Empörung und Enttäuschung

„Jerusalema“-Challenge: Corona-Tanz wird für Kliniken und Polizei NRW jetzt teuer

Die „Jerusalema“-Challenge begeisterte das Netz. Der Tanz war ein Zeichen der Hoffnung in schweren Corona-Zeiten. Das kommt den Beteiligten jetzt teuer zu stehen.

Hamm - Ein Song geht um die Welt - und die Menschen tanzen. Auf Feuerwehrwachen, in Kliniken und auch bei der Polizei wurde Ende 2020 zu dem Lied „Jerusalema“ getanzt. Die Videos gingen in Corona-Zeiten zum Teil viral. Auch in Nordrhein-Westfalen wurde die Challenge hundertfach angenommen. Jetzt werden die Beteiligten vom Musik-Label „Warner Music“ zur Kasse gebeten. Das trifft sowohl das NRW-Innenministerium als auch die ehrenamtliche Dorf-Feuerwehr. (News zum Coronavirus)

BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner17,93 Millionen (2019)
HauptstadtDüsseldorf

„Jerusalema“-Challenge: Kliniken, Polizei und Feuerwehr müssen für Corona-Tanz jetzt zahlen

Aus NRW begeisterte Mitte Dezember bei der „Jerusalema“-Challenge vor allem die Polizei-Edition aus dem Märkischen Kreis*. Als erste Polizei in Deutschland leisteten die Beamten aus dem Sauerland ihren Beitrag zur Gute-Laune-Aktion in schweren Corona-Zeiten. Das Video ging viral, nach eigenen Angaben erreichten die Beamten über ihre Kanäle 10 Millionen Menschen. Doch auch die „Jerusalema“-Challenge der Kreipolizeibehörde des Märkischen Kreises hat wohl ein teures Nachspiel*.

Der „Jerusalema“-Tanz aus der St. Barbara-Klinik in Hamm* war Mitte November eines der ersten Videos, das den Trend nach NRW, ja vielleicht sogar nach Deutschland brachte. Bei Youtube wurde der Clip bereits fast 7,5 Millionen Mal angeklickt. Pfleger, Ärzte und weitere Mitarbeiter tanzten zum Teil auf dem Dach des Krankenhauses.

Die „Jerusalema-Challenge“ sollte Hoffnung bringen. Hoffnung in einer so unfassbar schweren Zeit. Ende 2020 verschärfte sich die Corona-Lage weltweit. In Deutschland schnellten die Todes-Zahlen nach oben, Krankenhäuser kamen an ihre Belastungsgrenzen.

„Jerusalema“-Challenge: Warner Music verlangt Gebühren für Corona-Tanz

Und jetzt werden die Überbringer der guten Laune zur Kasse gebeten. Wie Focus Online berichtet, verlangt das Musik-Label „Warner Music“ von den Tanzenden nachträglich Lizenzgebühren für die Nutzung des Liedes. Denn: Der Künstler hinter „Jerusalema“, der 25-jährige Musikproduzent und DJ Master KG aus Südafrika, steht bei dem Major-Label unter Vertrag.

Nach Recherchen von Focus Online ging ein Schreiben von „Warner Music“ an Organisationen, Privatunternehmen und eben auch Polizeidienststellen in NRW, in dem das Label darauf hinweist, dass für die kommerzielle Nutzung des Liedes „Jerusalema“ entsprechende Gebühren fällig würden.

„Jerusalema“-Challenge: Polizei tanzt mit - NRW-Innenministerium hat schon gezahlt

Laut Focus hat das NRW-Innenministerium als oberste Landesbehörde für die Polizei schon gezahlt: „Es trifft zu, dass das nordrhein-westfälische Innenministerium die Forderungen von Warner Music für mehrere Polizeidienststellen im Zusammenhang mit der ‚Jerusalema Challenge‘ beglichen hat“, teilte demnach eine Sprecherin auf Anfrage mit. Wie hoch die Forderung des Musik-Labels gewesen war, blieb unbeantwortet.

Die Universitätsklinik in Düsseldorf hat nach Angaben von der Deutsche Presse-Agentur ebenfalls Post von dem Musik-Label bekommen. Tatsächlich hatte die Klinik das Tanz-Video ihrer Belegschaft kurz nach dem Erscheinen aber schon wieder offline genommen - was man dem Musikkonzern auch als Antwort mitteilte. Eine Geldforderung habe es seitdem nicht gegeben, hieß es von der Uni-Klinik.

„Jerusalema“-Challenge: Kliniken in NRW löschen Videos - „einfach nur schade“

Und auch im Kreis Soest handelten jetzt die Kliniken, die bei der „Jerusalema“-Challenge mitgemacht haben*. Der Hospitalverbund Hellweg, der in Soest das Marienkrankenhaus und in Werl das Mariannen-Hospital betreibt, hat seine Videos bei Youtube gelöscht, ebenso wie das Klinikum Stadt Soest. Äußern wollte sich dazu aber niemand.

In Bad Sassendorf hatte die Rehaklinik Wiesengrund bei dem Trend mitgemacht - und jetzt auch den Clip entfernt. „Wir hatten sicherlich nicht vor, mit dem Video für uns zu werben, und ich glaube auch kaum, dass wir damit auch nur einen einzigen Patienten gewonnen haben“, meint Geschäftsführerin Lola Schulte-Balke. „Es ging ja nur darum, dass durch Corona im Gesundheitswesen sehr viel Arbeit aufgekommen ist und auf diese Weise etwas Freude in den stressigen Alltag gebracht werden sollte. Dass Warner so darauf reagiert, ist einfach nur schade.“

„Warner Music“ beruft sich auf Nachfrage von Focus Online auf einen „normalen Vorgang“. So wird ein Unternehmenssprecher zitiert: „Wir lieben die Tatsache, dass die Fans hinter ‚Jerusalema‘ stehen. Aber wenn Organisationen in Deutschland den Song nutzen, um sich selbst zu promoten, sollten sie sich unserer Meinung nach eine Synchronisationslizenz sichern.“

„Jerusalema“-Challenge: „Künstler müssen für ihre Musik bezahlt werden“

Viele Unternehmen seien nach Angaben von „Warner Music“ auch auf das Label zugekommen, um eine solche Lizenz zu erhalten. „In einigen Fällen“ hätten sie sich dann an die Organisationen gewandt, um über eine Lizenzierung zu sprechen, wobei „ihre unterschiedlichen Umstände“ berücksichtigt worden seien.

Wie Focus Online weiter berichtet, sagte der Sprecher: „In diesen schwierigen Zeiten ist es wichtiger denn je, dass Künstler und Künstlerinnen für ihre Musik bezahlt werden, wenn sie von Dritten genutzt wird, um ihre Reputation zu steigern.“

„Jerusalema“-Challenge: Rechtsanwalt spricht von einem „wahnsinnigen Skandal“ und Abzocke

Der Rechtsanwalt Frank Hannig aus Dresden spricht bei Focus Online von einem „wahnsinnigen Skandal“. Die Forderungen des Musik-Labels seien eine „Abzocke vor dem Herrn“. Das Innenministerium eines Bundeslandes möge die Kosten noch „irgendwie wegstecken, aber eine Dorffeuerwehr auf keinen Fall“. Er rät Organisationen daher dringend davon ab, neue Tanzvideos ins Internet zu stellen.

Dies tat auch der Chef des Verbandes der Feuerwehren in NRW, Christoph Schöneborn. Er schrieb dem Bericht zufolge eine Warnmeldung an seine Kollegen im ganzen Land.

Auf der Facebook-Seite von „Warner Music“ häuften sich am Montag kritische Kommentare, in denen dem Konzern oft „schäbiges Verhalten“ vorgeworfen wurde. Eine Nutzerin schrieb: „Ihr solltet die zusätzlichen generierten Einnahmen die ihr nun erhaltet (Jerusalema) spenden. Jedenfalls das Geld, welches ihr von den Feuerwehren, Polizeistationen usw. erhaltet!“

Trotz der anhaltenden Kritik in den Sozialen Medien hält Warner Music an seiner Forderung fest und verlangt Lizenzgebühren für die Jerusalema-Challenge. „Unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass unsere Künstler*innen eine faire Vergütung für die Nutzung ihrer Musik erhalten.“ Mit seinen Äußerungen kippt Warner Music zum Teil nur noch mehr Öl ins Feuer. Kritiker beanstanden die Forderung insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass das Lied überhaupt erst durch die Challenge zu einem derart durchschlagenden Erfolg wurde. - *wa.de, come-on.de und soester-anzeiger.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © Polizei MK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare