Schädlings-Drama in der Backstube

Hosselmanns härteste Prüfung: Der Chef über den zweiten „Lockdown“ des Jahres

Martin Hosselmann, Geschäftsführer der Großbäckerei aus Hamm.
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Martin Hosselmann will Flagge zeigen und die Kunden überzeugen, dass sein Unternehmen trotz des Schädlingsvorfalls beste Bäckerware anbietet.

Martin Hosselmann kann endlich wieder durchpusten: Der Geschäftsführer der gleichnamigen Hammer Großbäckerei hat die wohl härteste Prüfung seiner Berufslaufbahn hinter sich. Härter noch als Corona.

Hamm - Hosselmann ist wieder im Geschäft. Nach vier Tagen Großreinemachen und Volldampfreparieren und einer zweiten Prüfung durch das Hammer Lebensmittelamt beliefert die Großbäckerei seit Dienstagmorgen wieder von Bockum-Hövel aus alle 200 Filialen mit dem kompletten Sortiment.

Martin Hosselmann, 56 Jahre alt und Sohn von Firmengründer Anton (90), ist seit sieben Jahren Geschäftsführer des kleinen Imperiums, das 1962 in Bockum-Hövel als Familienbetrieb startete. Die Firma kennt er in- und auswendig: Vor 35 Jahren wurde er quasi in sie „hineingeboren“. Ein Jahr wie dieses hat er allerdings noch nicht erlebt. Erst kam das Coronavirus und setzte mit seinen dramatischen Folgen Überlebensängste frei – und nun eine Art zweiter „Lockdown“: Wegen eines „akuten Schädlingsproblems“ in den Hallen an der Römerstraße verfügte die Stadt Hamm am späten Donnerstagnachmittag vergangener Woche den Stillstand der kompletten Produktion.

Der Stammsitz der Großbäckerei Hosselmann an der Römerstraße in Bockum-Hövel.

In der Folge blieben am Freitagmorgen alle 200 Filialen unversorgt – allerdings betraf das nicht nur die Ware, sondern auch Informationen: Vielerorts rätselten die Mitarbeiter gemeinsam mit den Kunden über die Situation. Martin Hosselmann bedauert das („Es ist sicherlich nicht alles optimal gelaufen.“) und bittet zugleich um Verständnis: „Es war plötzlich sehr hektisch, wir mussten viel telefonieren, der Zeitdruck war enorm“, erklärt er. Das Ziel sei indes schnell klar gewesen: nämlich am Montag wieder Flagge zeigen zu können. „Das haben wir geschafft.“ Und eine Menge gelernt habe man außerdem.

Hosselmann nach dem Schädlings-Drama: Handwerkerfirmen im Dauereinsatz

Der Weg dorthin trieb nicht nur den Geschäftsführer, sondern auch viele Mitarbeiter und Handwerker an die Grenzen des Machbaren: Auf der einen Seite wurden binnen Stunden acht Handwerksfirmen verschiedenster Gewerke (Elektro, Maurer, Anstreicher...) aus Hamm und der Umgebung aufgetan, die den Laden auch am Wochenende vorzeigbar machen sollten, auf der anderen Seite tat ein Kammerjägerteam seine Arbeit. Beide Vorgänge durften sich natürlich nicht überschneiden, weshalb Hosselmann das zahlenmäßige Ausmaß des Mäuseproblems auch im Nachgang nicht greifbar machen kann. Denn er selbst kümmerte sich mit den Mitarbeitern zeitgleich um das Arbeitsmaterial: „Unter anderem mussten wir alle Geräte auseinander nehmen, alle Backformen und Oberflächen mussten gereinigt und desinfiziert werden.“ Das habe viel Zeit und Energie in Anspruch genommen.

Der Stress ist dem 56-Jährigen anzuhören, wenn er bekennt: „In der Nacht zu Dienstag habe ich keine Minute geschlafen, seit Donnerstag höchstens zwölf Stunden – zusammengerechnet.“ Am Ende war es das aber wert, denn bei allem Wehklagen mischte sich viel Lob in die Stellungnahmen: vom Unternehmen für den eifrigen Einsatz aller Helfer und von der Stadt für das schnelle und konsequente Handeln.

Alles glänzt: Blick in den Produktionsbereich von Hosselmann in Bockum-Hövel.

Hosselmann nach dem Schädlings-Drama: Kernproblem nicht unüblich

Die mögliche Bedrohung durch Schädlinge stellt sich in lebensmittelverarbeitenden Betrieben laufend, das liegt sozusagen in der Natur der Sache und wird bei Hosselmann durch regelmäßiges Monitoring mit einem renommierten Kammerjäger – vorbeugend und bei Bedarf auch handelnd – begleitet. Der jüngste Fall war aber viel gravierender.

Der Grund dafür scheint nicht in einfache Worte fassbar zu sein: Umbauarbeiten an Backöfen könnten zu dem Problem geführt haben, heißt es. „Es ist aber schwierig, Schädlinge wie Mäuse zu fragen: Wie bist du hier herein gekommen?’“, sagt der Firmenchef. Auch die Frage, wer das Ordnungsamt letztlich zur Römerstraße führte, muss offen bleiben. „Darauf zu antworten, hieße wild zu spekulieren“, meint Hosselmann. „Wir wissen nur, dass es eine Anzeige gab, aber nicht von wem.“

Der Einsatz vieler fleißiger Hände hat Hosselmanns heilige Hallen wieder vorzeigbar gemacht.

Hosselmann nach dem Schädlings-Drama: Lerneffekt und Leitlinien

Dass der stark medienwirksame Vorfall neben einem wirtschaftlichen auch einen Imageschaden verursacht hat, liegt für Martin Hosselmann auf der Hand. Er könne das sogar nachvollziehen, sagt er ehrlich. Und weiß: „Wir müssen das jetzt mit noch mehr Engagement und erstklassigen Backwaren wieder ausbügeln.“

Die Grundlagen dafür wurden in Bockum-Hövel am Wochenende mit aller Kraft geschaffen. Und auch wenn die Ware selbst keinen Schaden nahmen, muss es ja auch einen Lerneffekt geben. Die Leitlinien dafür hat Hosselmann mit diesen Worten verkündet: „Die Bäckerei wird die mehrstufigen Eigenkontrollen zukünftig noch engmaschiger durchführen. Außerdem hat ein geprüfter Schädlingsbekämpfer bereits weitergehende Maßnahmen und eine Modernisierung des betriebseigenen Schädlingsmonitorings eingeleitet. Des Weiteren sind verschiedene bauliche Maßnahmen in Vorbereitung, um das Eindringen von Schädlingen aus dem Umfeld zu unterbinden.“

Infos zur Großbäckerei Hosselmann:

Die Firma Anton Hosselmann GmbH & Co. KG gibt es seit 1962. Sie hat ihren Stamm- und Produktionssitz an der Römerstraße 28. Insgesamt werden von dort aus westfalenweit rund 200 Filialen (darunter 20 allein in Hamm) in eigenen Geschäftslokalen oder als Teil von Supermärkten mit Back- und Konditoreiwaren versorgt. Mehr als 1700 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stehen auf der Hosselmann-Gehaltsliste, davon arbeiten rund 200 in den Bockum-Höveler Produktionsbereichen.

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