Hagener schnappt Gauner

Internationaler Juwelier-Warndienst: Auf der Jagd nach Schmuckdieben

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Hagen -Martin Winckel ist Goldschmied, aber nicht nur. Neben seinem eigenen Geschäft betreibt der 57-Jährige den Internationalen Juwelier-Warndienst. Er klärt zusammen mit der Polizei Einbrüche und Diebstähle auf der ganzen Welt auf. 

Wie viele Täter dank seiner Mithilfe europaweit hinter Gittern sitzen? Das weiß Winckel nicht so genau. Fest steht: Die Zahl dürfte beachtlich sein.

Bereits seit 1970 existiert der zunächst lokale Warndienst, der von Winckels Vater Klaus gegründet wurde. Damals schreckte eine Diebstahlserie die örtlichen Schmuckhändler auf. Die einfache Idee: Eine simple Telefonkette sollte vor Verdächtigen und Trickdieben warnen. 

Schon bald machten Täter einen Bogen um die durch die Benachrichtigungen alarmierten Händler. Das Netzwerk der Wincklers wuchs danach rasant. Heute sind immer zwischen 800 und 1000 einzelne Geschäfte beim Dienst registriert

„Als wir gestartet sind haben wir auch noch Briefe zugestellt, das Fax war schon eine Revolution. Jetzt geht alles schnell per Mail – und das weltweit“, sagt Martin Winckel, sein Telefon ist immer griffbereit. 

„Früher hat mal der örtliche Junkie etwas geklaut. Heute haben wir nur noch reisende Tätergruppen. Das hat mit der Schengen-Grenzöffnung 1990 angefangen“, erklärt Winckel. Osteuropäische Gruppen machen den Schmuckhändlern mittlerweilein ganz Europa zu schaffen und „expandieren“ seit einiger Zeit auch nach Übersee. 

Deshalb hat Winckel Kontakte in die ganze Welt. In Malaysia, den USA, Canada, Frankreich, den Niederlande, England und Australien hat er bereits Taten aufgeklärt. Winckel pflegt enge Verbindungen zu Europol und Interpol und wird auch schon mal von der US-amerikanischen Homeland Security oder dem FBI um Rat gebeten. 

Im Laufe der Zeit hat sich in seinem Fundus ein beachtlicher Datenberg angesammelt. Mit Profiling und Beratungen verbringt der 57-Jährige regelmäßig rund 50 Stunden in der Woche. „Das kostet schon sehr viel Zeit. Auch, weil die Polizeien untereinander leider weniger vernetzt sind. Oft hilft da nur, mich oder einen Kollegen anzurufen. Wir können dann schnell helfen“, sagt Winckel. 

Gefängnis ist für die Täter „Luxus“ 

Mit dem Zuzug der osteuropäischen Banden - Trickdiebe kämen hauptsächlich aus Rumänien, Räuber aus Serbien und Litauen - hat sich auch die Vorgehensweise der Täter geändert. Bei Raubüberfällen gebe es seither immer wieder Schwerverletzte. 

Im August 2016 wurde eine damals 77-jährige Juwelierin in Hagen so brutal zusammengeschlagen, dass sie sich von dem Angriff nie wieder richtig erholte. Den Täter, einen 36-Jährigen Serben, brachte Winckel mit einem Überfall in Hamburg in Verbindung. Die Fingerabdrücke stimmten und so wurde die ohnehin schon lange Haftstrafe des 36-Jährigen noch einmal verlängert. 

Überfälle auf Juweliere, wie hier in Koblenz, werden immer brutaler.

Die Brutalität hat zugenommen. Solche Täter wachsen schon mit Gewalt auf und haben keine Skrupel. Die interessiert auch nicht, ob sie hier mal im Gefängnis landen. Das ist für sie Luxus.“ 

Zwischen all den Überfällen die auf Winckels Schreibtisch landen gibt es allerdings auch Verbrecher vor denen der Profiler seinen Hut zieht. „Da gab es zum Beispiel die Pink Panther, die inzwischen zwar alle aus dem Verkehr gezogen wurden, aber meisterhaft vorgegangen sind“, sagt er. „Die haben an der Côte d’Azur vor einem Raub ,Frisch gestrichen‘-Schilder auf Bänke gestellt, um weniger Zeugen am Tatort zu haben und sind dann mit dem Motorboot geflüchtet.“ 

Ein britischer Gauner – stets in edlem Zwirn – flog regelmäßig für seine Raubzüge auf das europäische Festland. „Bevor die Polizei die Anzeige geschrieben hatte, saß der schon wieder in England beim Nachmittagstee“, lacht Winckel. 

Mitarbeiter sind die erste Firewall

Um Diebstähle erst gar nicht zu ermöglichen, berät Winckel seine Kunden in Sachen Sicherheit und prüfte Neuheiten auf dem Markt. Spezielles Glas verhindere zum Beispiel das Eindringen in das Geschäft. „Für manche Scheiben braucht man dann 70 Schläge mit der Axt. Das kostet den Dieb Zeit, die er eigentlich nicht hat“, erklärt Winckel. 

Der erste und einfachste Schritt zur Verhinderung von Diebstählen ist für Winckel die Sensibilisierung der Angestellten: „Geschulte Mitarbeiter sind in einem Juweliergeschäft die erste Firewall.“ 

Bester Indikator bei Trickdieben: das Bauchgefühl. „Gauner schauen sich im Laden anders um und inspizieren Kameras, Schlösser und das Glas. Bei 95 Prozent der Verdachtsfälle handelt es sich tatsächlich um einen Ganoven“, sagt Winckel. Mit Codewörtern könnten Angestellte dann auf sich aufmerksam machen. Kommt dann ein weiterer Kollege hinzu, verabschiede sich der Dieb oft ohne geklauten Schmuck. 

Überfälle werden heute im Internet geplant

Ein relativ neues Problem für Juweliere ist das Internet. „Heute kann man eine Straftat praktisch im Netz planen“, klagt Winckel. „Dort hat man Google Maps, und oft sind Innen- und Außenansichten der Geschäfte mitsamt der Sicherheitsmaßnahmen zu finden.Dann muss man nur noch einmal vorbeischauen, ob sich nichts geändert hat und kann zuschlagen.“ Deshalb rät er davon ab, zu viele Informationen preiszugeben. 

Trotz der beachtlichen Fahndungserfolge steht Martin Winckel nicht gerne im Rampenlicht. Als zwei Hehler aus Litauen von der Schweizer Polizei überführt und 50 Uhren sichergestellt wurden, hielt er seinen Namen bewusst aus den Dokumenten heraus. 

Ob er Angst hat vor Racheakten? „Die Polizei sagt jedenfalls, dass ich sicher bin“, so Winckel. Mit dem Job aufhören? Dafür ist er viel zu motiviert, weitere Taten aufzuklären.

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