainingshalle aufgebaut:

Es gibt einen echten Fahrkartenautomaten, die bekannten metallenen Bahnhofsmüll-Eimer mit dreifacher Mülltrennung, Schließfächer, eine Bahnhofsuhr oder einen Drogeriemarkt der pleite gegangenen Kette Schlecker. Bockwürstchen, Chips, Tiernahrung, Shampoo und Rasierschaum – die Regale sind voll mit typischen Produkten, die in einem Drogeriemarkt zu finden sind. Wenn man die Festnahme eines Ladendiebes oder andere Szenarien gut simulieren will, dann kann man es hier.

Bundespolizei trainiert Ernstfall in Ahlener Kaserne

Bundespolizei trainiert in Ahlener Kaserne den Ernstfall
Bundespolizei trainiert in Ahlener Kaserne den Ernstfall
Bundespolizei trainiert in Ahlener Kaserne den Ernstfall
Bundespolizei trainiert in Ahlener Kaserne den Ernstfall
Bundespolizei trainiert Ernstfall in Ahlener Kaserne

Diebstähle und körperliche Auseinandersetzungen

Die häufigsten Situationen, mit denen die Beamten von der Bundespolizei konfrontiert werden, sind Diebstähle, verbale oder körperliche Auseinandersetzungen in der Bahnhofshalle. „Das gesamte Spektrum können wir hier darstellen. Und das in einer realistischen Atmosphäre“, sagt Polizeihauptkommissar Achim Berkenkötter.

Die Gebäude sind modulartig aufgebaut, sie können je nach Bedürfnissen umgestellt und umgebaut werden. „Man kann vernebeln, man kann abdunkeln, man kann eben Situationen simulieren, die im realen Leben vorkommen können“, erzählt Berkenkötter. „Es ist uns möglich, stets neue Reize beim Training zu setzen“, fügt Riesenweber hinzu: „Diese Abwechslung ist ein guter Trainingseffekt für die Kollegen.“

Von Münster über Hamm und Bielefeld bis Paderborn

Das Training findet mehrfach in der Woche jeweils mit zehn Leuten statt, die von bis zu fünf Trainern betreut werden. Der Inspektion Münster gehören insgesamt 300 Beamte an. Ihr Zuständigkeitsbereich erstreckt sich von Münster über Hamm, Bielefeld und Paderborn. „Deshalb ist es auch gut, dass dieser Standort hier in Ahlen relativ zentral liegt“, so der Polizeihauptkommissar. Die Beamten kommen in der Regel alle fünf Wochen für einen Tag zu den Trainingsübungen in die Westfalenkaserne.

Eine Dönerbude, die nachgebaut wurde, oder eine Bahnhofskneipe mit Schankraum und ausrangierten Möbeln aus dem Offiziersheim der Kaserne sind weitere Szenarien. „Wenn hier acht Leute am Tisch sitzen, von denen einer pöbelt, müssen die Beamten diesen zunächst einmal isolieren“, sagt Berkenkötter. Wie das funktioniert, zeigen zwei Beamte wenig später: Nachdem sie mit dem Versuch scheitern, den Pöbler „kommunikativ runter zu sprechen“, wie es Riesenweber ausdrückt, wenden sie körperliche Maßnahmen an und fixieren ihn mit gekonnten, schnellen Griffen auf der Tischplatte.

Das Training ist nicht einfach, sondern oft Stress

Das Training ist nicht einfach, oftmals Stress. Den beiden Beamten, die den Messermann in der Bahnhofshalle überwältigt haben, steht der Schweiß auf der Stirn, der Puls ist auch Minuten später noch erhöht. „Das Training in dieser neuen Halle hilft uns bei unserer täglichen Arbeit wirklich sehr“, sagt Polizeihauptmeister Olaf Eschkötter, sein Atem geht noch schwer. Das Adrenalin wirkt nach. Die Beamten wissen vorher nicht genau, was auf sie zukommt, welchen Verlauf sich die Trainer ausgedacht haben. „Sie werden nur über das Szenario informiert“, sagt Riesenweber. Auch das ist nah an der Wirklichkeit.

Für die Trainer sind die Anforderungen groß: Sie wollen gewisse Verhaltensmuster bei den Kollegen herauskitzeln, oftmals ist Improvisation gefragt. Die Trainer müssen auch gute Schauspieler sein. Zudem sind die Übungen eine stetige Gratwanderung: Sie sollen so realistisch wie möglich sein, doch wollen sich die Kollegen auch nicht gegenseitig verletzen. „Auch das ist Aufgabe der Trainer, im Fall des Falles einzugreifen“, erklärt Riesenweber.

Der 53-Jährige weiß, was er seinen Kollegen hier in der Panzerhalle beibringt. „Ich war selbst 23 Jahre im Schichtdienst und weiß, wovon ich rede. Es würde wenig Sinn machen, direkt von der Polizeischule zu kommen und als Trainer eingesetzt zu werden“, sagt er.

Unterstützung und Spenden von vielen Seiten

Die Beamten der Bundespolizei sind nicht nur der Administration der Westfalenkaserne dankbar, dass sie die Halle für ihre Bedürfnisse umbauen durften. Unterstützung kam auch von vielen anderen Seiten, nicht nur von der Deutschen Bahn:

Der Schlecker-Markt war eine Spende von einem ehemaligen Eigentümer der Filiale. Der Presse-Kiosk gegenüber ist gefüllt mit Büchern und Zeitschriften, die die Stadtbibliothek Münster zur Verfügung gestellt hat. Überall stehen ebenfalls gespendete alte Schaufensterpuppen herum, ein weibliches Modell räkelt sich etwas lasziv auf einer Bahnhofsbank. „Es sind sehr viele Reize, denen die Kollegen ausgesetzt sind, wenn sie in die Bahnhofshalle kommen“, sagt Riesenweber schmunzelnd.

Ein weiteres „Highlight“, wie Riesenweber sagt, sind die zu Kellergängen umgebauten Montagegräben der alten Panzerhalle. „Hier müssen die Kollegen teilweise mit Taschenlampe arbeiten“, sagt der Coach und deutet in den dunklen Abgang. Dafür dürfte das Training in der neuen Halle umso erhellender sein.

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