PORT-Gesundheitszentren

Mangel von Hausärzten: Was das Land NRW jetzt dagegen unternimmt

Immer häufiger finden Hausärzte keinen Nachfolger. In einigen Jahren droht vielerorts eine Unterversorgung. Das Land NRW geht nun dagegen vor.

Hamm - Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, warnte bereits vor drei Jahren vor einer – Zitat – Katastrophe. Nein, die Rede ist nicht von der Corona-Pandemie, sondern vom Hausärzte-Mangel. Wie und wo dieser in NRW in Zukunft spürbar wird, hat kürzlich die Robert-Bosch-Stiftung mit einer Studie gezeigt. Für dieses Problem gibt es aber Lösungen. Eine hört auf die Abkürzung PORT.

LandNordrhein-Westfalen
Fläche34.098 km²
Bevölkerung17,93 Millionen (2019)
HauptstadtDüsseldorf

Mangel von Hausärzten: Was das Land NRW jetzt dagegen unternimmt

Hinter dem Kürzel PORT steht „Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“. Seit 2017 fördert die Robert-Bosch-Stiftung den Aufbau von bundesweit insgesamt 13 PORT-Zentren. In Nordrhein-Westfalen gibt es nur ein solches Zentrum – und zwar in Brüggen, an der Grenze zu den Niederlanden im Kreis Viersen.

Das Hausarztzentrum befindet sich mitten in Brüggen – eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin, deren Ursprung über 80 Jahre zurückliegt. Seit dem Jahr 2000 wurde die Praxis konsequent zu einem Gesundheitszentrum weiterentwickelt, in dem nichtärztliche und ärztliche Heilberufe gemeinsam Patienten versorgen. Zudem wurde im nahegelegenen Schwalmtal ein Medizinisches Versorgungszentrum als übergeordnete Einheit mit mehreren Standorten gegründet. „Das Zentrum ist auf einem guten Weg und erfüllt bereits viele Anforderungen, die ein Gesundheitszentrum nach dem PORT-Konzept auszeichnet“, sagt Cordula Hoffmanns von der Bosch-Stiftung.

An mehreren Standorten sind acht Ärzte mit Spezialisierungen für die allgemeinmedizinische Versorgung und 39 weitere Mitarbeiter beschäftigt. Das Hausarztzentrum deckt folgende Bereiche ab: Palliativmedizin, Diabetologie, Wundmanagement, kleine Chirurgie, Ernährungsmedizin, Präventionsmedizin, Geriatrie.

Hausärzte-Mangel in NRW: Versorgung von chronisch Kranken ist die größte Herausforderung

Knapp 40 Prozent der 8000 Patienten pro Quartal sind über 60 Jahre. Von diesen wiederum sind mehr als 1000 Patienten über 80. Die Versorgung dieser oft chronisch Kranken ist die größte Herausforderung für die künftige Arbeit. Ob Angina, Grippe oder jede andere akute oder chronische Erkrankung – im PORT Brüggen soll jeder Patient Hilfe finden. Das ist der Anspruch.

Aktuell dreht sich auch in Brüggen fast alles ums Impfen gegen Corona. Bislang wurden im Zentrum mehr als 13 000 Impfungen durchgeführt. „Wir werden sicherlich auf 20 000 Impfungen in der Saison kommen. Auch das ist eine interessante Zahl um zu sehen, wie leistungsfähig solche Zentren im Vergleich zu klassischen Hausarztpraxen sein können“, sagt Allgemeinmediziner Dr. Johann Heinrich Arens.

Ein Standbein in Brüggen ist der Einsatz von E-Health-Instrumenten. So wurde eine eigene App entwickelt, um Rezepte zu bestellen. Darüber sind auch alle für den Patienten relevanten Dokumente aus dem Verwaltungssystem abrufbar, zum Beispiel der Medikationsplan. Geplant ist der Einsatz eines elektronischen Anamnesebogens, welchen die Patienten per SMS, E-Mail oder in der Praxis direkt per QR-Code auf ihr Gerät erhalten, um vor der Konsultation des Arztes das Krankheitsbild genauer zu beschreiben und damit eine gezieltere und schnellere Behandlung zu erreichen.

Düstere Prognose: Stiftung rechnet 2035 mit 11.000 unterbesetzen Hausarztstellen

2035 werden laut Bosch-Stiftung in Deutschland rund 11 000 Hausarztstellen unbesetzt sein, fast 40 Prozent der Landkreise werden unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht sein. Für die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ist das nicht neu. „Dass die hausärztliche Versorgung, vor allem im ländlichen Raum, in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen wird, ist unstrittig“, sagt KVWL-Sprecherin Vanessa Pudlo, die sich jüngst auch zum digitalen Impfass bei Hausärzten äußerte. Noch immer würden sich zu wenig junge Mediziner für die Allgemeinmedizin und für eine Niederlassung entscheiden. Die KVWL sei deswegen bereits seit 2014 aktiv in der Nachwuchswerbung tätig.

Eine Maßnahme der KVWL ist das Förderverzeichnis. Dahinter verbirgt sich eine Art Frühwarnsystem, mit dem die KVWL aufzeigen kann, in welchen Gemeinden sich in naher Zukunft Probleme bei der ärztlichen Versorgung entwickeln könnten. Wichtige Indikatoren dafür sind die Altersstruktur und der Versorgungsgrad der Mediziner vor Ort. Aktuell listet das Verzeichnis unter anderem Bergkamen (die Ortsteile Mitte, Oberaden und Weddinghofen), Lüdenscheid, Neuenrade, Plettenberg (alle Hausärzte) und Werdohl (Hausärzte und Kinderärzte) auf.

Ärzte, die sich in den auf dem Förderverzeichnis geführten Städten und Gemeinden niederlassen möchten, können beim Vorstand der KVWL einen Antrag auf besondere Unterstützungsmaßnahmen stellen. Hierzu zählen beispielsweise die Übernahme von Umzugs- und Einrichtungskosten und die Gewährung von Darlehen zum Praxisaufbau oder zur Praxisübernahme. „Durch die ergriffenen Maßnahmen ist es nachweislich gelungen, die Versorgungssituation in verschiedenen Städten und Gemeinden in Westfalen-Lippe zu verbessern“, so Pudlo. Im Frühjahr 2021 habe der KVWL-Vorstand die 210. Förderung über das Förderverzeichnis genehmigt.

Mangel an Hazsärzten: Auch Kommunen sind aktiv

Aber auch die Kommunen sind aktiv. Im Kreis Soest hilft als „Arzt-Lotse“ die Wirtschaftsförderung angehenden Hausärzten unter anderem bei der Fördermittelbeantragung und dem bürokratischen Ablauf der Niederlassung. Seit 2017 wurden so bereits 19 Hausärzte begleitet.

Der Handlungsbedarf ist jedenfalls groß. Aktuell sind rund 40 Prozent der Hausärzte in Westfalen-Lippe 60 Jahre oder älter. Eine Prognose, wie viele von ihnen in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen werden, sei allerdings schwierig, so KVWL-Sprecherin Pudlo, da es keine Altersgrenze für Ärzte gebe. Gesundheitsminister Laumann prognostizierte allerdings schon 2018: „In den nächsten zehn Jahren wird voraussichtlich jeder zweite der heute in NRW niedergelassenen Hausärzte in Rente gehen.“ Und schon heute findet längst nicht mehr jeder Patient einen Hausarzt.

Rubriklistenbild: © Moritz Frankenberg/dpa

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