Linken-Abgeordnete musste sich vor Polizei ausziehen

Ingrid Remmers Foto Robert Szkudlarek

MÜNSTER ▪ Ingrid Remmers steht am Montag noch immer unter Schock: Die Linken-Bundestagsabgeordnete aus NRW wurde am Samstag bei einer Gegendemonstration gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Münster festgenommen. Dabei sei sie sehr rüde und entwürdigend behandelt worden. Die Polizei in Münster ist um eine Erklärung verlegen. Von Detlef Burrichter

In Münster waren 300 Neonazis aufmarschiert. Ihnen stellten sich mehrere tausend Gegendemonstranten in den Weg, darunter Ingrid Remmers. Sie trug eine neongelbe West mit der Aufschrift „Parlamentarische Beobachtung.“ „Das machen wir immer so bei Demonstrationen. Wir Abgeordnete wollen im Konfliktfall mäßigend auf andere Demonstranten einwirken“, sagte Remmers.

Die 46-Jährige wurde kurz vor 10 Uhr Zeugin der Festnahme eines jungen Demonstranten. Dabei sei ein Polizist sehr rüde vorgegangen. Er habe den jungen Mann minutenlang traktiert, ihn mit beiden Knien auf den Rücken und auf den Hals fixiert und ihn mit Kabelbindern gefesselt. „Das sah sehr brutal aus“, erinnert sich Remmers. „Ich wollte „das Gespräch suchen, deeskalieren“, wie sie sagt. Doch dann habe sich ihr eine Polizistin in den Weg gestellt. Sie habe angeboten, sich auszuweisen und auch gesagt, dass sie Bundestagsabgeordnete sei und vermitteln wolle. „Doch das interessierte die Polizistin nicht.“ Plötzlich habe die Beamtin sie attackiert und ihr wuchtig gegen beide Schultern geschlagen. Dabei habe sie reflexartig die Arme hochgerissen, um sich zu schützen und dabei möglicherweise die Beamtin berührt. Die Polizistin habe daraufhin einen anderen Polizisten zu Hilfe gerufen. Der habe ihr die Arme schmerzhaft auf den Rücken gedreht, sie mit Kabelbindern gefesselt und abgeführt.

Ihr eigentlicher Albtraum habe dann auf dem Polizeipräsidium begonnen. Sie sei durch vier Räume geführt worden. Man habe ihre Taschen und Kleider kontrolliert, ihre Personalien aufgenommen und sie fotografiert. Schließlich habe man sie in einen Raum geführt, wo sie sich in Anwesenheit einer Beamtin nackt habe ausziehen müssen. Ihr sei dabei der BH abgenommen worden mit dem Hinweis, sie könne sich sonst damit in der Zelle aufhängen. Danach habe ihr ein Beamter erklärt, sie sei verhaftet – was ohne richterlichen Beschluss in Deutschland gar nicht möglich ist.

Eine Vorgehensweise, die Remmers bis heute schockiert und die sie nicht versteht. Zur Aufklärung beitragen konnte das Polizeipräsidium Münster gestern kaum. Remmers habe keinen Abgeordnetenausweis bei sich gehabt, sagte Polizeisprecher Jan Schabacker. Nach der Feststellung ihrer Identität auf dem Präsidium sei Remmers sofort freigelassen worden. Warum das allerdings eine volle Stunde gedauert hat, konnte sich Schabacker nicht erklären. Zu der Aufforderung zur vollständigen Entkleidung verweigerte der Behördensprecher jegliche Stellungnahme, ebenso wenig mochte er bestätigen, dass Remmers gesagt worden sei, sie sei verhaftet.

Die Abgeordnete lässt die Sache nicht auf sich ruhen: „Ich werde Klage einreichen wegen Immunitätsverletzung.“ Die Sache wird außerdem ein parlamentarisches Nachspiel haben – in Düsseldorf und in Berlin.

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