Vor Ende der Priorisierung

Impf-Ansturm, aggressive Stimmung: Hausarzt-Praxen in NRW am Limit

Die Impf-Reihenfolge wird zum 7. Juni aufgehoben. Schon jetzt ist der Ansturm auf die Hausärzte groß. Die Stimmung wird mit dem Näherrücken des Urlaubs und den ersten Öffnungsschritten aggressiver.

NRW - Aggressive Stimmung, Massenansturm Impfwilliger auf Impftermine und Personal am Limit: Erste Hausarzt-Praxen nehmen nach Verbandsangaben von den Corona-Impfungen wieder Abstand. „Wir haben inzwischen eine gefährliche Entwicklung: Zahlreiche Hausarztpraxen melden sich vom Impfsystem wieder ab“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Nordrhein, Oliver Funken, der Rheinischen Post. (News zum Coronavirus)

BundeslandNordrhein-Westfalen (NRW)
Bevölkerung17,93 Millionen (2019)
MinisterpräsidentArmin Laschet (CDU)

Ansturm auf Impftermine in NRW: Hausarzt-Praxen am Limit

Die Hausärzte erlebten eine extrem aggressive Stimmung bei der Impfstoff-Nachfrage. Schon jetzt liefen die Telefone in den Praxen heiß, so dass die Hausärzte zunehmend Schwierigkeiten bei der Regelversorgung hätten.

Der Verbandschef verwies auch auf die starke Belastung der Beschäftigten in den Hausarzt-Praxen. „Natürlich wollen wir der Bevölkerung helfen, aber wir müssen auch das Wohl der Beschäftigten im Blick behalten. Und auch den Fortbestand der Praxis.“ Es könne nicht sein, dass die Mitarbeiter angesichts der chaotischen Situation in die innere Kündigung gingen, weil sie mit diesem Massenansturm auf Impftermine nicht klarkämen. Nach dem Motto „Ich bin schon mal hier und jetzt will ich auch meine Impfung haben“ forderten einige Impfwillige nachdrücklich eine Spritze ein, sagte Funken der Deutschen Presse-Agentur. Die Stimmung habe sich zugespitzt, je näher der Urlaub rücke und je mehr Freiheiten winkten.

Eine Krankenschwester füllt eine Spritze Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen Covid 19 in einer Hausarztpraxis.

Ansturm auf Impftermine in NRW: Urlaub rückt näher, Wunsch nach Impfschutz wächst

Denn Urlaub ist in vielen Ländern Europas trotz Corona möglich. Wer eine Reise nach Spanien, Italien, Griechenland oder die Türkei plant, sollte aber einige Regeln kennen. Auch ein Urlaub in Italien rückt näher. Trotz Corona wirbt das Land wieder offensiv um Touristen. Bei der Einreise nach Italien gilt eine neue Regel.

„Man will zu den drei „G“ gehören: Genesen, Geimpft oder Getestet“, erläuterte Funken zum Thema Impf-Ansturm. Hinzu komme Frustration, wenn weniger Impfstoff als gedacht ankomme. Einzelne Hausärzte würden sich vor diesem Hintergrund zurückziehen. Es kämen aber auch weitere Ärzte zum Impfsystem hinzu, weil sich zunehmend Fachärzte beteiligen könnten. Der Verbandschef hofft auf eine Entspannung Ende des Monats durch zusätzliche Lieferungen. Derzeit würde Impfstoff insbesondere für die Zweitimpfungen benötigt, so dass die Erstimpfungen aktuell nicht in dem Maße im Vordergrund stehen könnten wie zuvor.

Ansturm auf Impftermine in NRW: 80 Prozent der Hausärzte impfen

Im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe beteiligen sich etwa 80 Prozent der Hausärzte und 20 Prozent der Fachärzte an der Impfaktion gegen Corona. Ein Sprecher sprach von Einzelfällen, in denen Ärzte keinen Impfstoff mehr bestellten. In der Region Westfalen-Lippe würden pro Woche rund 300.000 Impfdosen in den Praxen verabreicht.

Die Zahl der Dosen sei in etwa gleich geblieben, es kämen aber mehr Praxen hinzu. Beim Impfstoff von Astrazeneca seien zudem jüngst Erwartungen, die das Bundesgesundheitsministerium geweckt habe, nur zu einem Bruchteil erfüllt worden. „Bei den Ärzten, die schon Termine an Patienten vergeben hatten, hat das zu großer Verärgerung geführt“, erläuterte der Sprecher der Vereinigung.

Ansturm auf Impftermine in NRW: Ende der Priorisierung kein Wundermittel

Funken befürchtet, dass es mit der Freigabe der Impfstoffe zum 7. Juni einen neuen Ansturm von Impfwilligen auf die Hausarztpraxen geben könnte. Es sei aber bei weitem nicht so, dass ab dem Stichtag sofort alle geimpft werden könnten. „Die Priorisierung war immer der Knotenpunkt, an dem alles hing. Jetzt wird der Riegel rausgenommen. Damit wird der Deich gebrochen“, verdeutlichte er das Szenario.

Für die Sommerurlaubsmonate zeichneten sich schon erneut Engpässe ab, da auch ein Teil der Hausärzte und ihr Personal für je ein bis zwei Wochen in Urlaub gehe. „Wir müssen davon ausgehen, dass 30 Prozent der Arztpraxen in den Sommerferien ein oder zwei Wochen schließen.“

Ansturm auf Impftermine in NRW: Tonfall in Hausarzt-Praxen rauer?

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein erklärte, von aggressiver Stimmung sei ihr nichts bekannt. „Vermutlich wird der Ton an manchen Stellen rauer, da viele nun einen Impftermin haben möchten. Hier bitten wir stellvertretend für unsere niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte um Geduld“, sagte ein Sprecher. In den Praxen stünden oft die Telefone nicht still und es gebe sehr viele Anfragen. Es könnten nach wie vor aber nicht alle impfwilligen Patienten sofort einen Impftermin bekommen. Das sei nicht zu leisten. Für Juni sind allerdings deutlich mehr Impfstoffdosen für Praxen angekündigt. Aktuell impften 5136 Praxen in der Region Nordrhein gegen Corona.

Da es nach wie vor schwierig ist, eine Impftermin für eine Corona-Impfung zu finden, und Impfstoff weiter knapp ist, wollen Online-Börsen Impfwillige und Ärzte zusammenbringen. - dpa

Rubriklistenbild: © Bodo Schackow

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