Grenzwertige Grenzwerte?

Lungenspezialisten widersprechen EU und WHO: "Fahrverbote sind völliger Unsinn"

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Autos blasen ihre Abgase in die Luft und sorgen für eine erhöhte Belastung durch Feinstaub. Die dafür festgelegten Grenzwerte werden jetzt von einigen Experten in Zweifel gezogen. 

Schmallenberg - Sind Diesel-Fahrverbote totaler Quatsch? Dieser Meinung ist jedenfalls der Lungenspezialist Prof. Dr. med. Dieter Köhler aus Schmallenberg. Gemeinsam mit weiteren Forschern legte er am Mittwoch ein Positionspapier vor, dass diese These unterstützen soll.

Ein Lungenspezialist aus Schmallenberg sorgt derzeit bundesweit für Aufsehen: Prof. Dr. med. Dieter Köhler ging am Montagabend in der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ mit dem „Diesel-Wahn“ in Deutschland hart ins Gericht. Während der Sendung sagte der renommierte Arzt: „Der Grenzwert ist ein Witz, Fahrverbote sind völliger Unsinn.“ 

Am Mittwoch legte der Experte nach: Gemeinsam mit einer Gruppe von klinischen Forschern und Lungenärzten legt der Sauerländer ein Positionspapier vor, in dem keine belastbare Begründung für die geltenden Grenzwerte festgestellt wird. Zusätzlich wurde eine Unterschriftenliste mit weit über 100 Lungenärzten oder Forschern veröffentlicht, die dieser Schlussfolgerung zustimmen.

WHO und EU: Lebenswewartung sinkt um zehn Monate

Hintergrund: Laut Daten der WHO und der EU reduziert sich die Lebenserwartung in Deutschland durch die Luftverschmutzung um etwa zehn Monate. Nimmt man die aktuelle Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes zum NO dazu, so erhöht sich die Zahl nochmals. 

Eine Gruppe von Wissenschaftlern verschiedener deutscher Institute (meist Epidemiologen, unter anderem aus dem Helmholtz-Institut in München, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Charité Berlin) haben Krankheiten und Lebenserwartung von Regionen verglichen, die eine unterschiedliche Feinstaub- oder Stickoxidbelastung aufweisen. Ihre Untersuchungen ergeben für staubbelastete Gebiete ein erhöhtes Erkrankungs- und Mortalitätsrisiko. Epidemiologische Daten sind die Grundlage zur Ermittlung von Grenzwerten der WHO und der EU, die national und international, zum Beispiel auch in Deutschland übernommen wurden.

"Keine belastbare Begründung für die geltenden Werte"

Nun hat eine Gruppe von renommierten Forschern und Lungenspezialisten, angeführt vom ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Professor Dr. med. Dieter Köhler, genau diese Methodik der Untersuchungen unter die Lupe genommen und einer grundlegenden Kritik unterzogen. Demnach gäbe es keine belastbare Begründung für die geltenden Werte. Für die gefundenen geringen Lebenszeitdifferenzen zwischen den Regionen sehen sie plausiblere Begründungen als Unterschiede bei der Immissionsbelastung durch Luftschadstoffe.

Bereits im März des vergangenen Jahres hatte sich Professor Dr. Köhler exklusiv im SauerlandKurier zu diesem Thema geäußert: „Es gibt keine Gefahr. Das Thema Feinstaubbelastung wird aufgebauscht. Das Problem existiert nicht.“

Laut WHO sollen 60.000 bis 80.000 zusätzliche Sterbefälle, verursacht durch Feinstaub, im Jahr entstehen. Etwa die gleiche Anzahl an Menschen sterbe allerdings in Deutschland im Jahr an Zigarettenrauch bedingtem Lungenkrebs und COPD, halten die Fachärzte entgegen. Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich, laut Stellungnahme von Prof. Köhler sehen sie jedoch Tote durch Feinstaub und NO auch bei sorgfältiger Anamnese nie. Es sei daher sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten einen systematischen Fehler enthalten und andere Interpretationen möglich sind.

Feinstaub in Zigarettenrauch 1 Million mal größer als der Grenzwert

Störfaktoren, so heißt es in der zweiseitigen Stellungnahme, seien beispielsweise Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Bewegung oder auch die medizinische Betreuung. Alle Faktoren wirken laut der Lungenspezialisten hundertfach stärker als die Risikoerhöhung durch die Luftverschmutzung in den Kohortenstudien. Allein die Konzentration an Feinstaub im Hauptstrom des Zigarettenrauches erreicht täglich 100 bis 500 g/m³ und ist damit 1 Million mal größer als der Grenzwert.

Fordert die Überprüfung der Grenzwerte: Prof. Dr. med. Dieter Köhler.

Aus Depositionsstudien, so heißt es weiter, könne man die inhalierte Dosis der Raucher berechnen und mit der Dosis der Gesunden vergleichen, die permanent Feinstaub oder NOx im Grenzwertbereich einatmen würden. Dabei erreichen Raucher (eine Packung/Tag angenommen) in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde. „Rauchen verkürzt die Lebenserwartung um zehn Jahre bei einer Schachtel pro Tag über einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren. Würde die Luftverschmutzung ein so großes Risiko darstellen, müssten alle Raucher also nach nur wenigen Monaten versterben“, so das klare Fazit der Studie.

"Soll Versachlichung der Diskussion dienen"

Zum Schluss betonen die Verfasser der Stellungnahme ausdrücklich: „Dieser Beitrag soll der Versachlichung der Diskussion dienen. Er entschuldigt natürlich nicht die unverantwortlichen Manipulationen von Teilen der Autoindustrie bzgl. des Schadstoffausstoßes.“ (Alle Informationen sowie die komplette Stellungnahme der Lungenfachärzte gibt es hier)

Unterstützung kommt auch aus der heimischen Politik. Der südwestfälische CDU-Europaabgeordnete und Arzt Dr. Peter Liese erklärte: „Ich nehme diese wissenschaftliche Stellungnahme sehr ernst und habe schon vor einiger Zeit entschieden, den Schmallenberger Experten Prof. Dr. med. Dieter Köhler, den Initiator der Stellungnahme, nach Brüssel einzuladen. Vor dem Hintergrund der neuen Diskussion bin ich mehr denn je der Überzeugung, dass Fahrverbote bei geringfügiger Überschreitung der Grenzwerte unverhältnismäßig sind und setze mich daher für eine schnelle Umsetzung der entsprechen Gesetzesinitiative in Deutschland ein“, so der Arzt und Europaabgeordnete. Liese erläuterte, dass es selbstverständlich sinnvoll sei, Luftschadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub zu reduzieren.

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