NRW-Gesunheitsminister

Karl-Josef Laumann im Interview: Über schwere Entscheidungen in der Pandemie

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)
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NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) im Interview.

Karl-Josef Laumann (CDU) ist in Zeiten der Corona-Pandemie einer der wichtigsten Männer im Land. Im Interview spricht der 63-Jährige über die Tage der Entscheidungen, die Freude an seiner Arbeit, die Rolle der Kirche in der Pandemie und die Zukunft seines Ministerpräsidenten Armin Laschet.

Düsseldorf – Er ist ein Mann der klaren Worte. Wenn Karl-Josef Laumann „keinen Bock“ auf die Erstattung von Lohnkosten beim Fleischunternehmer Tönnies hat, dann sagt er das auch genau so. In der Corona-Krise profitiert die NRW-Landesregierung von einem Gesundheitsminister, der authentisch, nahbar und geerdet ist. Mit dem 63-jährigen CDU-Politiker sprach Alexander Schäfer über die Krise und die Kanzlerschaft.

Wie geht es Ihnen?
Normal. Klar, wir sind seit Ende Februar in einem Krisenmodus und man kommt im Grunde genommen aus dem Dienst zumindest gedanklich gar nicht mehr raus. Es ist eine sehr spannende und anspruchsvolle Zeit, aber wir haben hier im Ministerium bestimmte Dinge mittlerweile eingeübt. Ein Beispiel: Wenn man wie in Coesfeld einen Schlachthof geschlossen hat, dann weiß man beim zweiten, in dem Fall Tönnies, schon besser wie es geht.
Sie sind vergangene Woche 63 geworden, gehören also zur Corona-Risikogruppe. Wie gehen Sie damit um?
Ich passe ein bisschen auf, halte den Abstand ein. Hier im Ministerium haben wir es so geregelt, dass es nur rund zwei Hände voll Menschen sind, mit denen ich noch viel zusammen bin. Ich greife auch öfter zum Telefon, statt Mitarbeiter direkt zu treffen. Ich meide Veranstaltungen mit größeren Menschenansammlungen und bin ein großer Anhänger der Maskenpflicht.
Sie haben keine Angst um Ihre Gesundheit?
Nein. Ich denke auch nicht viel darüber nach. Ich weiß, dass es sehr schwere Krankheitsverläufe gibt. Aber ich weiß auch, wie man sich schützen kann. Den vollst��ndigen Schutz gibt es allerdings nicht.
Haben Sie sich schon einmal auf Corona testen lassen?
Nein.
Meine Tochter fragte mich kürzlich: Wird das Leben nie wieder so wie früher?
Auf absehbare Zeit muss man leider sagen: Ich weiß es nicht. Nach all dem, was die Wissenschaft uns sagt, wird das Virus nicht wieder weggehen. Die Frage ist, ob die Menschen dagegen durch einen Impfstoff oder auf natürlichem Weg die berühmte Herdenimmunität entwickeln. Die Krankheit würde so ihren Schrecken ein Stück weit verlieren und vielleicht wie eine Grippe wahrgenommen. Wobei immer deutlicher wird: Die Krankheiten sind nicht miteinander vergleichbar. Jetzt ist die Situation so, dass wir den Menschen sagen müssen: Haltet Abstand, tragt Masken und sorgt etwa bei Restaurantbesuchen und erst recht bei größeren Veranstaltungen dafür, dass im Infektionsfall eine Nachverfolgung möglich ist. Das wird auf absehbare Zeit die Realität in unserer Gesellschaft bleiben. Wird es im Herbst Kirmesse geben? Ich glaube nicht. Werden wir Karneval so feiern wie im vergangenen Jahr? Eher nein.
Wie schätzen Sie die Lage aktuell ein?
Es ist und bleibt ein sehr dynamischer Prozess. Jetzt, wo wir hier sitzen und das Interview führen, haben wir keine besorgniserregende Lage in Nordrhein-Westfalen. Wir haben 2 000 Infizierte. Das ist bei 18,2 Millionen Einwohnern nicht sehr viel. Trotzdem haben wir immer wieder lokale Ausbrüche, wo das Virus mit zweistelligen Infektionszahlen zuschlägt.
Was treibt Sie mehr um? Die nächste Infektionswelle oder die mögliche Pleitewelle in der Wirtschaft?
In meinem Wertekanon steht der Gesundheitsschutz vor den wirtschaftlichen Interessen. Aber natürlich sehe ich die Folgen für die Wirtschaft. Wenn ich heute mit dem Inhaber eines Reisebüros rede, fallen auch mir nur wenig tröstliche Worte ein. Oder nehmen Sie die Schausteller, die das zum Teil seit Generationen machen und jetzt quasi fast ein Berufsverbot haben. Der Einzelhandel, vor allem im Textilbereich, generiert bei weitem nicht die Umsätze wie vor der Krise. Ich hoffe, dass das zu Weihnachten besser wird, sonst werden die Einzelhändler und Kaufhäuser irgendwann Personalanpassungen machen müssen.
Wie treffen Sie Entscheidungen? Studieren Sie wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach sämtliche Studien zu Corona oder entscheiden Sie auch mal aus dem Bauch heraus?
Als Politiker setzen wir uns natürlich intensiv mit den Expertisen der Fachleute auseinander, aber am Ende müssen wir abwägen und entscheiden. Es gibt selten Entscheidungen, bei denen alles dafür spricht. Gefühl und Wertevorstellungen spielen auch eine Rolle. Beim Lockdown sind mir zwei Dinge besonders schwergefallen. Das Schließen der Spielplätze und das absolute Besuchsverbot in den Altenheimen. Das ist mir – ohne das bagatellisieren zu wollen – viel schwerer gefallen als ein Kaufhaus zu schließen. Die meisten Deutschen haben genügend Klamotten im Schrank, sodass sie nicht frieren müssen, wenn man mal vier Wochen nichts Neues kaufen kann. Wenn sie aber ein Ehepaar haben, das seit 50 Jahren verheiratet ist und bei dem ein Partner im Alten- oder Pflegeheim lebt, dann ist ein Besuchsverbot heftig. Oder wenn eine Tochter ihre Mutter nicht mehr besuchen darf. Über Wochen! Ich habe dazu hunderte Briefe und Mails bekommen. Das hat mich sehr beschäftigt, auch wenn es damals medizinisch richtig war. Ich bin froh, dass wir als Exekutive vom Parlament, aber auch den Gerichten kontrolliert werden. Wir müssen stets prüfen, ob wir mit den Eingriffen in die Grundrechte nicht zu weit gehen.
Als Gesundheitsminister ist es Ihre Aufgabe, die Schutzverordnungen abzusegnen. Geben Sie also in der Regierung Laschet die Richtung vor?
Die Richtung gibt immer der Regierungschef vor. Das ist in allen Regierungen so. Auch bei uns. Aber: Im Bereich des Infektionsschutzes habe ich als Gesundheitsminister in der Tat die Endverantwortung. Und natürlich kann mich niemand dazu zwingen, etwas zu unterschreiben, was ich nicht will. Wir diskutieren im Kabinett, aber am Ende tragen es alle mit. Die Zusammenarbeit mit der Staatskanzlei ist sehr partnerschaftlich und vertrauensvoll.
Am Tag des Lockdowns für den Kreis Warendorf hatte Laschet vormittags gesagt, Schutzmaßnahmen solle es nur in Orten der direkten Nachbarschaft zum Kreis Gütersloh geben. Am Nachmittag haben Sie dann den Lockdown für den gesamten Kreis verkündet.
Das war eine gemeinschaftliche Entscheidung im Kabinett. Es gab nun mal die Abmachung auf Bundesebene, in Kreisgrenzen zu denken.
Aber diese Abmachung kannte Laschet doch auch?
Ja. Aber es war eben ein Abwägungsprozess. Die Einschränkungen gingen im Übrigen nicht so weit wie im März. Es war ein sehr leichter Lockdown, es wurde zum Beispiel kein Kaufhaus geschlossen. Wenn Sie im Kreis Warendorf Opernhäuser schließen, dann steht das zwar in der Verordnung. Aber wo ist das Opernhaus?
Es wirkte dennoch nach außen so, dass Sie das Machtwort gesprochen haben und nicht der Ministerpräsident.
Nein. Das war eine gemeinsame Entscheidung. Zwischen den Ministerpräsidenten und mich passt kein Blatt Papier.
Aber vielleicht zwischen Sie und die Schulministerin. Yvonne Gebauer will nach den Sommerferien zurück zum Normalbetrieb, Schulen sollen dann auf Abstand und Maske verzichten. Zwei Dinge, die Ihnen sehr wichtig sind. Werden Sie die Kollegin zurückpfeifen?
Nein, nein. Wir wollen alle, wenn die Pandemielage es zulässt, nach den Sommerferien in einen Regelbetrieb kommen. Natürlich wird dieser Regelbetrieb nicht so sein wie vor Corona. Das Problem ist, dass man mit Abstand von Lehrer und Schülern im Klassenraum keinen Regelbetrieb hinbekommt. Wir überlegen derzeit gemeinsam, welche Sicherungsmaßnahmen wir dort einbauen können und werden am Ende des Tages eine abgestimmte Lösung im Sinne des Gesundheitsschutzes vorlegen. Klar ist aber: Wir müssen wieder in einen regulären Kita- und Schulbetrieb. Wir können das Bildungssystem nicht ein ganzes Jahr außer Kraft setzen. Das wäre gar nicht mehr aufzuholen. Wir müssen deshalb auch hier lernen, mit der Pandemie zu leben. Ich komme zurück zur Frage Ihrer Tochter. Meine Antwort lautet: Schule wird nicht werden wie vor Corona, aber Schule muss und wird wieder sein – trotz Corona. Das gesellschaftliche Leben muss weitergehen.
Sie haben eben auf den Namen Lauterbach gar nicht reagiert, der unter anderem vor einem Regelbetrieb an den Schulen warnt.
Ich kenne ihn schon sehr lange. Wir duzen uns und schätzen uns gegenseitig, sind aber zwei sehr unterschiedliche Menschen. Ich komme im Abwägungsprozess zu anderen Ergebnissen.
Wann wird es in NRW wieder Fußballstadien mit Fans geben? Würden Sie Pläne wie den von Union Berlin – volles Stadion dank Massentests für Fans – in Dortmund oder auf Schalke genehmigen?
Nein. Jedenfalls zur Zeit nicht. So lange wir keinen Impfstoff haben, kann ich mir ein Fußballstadion, wie wir es vor Corona hatten, überhaupt nicht vorstellen.
Werden die Kirchen die Krise überleben?
Dass Gottesdienste nicht so sein können wie vor Corona, macht es schwierig. Aber es ist besser als nichts. Fernsehgottesdienste sind schön, aber es ist gut, wenn man zur Kommunion gehen und Menschen treffen kann. Die Pfarrer sind viel unterwegs, um ihrem Seelsorgeauftrag gerecht zu werden. Meine Sorge ist, dass auch nach Corona weniger Menschen zur Kirche gehen werden, weil sie gemerkt haben, dass es auch ohne geht. Gerade als gläubiger Christ hoffe ich, dass es nicht so kommt.
Stehen Sie nach der Landtagswahl 2022 als Gesundheitsminister nochmal zur Verfügung, wenn Laschet Sie fragen sollte?
Zunächst einmal: Ich gehe davon aus, dass Armin Laschet dann woanders ist. Was mich betrifft: Wenn es mir 2022 so gut wie heute geht, kann ich mir das vorstellen. Aber das entscheiden wir später. Erst mal muss man eine Wahl gewinnen, dann gibt es Koalitionsverhandlungen und so weiter. Aufgrund meines Alters und meiner langen Zeit in der Politik sehe ich das sehr entspannt. Gleichwohl: Ich bin sehr gerne in diesem Ministerium, bin auch lieber Minister als Ministerpräsident. Dieses Haus ist mein Ding. Als ich 2010 das Amt wegen „unerklärbaren Wahlverhaltens der Bevölkerung“ abgeben musste (lacht), habe ich mir gesagt: Das willst du irgendwann nochmal machen. Es hat sieben Jahre gedauert, aber es ist mir gelungen. Schauen Sie sich die Galerie mit den NRW-Arbeits- und Gesundheitsministern draußen auf dem Flur an. Ein Stück weit freut es mich schon, dass es nur einen gibt, der zweimal hier war.
Der Zug für Laschet ins Kanzleramt ist also nicht abgefahren?
Nein, natürlich nicht. Warten wir den Parteitag ab. CDU-Parteivorsitzende sind geborene Kanzlerkandidaten.
Könnten Sie sich vorstellen, einen Markus Söder zu unterstützen?
Ich? Wir sind hier in Nordrhein-Westfalen. Ich glaube nicht, dass es in Bayern jemanden gibt, der unseren Mann unterstützen würde.
Die Umfragewerte sind derzeit ziemlich eindeutig pro Söder.
Ja, aber Umfragen sind immer nur Momentaufnahmen. Armin Laschet hat NRW sehr, sehr gut durch diese Krise geführt. Sein Abwägen zwischen Gesundheitsschutz und Freiheitsrechten war richtig. Wenn Bayern jeden testen will, ist das aus meiner Sicht schlicht nicht zielführend und falsch. Da steckt keine Strategie dahinter, das ist Populismus. Söder mag ja ein guter Ministerpräsident sein...
Sagt auch Frau Merkel.
Ja, aber wir haben mit Sicherheit auch einen sehr guten Ministerpräsidenten.

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