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Landtagskandidat Pierre Jung (AfD) will Wertekanon der „Urbevölkerung“ erhalten

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Von: Cedric Sporkert, Michael Knippenkötter

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Ehemaliger Pirat, Teil des Flügels, Auto-Fan: Pierre Jung tritt für die AfD an.
Ehemaliger Pirat, Teil des Flügels, Auto-Fan: Pierre Jung tritt für die AfD an. © Robert Szkudlarek

Sechs Kandidaten bewerben sich um das Landtagsmandat für Hamm. Wir haben sie zuhause besucht und mit ihnen darüber gesprochen, was sie politisch antreibt und was sie für Hamm erreichen wollen. Heute: Pierre Jung (AfD).

Hamm - Pierre Jung polarisiert. „Beim Plakatieren hört man oft hupen und Daumen raus. Aber man hört halt auch du scheiß Nazis“, sagt der Landtagskandidat der AfD für die Landtagswahl am 15. Mai in NRW. Jung kandidiert im Wahlkreis 118 Hamm I.

Dass die AfD von einer großen Mehrheit der Gesellschaft kritisch gesehen und als unwählbar eingestuft wird, macht Jung (45) daran fest, dass keine inhaltliche Auseinandersetzung mit seiner Partei stattfinde. „Die Leute haben halt ein maximales Aufmerksamkeitsverständnis von einer Überschriftenzeile.“ Sollte er in den Landtag einziehen, will er eine aus seiner Sicht fehlgeleitete Politik transparent machen.

Aufgewachsen in islamisch-marokkanisch-türkischem Umfeld

Groß geworden ist Jung in Düsseldorf-Garath. „In einem islamisch-marokkanisch-türkischen Umfeld“, sagt er. Das sei alles ganz herzlich und freundlich gewesen damals. Aber weil er dort aufgewachsen sei, habe er eben ein tiefergehendes Verständnis für den Islam und auch die Probleme dieser Religion. Über die scheuten sich andere Politiker zu sprechen. In der Angst, die Kritik könne pauschalisiert werden und Vorurteile schüren.

Jung gehörte zum „Flügel“ in der AfD, der vom Verfassungsschutz 2020 als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ eingestuft wurde und daraufhin vom Bundesvorstand der Partei aufgefordert wurde, sich aufzulösen.

NRW-Landtagswahl 2022

Termin der NRW-Landtagswahl 2022 ist Sonntag, 15. Mai. 64 Parteien schicken Kandidaten ins Rennen. Knapp 13 Millionen Wahlberechtigte können in 128 Wahlkreisen ihre Erst- und Zweitstimme abgeben. Die Wahlbenachrichtigung wird Mitte April versendet. Ab dann ist auch Briefwahl möglich. Laut Umfragen und Prognosen ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD zu erwarten. Eine gute Entscheidungshilfe wird wieder der Wahl-o-mat sein. Landtagswahlen 2022 finden außerdem im Saarland, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen statt.

Jung hält Höckes Positionen für „durchaus legitim“

Die Positionen von AfD-Hardliner Björn Höcke zu Islam und Migration hält Jung für „durchaus legitim“. Deutschland sei zwar immer schon mit Zuwanderung konfrontiert gewesen. Es gebe aber einen gewissen Wertekanon, den die „Urbevölkerung“ auch lebe. Den gelte es zu erhalten.

Wenn Jung über Migration spricht, ist von Zersetzung die Rede, von ungezügelter Einwanderung, Abwertung oder Unterwerfung. Jung findet, Deutsche müssten selbstbewusster sein und stärker für die eigenen Werte einstehen.

Ärger mit Ex-Parteichef nach Parteitag in Kamen

Für seine Position zum Islam handelte sich Jung 2015 Ärger mit Ex-Parteichef Bernd Lucke ein. Nach eigener Aussage, drückte Jung auf einem Parteitag in Kamen, auf dem Lucke zunächst nicht anwesend war, die Position „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ durch.

Überhaupt zur AfD gekommen sei er, weil ihm die mediale und politische Aufarbeitung eines Tötungsdelikts im März 2013 im niedersächsischen Weyhe nicht gefallen habe. Dort war ein 25-Jähriger mutmaßlich als Zufallsopfer gestorben. Ein Deutscher mit türkischen Wurzeln wurde später der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gesprochen. Jung ist der Meinung, dass mit Blick auf den Migrationshintergrund des Täters der Tot des Opfers bagatellisiert wurde.

Ehemaliger Pirat Jung gegen generelles Tempolimit

Seine politische Karriere startete Jung bei den Piraten. Der Grund: Die Diskussion über die Einführung eines generellen Tempolimits. Noch heute lehne er ein solches ab. „Wenn ich auf einer super ausgebauten Autobahn samstags um 3 Uhr keinen Verkehr habe, warum soll ich dann da nicht 250 km/h fahren, wenn ich ein Premium-Auto habe?“, fragt Jung. Seit 13 Jahren fährt Jung einen 530i Touring von BMW (258 PS). „Den habe ich erst restaurieren lassen.“ Ein E-Auto komme für ihn nicht infrage, höchstens ein Hybrid.

Pierre Jung tritt bei der Landtagswahl für die AfD an.
Pierre Jung tritt bei der Landtagswahl für die AfD an. © Grafik: WA / Foto: Rother

Jung arbeitet im Hauptberuf als Lkw-Fahrer. Eigentlich könnte er aber schon von seiner politischen Arbeit leben, sagt er. Das sei ihm mit Blick auf die Länge von Legislaturperioden aber zu unsicher. Jung erstellt gegen Geld Videos und Social-Media-Beiträge für AfD-Fraktionen und ist im Stadtrat selbst Fraktionsvorsitzender der AfD.

Er arbeitet darüber hinaus auf 450-Euro-Basis für den AfD-Landtagsabgeordneten Christian Blex. „Ich glaube ich habe die komplizierteste Steuererklärung in Hamm“, scherzt Jung mit Blick auf seine vielen unterschiedlichen Einnahmequellen.

AfD-Kandidat will Landtag personell beschneiden

Obwohl er selbst von dem System profitiert, setzt Jung sich dafür ein, den Landtag personell zu beschneiden, um Steuergelder einzusparen. „Es gibt ganz viele Leute, die alles abnicken und nur wenige Leute, die ganz viel machen“, sagt der 45-Jährige.

Ob nicht auch bei den Mitarbeiterkosten gespart werden könne? Nein, meint Jung mit Blick auf die Arbeitslast des Teams in dem er arbeitet. Jedem der 199 Abgeordneten in NRW stehen pro Monat fast 9.000 Euro für Mitarbeiter zur Verfügung.

Freundin aus Ghana fragt wegen AfD-Ruf nach

Seit zehn Jahren lebt Jung in Hamm – der Liebe wegen. Nach dem Ende einer langen Beziehung ist er seit Dezember neu vergeben. Seine Partnerin ist Auslandsstudentin aus Ghana. Seit drei Jahren lebt sie in Deutschland. Ihr habe er erst einmal erklären müssen, dass das öffentliche Bild seiner Partei ein anderes sei als die Dinge, die ihn antrieben und für die er stehe.

Eines davon war zuletzt die Kritik an den Corona-Regeln. Jung hat in Hamm die Querdenken-Proteste unterstützt und trat mehrfach als Redner auf.

Die insgesamt sechs Direktkandidaten zur Landtagswahl haben auf Einladung des Westfälischen Anzeigers und der Lippewelle eine Bus-Tour durch Hamm absolviert und an fünf Standorten zu wichtigen Themen diskutiert. Alle Inhalte und Aussagen sind hier als Podcast abrufbar.

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