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Jodtabletten stärker nachgefragt - Apotheker aus NRW warnt: „Nicht einnehmen“

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Von: Sebastian Schulz

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Der Irrglaube, mit handelsüblichen Jod-Tabletten könne man sich vor Radioaktivität schützen, ist verbreitet. Apotheker aus NRW stellen eine erhöhte Nachfrage fest - und klären auf.

NRW - Die Angst einiger Bürger vor einem nuklearen Krieg scheint seit der Invasion Russlands in die Ukraine gestiegen zu sein. Hinzu kam der Aufruf des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Abschreckungskräfte - auch die für die atomaren Waffen - in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen. „Seitdem ist die Nachfrage nach Jodtablette gestiegen“, berichtet zum Beispiel Ulf Ullenboom, der eine Apotheke in Olpe im Sauerland betreibt und Sprecher der Apothekerschaft im Kreis Olpe ist. Und für den benachbarten Hochsauerlandkreis stellt der Sprecher der Apothekerschaft im Altkreis Brilon, Jürgen Schäfer, fest: „Die Leute fragen schon danach.“

LandNordrhein-Westfalen
HauptstadtDüsseldorf
Einwohner17,9 Millionen

Nachfrage nach Jodtabletten steigt - Apotheker aus NRW warnt: „Nicht einnehmen!“

Aber hilft Jod wirklich bei radioaktiver Strahlung? Grundsätzlich schon, aber es kommt auf die richtige Dosierung an, erklären die beiden Apotheker. Und die Einnahme sei auch nur dann sinnvoll, wenn sie wirklich erforderlich werden würde - und selbst dann müsse man mit starken Nebenwirkungen rechnen. Schäfer, Betreiber der Franziskus-Apotheke in Winterberg, spricht Klartext: „Um Gottes Willen, man sollte jetzt nicht irgendwelche Jodtbletten einnehmen!“

Und weiter: „Nicht verwechseln sollte man diese hochdosierten Jodtabletten mit denen, die manche Patienten regelmäßig zur Jodsubstitution einnehmen müssen, denn die wären im Falle einer Freisetzung radioaktiven Jods um das 100- bis 1000-Fache unterdosiert.“

Um in einem Katastrophenfall die Aufnahme von radioaktivem Jod zu blockieren, reiche im Regelfall eine einmalige Einnahme von Kaliumiodid als Notfallmedikament - eine sogenannte „Jodblockade“. Das bedeutet: Es wird also die einmalige (!) Einnahme einer entsprechend hochdosierten Jodtablette im Katastrophenfall empfohlen. Und jetzt kommt der springende Punkt: Diese hochdosierten Jodtabletten sind in den Apotheken gar nicht zu bekommen.

Ukraine-Krieg: Nachfrage nach Jodtabletten steigt - Einnahme nur nach Aufforderung!

Die Katastrophenschutzbehörden in Deutschland haben laut Mitteilung der Apotheker 189,5 Millionen hochdosierte Kaliumiodid-Tabletten (Jodtabletten) eingelagert, um diese bei Bedarf an die Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern um einen Unfall-Reaktor auszugeben. Wichtig: „Eingenommen werden sollten die Tabletten ausschließlich nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Behörden“, betonen die Apotheker in der Pressemitteilung.

Gefragt, aber derzeit nicht erhältlich: Hochdosierte Jod-Präparate, um die Einlagerung radioaktiven Jods in der Schilddrüse zu verhindern.
Die Nachfrage nach Jodtabletten steigt. Deshalb klären Apotheker nun auf, warum die Einnahme nichts bringt. © picture alliance / Rainer Jensen

Eine Vielzahl einfacher Jodtabletten einzunehmen, um auf die richtige Dosierung zu kommen, sei absolut kontraproduktiv, betont Apotheker Ullenboom. Selbst präventiv schon jetzt die ein oder andere Jodtablette zu schlucken, würde keine positiven, sondern nur negative Auswirkungen haben. Schilddrüsenkrebs könnte eine Folge sein. Darüber hinaus heißt es in der Mitteilung: „Erwachsene über 45 Jahren sollten grundsätzlich keine hochdosierten Jodtabletten einnehmen. Denn diese erhöhen das Risiko für schwerwiegende Schilddrüsenerkrankungen.“

Bleibt festzuhalten: Die Nachfrage nach Jodtabletten in Apotheken macht also wenig Sinn. Apotheker Ullenboom versichert mit Blick auf Jodtabletten: „Der Staat hat Vorsorge getroffen.“

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