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Hybrid- und E-Autos: Spezielles System hilft bei irrer Herausforderung

„Entschärfung“ des Akkus: Die Feuerwehr, hier beim Unfall auf der A44, muss sich digitale Hilfe holen.
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„Entschärfung“ des Akkus: Die Feuerwehr (hier bei einem Unfall auf der A44 - siehe Artikel), muss sich heute digitale Hilfe holen.

Immer mehr Hybrid- und Elektroautos sind in Deutschland unterwegs: Was die Umwelt schützen soll, ist für Einsatzkräfte und Abschlepper bei Unfällen eine enorme Herausforderung. Ein Spezialsystem aus Hamm könnte helfen.

Hamm – Die Verkaufszahlen von Elektroautos steigen rasant an. Während die Zulassungszahl der Fahrzeuge mit den Antriebsarten Benzin und Diesel sank, wurden im vergangenen Jahr in Deutschland rund 200.000 rein elektrisch betriebene Personenkraftwagen zugelassen. Im Vergleich zum Vorjahr (rund 63.000) entspricht das einer Verdreifachung und ist somit ein Rekordwert. Damit steigt statistisch gesehen auch das Risiko, dass Autos mit alternativem Antrieb an einem Unfall beteiligt sind. Was die Einsatzkräfte vor völlig neue Probleme stellt. In Hamm wurde jüngst eine besondere Lösung für diese neuen Probleme entwickelt. Einblick in ein „aufgeladenes Thema“.

Unfälle mit Hybrid- und E-Autos: die unbekannte Technologie

Die Antriebsbatterie in Elektro- und Hybridautos besteht zumeist aus Lithium-Ionen-Akkus, wie sie auch in Mobiltelefonen oder Laptops verwendet werden, nur sind sie natürlich deutlich größer. Diese Akkus stellen die Feuerwehr vor eine besondere Herausforderung, da sie als neue Technologie für die Rettungskräfte noch größtenteils unbekannt sind, aber durch die hohen Spannungen sehr gefährlich werden können. Die Feuerwehr muss zunächst herausfinden, wo die Gefahren genau liegen. Dafür gibt es sogenannte Rettungskarten, die sich in jedem Elektroauto befinden sollten. „Die Rettungsmaßnahmen der Feuerwehr werden dadurch erleichtert“, sagt Eike Hellenkamp (35), Sachgebietsleiter Einsatzdienst der Feuerwehr Hamm.

Aber ist die Rettungskarte auch nach jedem Unfall gleich auffindbar? Das wäre wichtig, denn für die Einsatzkräfte ist besondere Vorsicht gefragt: Sie müssen nämlich einen speziellen Trennschalter finden, um die Batterien in einen sicheren Zustand zu versetzen und sich damit selbst außer Gefahr zu bringen.

Eike Hellenkamp Sachgebietsleiter Einsatzdienst der Feuerwehr Hamm: „Die frühzeitige Rücksprache mit der unteren Wasserbehörde und dem Umweltamt ist wichtig, um weitere Maßnahmen zu besprechen.“

Unfälle mit Hybrid- und E-Autos: kühlen statt löschen

Eine noch größere Herausforderung für die Feuerwehr stellt der Brand eines solchen Fahrzeugs dar. Im Gegensatz zu Bränden normaler Fahrzeuge kann man keinen Löschschaum einsetzen, um den Brand zu stoppen. Stattdessen kommt nur Wasser zum Einsatz, um die Akkus zu kühlen, da sie wasserdicht sind, wie Hellenkamp weiter ausführt. Dieses Prozedere empfiehlt auch die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in Deutschland. Es reiche nicht einmal aus, die sichtbaren Flammen zu löschen, da sich das Feuer in den Akkus immer wieder entzünden kann.

Was das am Ende bedeutet? „Für die Kühlung wird enorm viel Wasser benötigt“, weiß Hellenkamp. Daher werden bei Bränden von Elektroautos, vor allem in ländlicheren Gebieten oder auf der Autobahn, auch Tanklöschfahrzeuge benötigt. „Diese führen deutlich mehr Wasser mit, als herkömmliche Löschgruppenfahrzeuge“, ergänzt Hellenkamp. Ein klarer Minuspunkt mit Blick auf die Umwelt. Und es bleibt nicht der einzige.

Stundenlange Bergungsaktion auf der A44

In der Nacht zum 6. Juli 2021 kam es auf der Autobahn A44 auf Höhe von Anröchte zu einem Unfall mit einem nagelneuen Hybrid-Auto der Marke Cupra Formentor. Dieser Crash steht sinnbildlich dafür, was auf die Rettungskräfte und Abschleppunternehmer in Zukunft zukommen könnte, wenn sie auf Unfälle mit Fahrzeugen treffen, in denen die neue Antriebstechnologie verbaut ist.

Nach der Bergung der Verletzten wurde genau auf das Auto geschaut: Da der Frontbereich des Fahrzeugs – wo der Akku des Wagens saß – stark beschädigt wurde, musste das Auto zunächst einmal „freigeschaltet“ werden, wie es von der Feuerwehr heißt. Danach kam schließlich der „Rescue Bag“ zum Einsatz. Alles in allem ein Prozedere, das sich über einige Stunden zog.

Ein Auto mit herkömmlichem Antrieb hätte man schlicht auf einen Abschleppwagen gezogen und abtransportiert, für diese Bergung musste die Autobahn fast die ganze Nacht gesperrt werden. Nicht auszudenken, was sich für ein Stau entwickelt, sollte ein derartiger Unfall im Feierabendverkehr an einem Autobahnkreuz passieren.

Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden

Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden
Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden
Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden
Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden
Schwerer Unfall auf der A44: Hybrid-Auto muss aufwändig geborgen werden

Unfälle mit Hybrid- und E-Autos: giftige Substanzen

Mit einer Wärmebildkamera wird am Unfallort kontrolliert, wie sich die Temperatur im Akku entwickelt. Auch Brände sind auf diese Weise deutlich sichtbar. Problematisch kann es werden, sollte Wasser an die brennende Batterie gelangen, denn dann entstehen umweltschädliche Fluss- und Phosphorsäuren, die ins Grundwasser gelangen können. Das ist gerade in Wasserschutz- und Naturschutzgebieten ein großes Problem, für das es bisher keine entsprechenden Lösungsansätze seitens der Politik gibt.

„Die frühzeitige Rücksprache mit der Unteren Wasserbehörde und dem Umweltamt ist wichtig, um weitere Maßnahmen zu besprechen“, erklärt Hellenkamp.

Unfälle mit Hybrid- und E-Autos: Lagerung an (sehr) sicherem Ort

Nach der Feuerwehr ist das Abschleppunternehmen gefordert, und zwar in zweierlei Hinsicht: Neben dem Abtransport kommt die sichere Lagerung auf die Unternehmen zu. Ein einfaches Abstellen auf dem Schrottplatz scheidet nämlich aus.

Die Anforderungen an einen sicheren Stellplatz für beschädigte Elektroautos sind hoch, da die Sicherheitsvorschriften sehr streng sind. Sollte der Akku beschädigt worden sein, besteht noch mehrere Stunden und Tage nach dem Unfall die Gefahr, dass sich dieser selbst entzündet. Diesen Effekt nennt man „Thermal Runaway“.

Der Abschleppdienst Widliczek mit Sitz in Dortmund und einem Standort in Hamm setzt auf die Lagerung in einem Sicherheitscontainer statt unter freiem Himmel. Das Elektroauto kann mittels eines Krans, der am Abschleppwagen angebracht ist, verladen werden. Sollte es zu einem Feuer kommen, bleibt der Brand auf den Innenraum des Containers begrenzt, da dieser luftdicht ist und auch sehr hohen Temperaturen standhält. Falls es nötig sein sollte, wird dieser Container mit Wasser geflutet. „So lassen sich brennende Batterien kühlen“, erklärt Geschäftsführer Ralf Widliczek. Für das Fahrzeug bedeutet das allerdings Totalschaden. Außerdem muss das Löschwasser grundsätzlich von einer Spezialfirma entsorgt werden, da es mit Säure kontaminiert sein könnte.

Unfälle mit Hybrid- und E-Autos: das ganze Auto verpacken

Eine Firma aus Hamm hat eine andere Lösung parat. Markus Kothen (53), Technischer Leiter der Firma GelKoh GmbH in Bockum-Hövel, Brandschutztechniker und Sachverständiger für Löschwassertechnik, hat in Zusammenarbeit mit dem Bocholter Unternehmen Ibena das „LiBa Rescue“ entwickelt. „Es handelt sich dabei um ein textiles Bergungssystem, das an der Einsatzstelle variabel ausgeklappt wird. Nachdem das havarierte Elektroauto auf die vorgesehene Systemfläche geschoben worden ist, wird es anschließend mit Hilfe von Klettbändern und Reißverschlüssen komplett umhüllt“, erklärt Kothen den Ablauf, der in kürzester Zeit zum Erfolg führen soll – auch wenn das „Verpacken“ ein bisschen dauert.

Das Fahrzeug verpacken: Markus Kothen (links) und Jörg Krüger vertrauen dem „Rescue bag“.

Das System sorgt dafür, dass die Sauerstoffzufuhr abgeschnitten wird und schützt bis zu einem gewissen Grad sogar vor Explosionen. Außerdem ist es so konstruiert, dass die Gase kontrolliert entweichen. Dafür werden Hightech-Materialien wie Aramid verwendet. Das Textil ist hitzebeständig bis 1200 Grad, kurzzeitig sogar bis 2000 Grad und schützt sogar die Umwelt vor auslaufenden Flüssigkeiten und Betriebsstoffen.

Neben einem Unternehmen in Duisburg wird das „LiBa-Rescue“-Bergungssystem in Nordrhein-Westfalen nur noch in Anröchte beim Abschleppdienst Krüger verwendet. Dessen Bergungsleiter Jörg Krüger (36) hatte vor rund vier Wochen ein auf der Autobahn havariertes Elektro-Hybridauto mithilfe dieses Systems verladen und transportiert (siehe Infos weiter oben). „Fünf Tage befand es sich im „LiBa-Rescue“ unter Quarantäne, bevor es für die Begutachtung durch einen Sachverständigen enthüllt worden ist“, erklärt Krüger.

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