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„Viele haben mehr drauf“: Nelli Foumba Soumaoro (Grüne) will sich für gerechtere Bildung einsetzen

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Von: Cedric Sporkert

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Erst nach langem Kampf mit den Behörden durfte er zur Schule gehen: Am Lüders-Berufskolleg war Nelli Foumba Soumaoro am Ende sogar Schülersprecher.
Erst nach langem Kampf mit den Behörden durfte er zur Schule gehen: Am Lüders-Berufskolleg war Nelli Foumba Soumaoro am Ende sogar Schülersprecher. © Reiner Mroß / Digitalfoto

Sechs Kandidaten bewerben sich um das Landtagsmandat für Hamm. Wir haben sie zuhause besucht und mit ihnen darüber gesprochen, was sie politisch antreibt und was sie für Hamm erreichen wollen. Heute: Nelli Foumba Soumaoro (Grüne).

Hamm - Wäre er 2005 als 14-Jähriger nicht von Bundespolizisten am Düsseldorfer Hauptbahnhof aufgegriffen worden, könnte Nelli Foumba Soumaoro (Grüne) in diesen Tagen auch an der Seine entlang durch Paris schlendern, anstatt seinen Wahlkampfstand in der Hammer Fußgängerzone aufzubauen. (Weitere News zur NRW-Landtagswahl)

„Ich wollte eigentlich nie nach Deutschland“, sagt der heute 31-Jährige. Das Ziel nach fast einem Jahr Flucht aus seinem Geburtsland Guinea an der afrikanischen Westküste: Frankreich. Dass er dort nie ankam, sieht Soumaoro heute als Glücksfall an.

Perspektivlosigkeit und Neugier treiben Soumaoro nach Europa

Soumaoro, der im Wahlkreis 118 Hamm I, kandidiert, ist kein Kriegsflüchtling. Das betont er. „Ich bin aus Perspektivlosigkeit gegangen“, sagt der Vater einer Tochter. „In der Schule haben die Lehrer uns immer erzählt, wie reich an Bodenschätzen unser Land ist. Von diesem Reichtum kam bei den Menschen aber nie etwas an“, erklärt er.

„Ich habe dann geschaut, wie viele Bodenschätze Länder wie Frankreich haben, wo die Menschen ein gutes Leben führen. Da war nichts. Ich wollte wissen, wie das sein kann.“

In der Wüste: Den eigenen Urin getrunken, um zu überleben

Über 5.000 Kilometer hat er sich weitgehend alleine durch Mali, Burkina Faso und Niger bis nach Libyen durchgeschlagen. „In der Wüste blieb einem manchmal nichts andere übrig, als seinen eigenen Urin zu trinken, um noch so gerade genug Flüssigkeit zum Überleben zu haben“, schildert der 31-Jährige.

In dem nordafrikanischen Küstenstaat arbeitete Soumaoro in Gelegenheitsjobs und kratzte alles Geld für einen Flug nach Deutschland zusammen. „Ein Ticket nach Frankreich war zu teuer. Da wollte ich dann mit dem Zug hin reisen.“ Schließlich ist Französisch seine Muttersprache.

NRW-Landtagswahl 2022

Termin der NRW-Landtagswahl 2022 ist Sonntag, 15. Mai. 64 Parteien schicken Kandidaten ins Rennen. Knapp 13 Millionen Wahlberechtigte können in 128 Wahlkreisen ihre Erst- und Zweitstimme abgeben. Die Wahlbenachrichtigung wird Mitte April versendet. Ab dann ist auch Briefwahl möglich. Laut Umfragen und Prognosen ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD zu erwarten. Eine gute Entscheidungshilfe wird wieder der Wahl-o-mat sein. Landtagswahlen 2022 finden außerdem im Saarland, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen statt.

„Entweder du verkaufst Drogen oder du macht alle möglichen Jobs“

Die Bundespolizei stoppte Soumaoro, der keine gültigen Aufenthaltspapiere bei sich hatte. Er beantragte Asyl und kam über eine Zwischenstation in eine Unterbringungseinrichtung in Hamm. Dort lebte er mehrere Jahre – und verdiente sein erstes eigenes Geld. „Das geht entweder, indem du Drogen verkaufst, oder über alle möglichen kleinen Jobs.“

Soumaoro entschied sich gegen die Drogen und schrubbte lieber die Treppenhäuser in der Unterkunft. So habe er sich die ersten Deutschkurse finanziert. Die waren Voraussetzung für den Besuch einer Schule. Weil er nur geduldet und kein anerkannter Flüchtling war, musste er hohe Hürden überwinden, um überhaupt am Unterricht teilnehmen zu dürfen. „Da hatte ich viel Unterstützung und bin noch immer riesig dankbar.“

Vom Hauptschulabschluss bis zum Studium

Vier Jahre lang besuchte Soumaoro das Elisabeth-Lüders-Berufskolleg. Machte den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss und das Fachabi. Nach einer Erzieher-Ausbildung studierte er bis 2018 in Dortmund Sozialwissenschaften.

Seitdem arbeitet Soumaoro vor allem an wirtschaftlichen Kooperationsprojekten zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern. Er ist Stellvertreter des Botschafters seines Geburtslandes und hat die Bundesregierung in Entwicklungsfragen beraten. Mehrfach im Jahr fliegt er nach Afrika, um Entwicklungsprojekte, die seine Firma „Komm Mit Afrika“ betreut, zu unterstützen.

„Ich will meiner Heimatstadt Hamm etwas zurückgeben“

Politik macht Soumaoro vor allem aus einem Grund, wie er sagt: „Ich will meiner Heimatstadt Hamm etwas zurückgeben, nachdem die Menschen von hier mir so viel geholfen haben und mich erst dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin.“ Im Landtag will er sich für die vielen Hammer einsetzen, die nicht viel Geld zum Leben haben. Und für diejenigen, die mit Nachteilen wegen ihrer Herkunft zu kämpfen haben.

Nelli Foumba tritt bei der Landtagswahl für die Grünen an.
Nelli Foumba tritt bei der Landtagswahl für die Grünen an. © Grafik: WA / Foto: Rother

Echte Bildungskarrieren sollen einfacher möglich werden. „Mein Weg war sehr steinig und hat lange gedauert. Viele Menschen an Haupt- und Realschulen haben mehr drauf, wenn man sie ermutigt und ihnen die Chance gibt, das zu zeigen“, sagt er. Seine Kontakte nach Afrika will er nutzen, um Wirtschaftsunternehmen in NRW und Hamm gute Aufträge auf dem Schwarzen Kontinent zu vermitteln.

Nach Zeit bei den Jusos jetzt bei den Grünen zuhause

In Hamm hat sich Soumaoro zunächst bei den Jusos engagiert. Warum er dort aufgehört hat? „Da kann ich mich leider nicht mehr so genau dran erinnern“, sagt er. Bei den Grünen (Mitglied seit 2021) fühle er sich politisch zuhause. „Schon am Elisabeth-Lüders-Berufskolleg habe ich mich als Schülersprecher dafür eingesetzt, dass wir Obstbäume auf dem Schulhof pflanzen. Stolz deutet er wie zum Beweis auf einen Foto-Kalender auf dem ein Foto der Pflanzaktion abgedruckt ist. Der Kalender hängt im Flur seiner eher schlicht eingerichteten Wohnung in der südlichen Innenstadt.

Soumaoro glaubt fest daran, am 15. Mai das Direktmandat zu gewinnen. Er sei eben Optimist. „Das, was ich bisher erreicht habe, hat mir auch niemand zugetraut. Wieso sollte ich also nicht daran glauben, dass es auch jetzt klappt?“, fragt er und lächelt breit.

Die insgesamt sechs Direktkandidaten zur Landtagswahl haben auf Einladung des Westfälischen Anzeigers und der Lippewelle eine Bus-Tour durch Hamm absolviert und an fünf Standorten zu wichtigen Themen diskutiert. Alle Inhalte und Aussagen sind hier als Podcast abrufbar.

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