Fotos und Video: Das sind die Botschaften der Demonstranten

Hunderte protestieren im Kreis Soest - Demo-Teilnehmer berichten: So erleben wir Rassismus im Alltag

Rund 300 Menschen demonstrierten am Samstag in Lippstadt gegen Rassismus und Gewalt.
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Rund 300 Menschen demonstrierten am Samstag in Lippstadt gegen Rassismus und Gewalt.

Gegen Rassismus und Gewalt sind am Samstagnachmittag rund 300 Menschen in Lippstadt auf die Straße gegangen. Wir haben mit Demonstranten gesprochen, die gleichzeitig Betroffene waren und sind. Sie berichten, wie sie im Alltag "vor der eigenen Haustür" Opfer von Rassismus werden.

Lippstadt - Mit 30 bis 50 Teilnehmern hatten die Organisatoren des "Silent Protest" in Lippstadt gerechnet. Gekommen waren am Ende rund 300, so Schätzungen der Polizei. Sie alle hatten sich auf dem Rathausplatz versammelt, um an den gewaltsamen Tod des Afro-Amerikaners George Floyd zu erinnern. 

Nach mehreren Wortbeiträgen gingen die Demonstranten auf die Knie, streckten ihre Fäuste in den Himmel und hielten still inne - und das für acht Minuten und 46 Sekunden. Genau die Zeit, die George Floyd in der US-Großstadt Minneapolis am Boden gepresst lag, im Nacken das Knie eines Polizisten. Selbst als Floyd bewusstlos war, griffen die beteiligten Beamten nicht ein. "I can't breathe" - ich kann nicht atmen, sagte er immer wieder. Floyd starb in Folge der Polizeigewalt noch am Tatort.

"I can't breathe", sagte George Floyd immer und immer wieder, bevor er durch Polizeigewalt starb.


Der Fall löste in den USA große Proteste aus, die nicht immer friedlich verliefen. Im ganzen Land gehen vor allem junge Amerikaner auf die Straße. Mittlerweile ist die Welle der Solidarität auch nach Deutschland geschwappt. Bundesweit demonstrierten Menschen am Samstag gegen Rassismus und Gewalt. Lippstadt war eine von insgesamt drei Städten in Nordrhein-Westfalen, in denen es einen so genannten "Silent Protest" gab - einen stillen Protest. Ein stilles Daran-Erinnern, dass Rassismus auch in Deutschland allgegenwärtig ist.

Diana Aimiyekagbon organisierte den "Silent Protest" in Lippstadt.


"Wir bekommen alle mit, was in Amerika passiert - so geht es nicht weiter. Wir wollen ein Zeichen setzen", sagt Diana Aimiyekagbon (22), die die Demonstration in Lippstadt initiierte. Sie kam im Alter von neun Jahren aus Nigeria nach Deutschland. Ihr Vater war bereits im jungen Alter nach Lippstadt gezogen, holte Diana und ihre beiden älteren Geschwister 2007 zu sich nach Deutschland.

Nicht nur die Sprache war neu - plötzlich gehörten auch rassistische Anfeindungen zum Alltag

"Es war natürlich alles neu für mich, ich kannte niemanden, musste eine komplett neue Sprache lernen", erinnert sich die 22-Jährige an damals. Doch das war nicht alles - sie lernte ebenso schnell kennen, was Rassismus ist - wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden, das Gefühl zu bekommen, ein anderer Mensch zu sein.

Acht Minuten und 46 Sekunden gingen die Demonstranten auf die Knie und streckten die Fäuste in den Himmel.


"Das ging schon in der Grundschule los. Andere Kinder haben mich anders behandelt, nur weil ich eine andere Hautfarbe habe. Auf der weiterführenden Schule ging es dann genauso weiter", berichtet die junge Frau, die mittlerweile in Paderborn lebt, dort studiert. Im Vergleich zu damals habe sich nicht viel verändert: "Mittlerweile bin ich 22 Jahre alt und es geht immer noch genauso weiter."

"Nur, weil ich anders aussehe, heißt das nicht, dass ich anders bin."

"Oft kommen Fragen wie: 'Kannst du singen?', 'kannst du tanzen?' 'kannst du twerken? Du bist doch schwarz'", schildert sie. "Manchmal werde ich auch gefragt, ob ich überhaupt verstehe, was mein Gegenüber gerade erzählt. Und das nur, weil ich eine andere Hautfarbe habe. Sowas geht nicht. Nur, weil ich anders aussehe, heißt das nicht, dass ich anders bin."

Einmal habe sie im Bus gesessen und wurde plötzlich von einem fremden Mann angefasst. "Er griff mir einfach so in die Haare", erzählt sie. Als sie den Mann zur Rede stellte und fragte, was das soll, habe dieser lediglich entgegnet: "Die sehen schön aus."

Erst später kommen die Gedanken und die Frage nach dem Warum

"Ab und zu fragt man sich wirklich, warum man so behandelt wird." In diesen Momenten, wenn die Situationen akut sind, könne sie "nicht vernünftig damit umgehen". Erst im Nachhinein kämen die Gedanken und die große Frage nach dem Warum. Meistens würden derartige Äußerungen "von nicht-dunkelhäutigen Menschen" kommen, die Vorbehalte haben. "Und es kommt nicht nur von jüngeren, sondern meist von älteren Leuten."

Alt und Jung hatten eine klare gemeinsame Botschaft: Rassismus hat in dieser Gesellschaft nichts verloren.


Die große Solidarität und Anteilnahme durch die unerwartete Masse der Demonstranten habe sie überwältigt: "Ich finde es so super, dass so viele Menschen gekommen sind." Gleichzeitig unterstreicht sie: "Wir leben im 21. Jahrhundert. Es ist schade, dass wir noch protestieren müssen für Gleichberechtigung, Liebe und Frieden." Als Folge der Demonstration erhoffe Diana Aimiyekagbon sich, "dass sich das alles ändert. Dass die Menschen sehen und wissen, dass wir alle gleich sind. In uns fließt das gleiche Blut."

In ihrer hoffnungsvollen Stimme ist auch Stärke zu spüren: "Ich kann nichts dafür, dass ich so aussehe. Ich bin stolz darauf. Viele Menschen gehen ins Solarium, um eine dunklere Haut zu bekommen. Andere machen sich Rasta-Zöpfe. Warum sollte ich also nicht stolz darauf sein?"

"Ich hoffe, dass meinen Kindern so etwas nicht selbst widerfährt"

Je älter sie wird, desto stärker nehme sie Fälle wie den von George Floyd wahr. "Als ich jünger war, habe ich da nicht so sehr drüber nachgedacht." Doch nun denkt die junge Frau auch an die Zukunft: "Ich will eine Familie gründen und hoffe, dass meinen Kindern so etwas nicht irgendwann selbst widerfährt."

Leander Umezulike: "Ich habe die Bilder aus den USA gesehen und war geschockt."


Auch Leander Umezulike hat in seinem bislang 16-jährigen Leben bereits viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Er wohnt in Warstein-Sichtigvor, wurde in Deutschland geboren. Sein Vater ist Nigerianer. Für den 16-Jährigen sei es eine Art Befreiung gewesen, dass in der Nähe seines Wohnortes eine Demonstration gegen Rassismus auf die Beine gestellt wurde. "Ich habe die Bilder aus den USA gesehen und war geschockt. Ich wollte irgendetwas dagegen tun, irgendetwas machen, aber wusste nicht, was."

"Es ist schön, dass man nicht alleine ist"

Durch die Demonstration habe er seinen Teil beitragen können: "Ich wollte meinen Mitmenschen zeigen, dass sie noch mehr darauf achten müssen, gegen Rassismus zu stehen. Es fühlt sich gut an, hier zu sein. Auch ich gehöre zur Gruppe der Betroffenen und es ist schön zu sehen, dass man nicht alleine ist und Menschen da sind, die sich mit einem solidarisieren."

Demo gegen Rassismus in Lippstadt: Die Fotos

Demo gegen Rassismus: Hunderte gehen in Lippstadt auf die Straße - das sind ihre Botschaften

Auch seine ersten Erfahrungen, an die er sich erinnern kann, hat er in der Grundschulzeit gemacht: "Beim Fußball haben mich sogar Eltern von den Rängen beleidigt, haben mich Affe genannt." Immer wieder sei er rassistischen Sprüchen ausgesetzt gewesen. "Oftmals waren die nur als Spaß gemeint. Bei vielen meiner Mitmenschen hat es lange gedauert, bis sie begriffen haben, dass sowas verletzt."

Er suche den Dialog zu Menschen, die sich rassistisch äußern oder verhalten: "Viele Leute finden es witzig und interessieren sich generell nicht für Politik. Ich sage ihnen dann oft, dass der Kommentar, den sie gerade gebracht haben, zu rassistisch motivierten Straftaten beiträgt." Leider gebe es auch Leute, "mit denen sich nicht reden lässt". "Das versuche ich dann, von mir selbst abzuschirmen."

Leon Keimling ging dazwischen, als ein Passant sich als Rassist outete.


Bei der Demonstration gegen Rassismus geriet Leon Keimling aus Lippstadt (18) unverhofft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Er machte den Mund auf, als ein Passant sich mit abfälligen Worten und rassistischen Äußerungen durch die Menge schlängelte. "Er fragte, was wir eigentlich hier machen, sagte, wir sollen doch gefälligst zuhause bleiben. Als er sagte, dass Schwarze nicht in dieses Land gehören und den Tod von George Floyd ins Lächerliche zog, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten", schildert der 18-Jährige.

"Geh weiter! Du hast hier mit deinen Ansichten nichts verloren!"

Der Vorfall ereignete sich in einem Moment der Stille. Umso klarer waren die Worte von Leon Keimling zu hören: "Geh weiter! Du hast hier auf dieser Demonstration mit deinen Ansichten nichts verloren!" Der junge Mann folgte dem Rassisten, bis dieser sich endgültig aus dem Staub gemacht hatte. Keimling wurde von allen Demonstranten applaudierend zurück in ihren Reihen empfangen.

"Ich bin hier, weil ich ein Zeichen gegen Rassismus setzen will. Rassismus gehört nicht in diese Welt. Menschen mit anderer Hautfarbe haben das gleiche Herz, das gleiche Blut - sie sehen eben nur anders aus."

Demo-Organisatorin Diana Aimiyekagbon betonte, dass jeder Mensch im Alltag etwas gegen Rassismus tun könne: "Jeder kann helfen - beispielsweise, indem er nicht einfach zusieht."

Polizei zieht positive Demo-Bilanz

Die Polizei attestierte der Veranstaltung einen Verlauf, wie er gewünscht worden war: "Es ist alles sehr friedlich. Uns liegen keine Hinweise auf Störungen außerhalb oder innerhalb der Gruppe vor", erklärte Einsatzleiter Lars Engelmeier. Da es sich um deutlich mehr Teilnehmer als zunächst vermutet handelte, sei "der Kräfteansatz entsprechend angepasst" worden.

Eine der Vorgaben für die Genehmigung der Demonstration war, dass die Teilnehmer neben dem Mundschutz auch auf einen Hygiene-Abstand von anderthalb Meter achten: "Zwischendurch gab es Hinweise, dass es zu eng werden würde. Da sind wir dann entsprechend eingeschritten - dabei konnten wir aber auch auf die Toleranz und Akzeptanz der Menschen setzen. Es gab einen Hinweis an die Veranstaltungs-Leitung, woraufhin die Vorgaben entsprechend umgesetzt wurden."

Wie die Demonstrationen in anderen Orten verliefen, lesen Sie an dieser Stelle.

Video: Demonstration gegen Rassismus in Lippstadt

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