Corona im MK

„Der Großteil der Kunden ist böse“ - Drogerie-Mitarbeiterin redet offen über den Kampf ums Klopapier

„Was Angst aus Menschen macht“, wundert sich Dagmar Wagner. Die Drogerie-Mitarbeiterin erzählt von ihren Erlebnissen in Corona-Zeiten und der Aggressivität der Hamsterkäufer.

Lüdenscheid/Halver - Sie will nicht jammern. Das betont Dagmar Wagner mehrmals. Aber sie ist auch ehrlich und erzählt ihre Geschichte, die sie als Mitarbeiterin in einer Drogerie in Lüdenscheid seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie erlebt hat. Und eigentlich fing es schon an, bevor es zum ersten Lockdown kam. „Und jetzt geht es wieder los.“

StadtLüdenscheid
KreisMärkischer Kreis
Einwohner72.313 (Stand: 31. Dez. 2019)
BürgermeisterSebastian Wagemeyer

Seit zehn Jahren arbeitet die 47-jährige Halveranerin in einer Drogerie-Filiale in Lüdenscheid. Eigentlich macht sie den Job gerne. Aber seit Februar ist es ein anderes Arbeiten geworden. „Irgendwann schrieb mir eine Kollegin: ,Daggi, du glaubst nicht, was hier los ist.’“ Völlig ahnungslos fuhr sie zur Arbeit, um zu helfen. Als sie ankam, war der Parkplatz so voll wie nie zuvor, und die Menschen standen kreuz und quer vor der Drogerie, erinnert sie sich. In den Einkaufswagen, auf dem Kassenband, in den Kofferräumen: Toilettenpapier. Fünf Maxi-Pakete gestapelt an der Kasse. „Was ist hier nur los?“, hat sie gedacht. Ein Lockdown war noch kein Thema, aber die Nachrichten aus dem Ausland lösten Panik aus, vermutet Wagner.

Kampf ums Klopapier: Leere Regale wegen Corona - Hamsterkäufer werden aggressiv

Kurze Zeit später wurde auch das Lebensmittel-Regal in der Drogerie leer. Nudeln, Trockenhefe, alles weg. Dass das so nicht weitergehen kann, weil die Vorräte sonst binnen weniger Tage leer wären, merkte man schnell. Abgabemengen wurden limitiert. Ein Paket Toilettenpapier pro Haushalt. Man dachte, jetzt wird alles etwas ruhiger. Aber dann ging es erst richtig los. „Der Großteil der Kunden war böse“, sagt Dagmar Wagner. Eigentlich ist im Einzelhandel die Weihnachtszeit die stressigste. Aber die Corona-Pandemie toppt alles.

Mit der Masken- und Einkaufswagenpflicht wurde es ein Spagat. Kassierer hatten auch ein Auge auf den Eingang und wiesen Kunden auf die Regeln hin. Die jedoch fingen vermehrt an, die Mitarbeiter zu beschimpfen. Der Chefin wurde ein Maxi-Paket Klopapier von einem Kunden an den Kopf geschmissen, weil der Kunde mehrere kaufen wollte. Dagmar Wagner bekam eine Packung Batterien ab. Ihre Kollegin wurde als „Nazi-Schwein“ beschimpft. Immer wieder ähnliche Sprüche, in Dauerschleife. „Sie haben gut reden, Sie sitzen ja an der Quelle.“ Aber auch die Mitarbeiter durften nur Klopapier kaufen, wenn sie keines mehr hatten. Anders als bei Kunden, wusste das Team, wer wann Klopapier gekauft hat.

Kampf ums Klopapier: Kunden tricksen die Drogerie-Verkäufer aus

Dagmar Wagner arbeitet zwar in einer Drogerie, hat aber entgegen der Vermutungen vieler Kunden, kein Klopapier in Massen zuhause.

Bei den Kunden wissen die Verkäufer das nicht. Und das nutzten die Kunden aus. Ehepaare stellten sich an unterschiedlichen Kassen an. „Und am Ende kam alles in einen Kofferraum.“ Darauf angesprochen, hieß es von den Kunden: „Wir wohnen nicht in einem Haushalt, woher wollen Sie das denn wissen?“ Streit um Klopapier, Desinfektions- und Putzmittel. Dagmar Wagner und ihre Kollegen konfrontieren die Kunden: „Hilft es Ihnen, mich so zu behandeln? Ich bin nicht schuld an Corona.“ Die Mitarbeiter machen nur ihre Pflicht, betonen sie immer wieder. Es ging sogar so weit, dass Kunden Hausverbot bekommen haben.

Trotz Limit stapelten sich an den Kassen weiter Toiletten-, Küchenpapier & Co. – weil es den Kunden abgenommen wurde. Eine Mitarbeiterin war dafür zuständig, die Berge die entstanden, wieder ins Regal zu bringen. Einfacher wurde es mit einem Türsteher. „Wir hatten Angst, arbeiten zu gehen.“ Zeit, um Angst vor Corona zu haben, hatten sie nicht. Aber das Team hielt zusammen und motivierte sich gegenseitig. „Wir schaffen das.“ Die Kunden meinen das nicht persönlich, haben nur Angst und sind verzweifelt, reden sich die Mitarbeiter immer wieder ein. Und sie bleiben positiv und sagen, dass sie froh sind, noch arbeiten zu können. „Anderen geht es schlechter.“

Der Großteil der Kunden ist böse.

Dagmar Wagner Drogistin

„Als wären wir immun“ - trotz Corona-Lockdown halten Kunden keinen Abstand

Den Lockdown selbst hat Dagmar Wagner nicht als solchen wahrgenommen. Sie war arbeiten und immer dem Stress ausgesetzt, begegnete in ihren Schichten unzähligen Menschen. Und oft halten sie bis heute keinen ausreichenden Abstand zu den Mitarbeitern. „Als wären wir immun.“ Die Extreme werden an einem Beispiel an der Kasse deutlich. Bei der Wechselgeldübergabe gibt es Kunden, die sagen: „Berühren Sie mich bloß nicht“ und eben die, die sagen: „Können Sie mir das Geld nicht in die Hand geben?“

Können die Kunden noch in den Spiegel gucken? Alles dreht sich nur ums Toilettenpapier. Warum, das fragt sich auch die Mitarbeiterin einer Drogeriekette: Dagmar Wagner aus Halver.

Dagmar Wagner wundert sich: „Was Angst aus Menschen macht.“ Aber es gibt auch die anderen Kunden. Die, die an die Mitarbeiter denken. „Unser Tisch im Aufenthaltsraum war voll.“ Mit Blumen und Schokolade. „Sie brauchen die Nervennahrung“, sagten die Kunden und bedankten sich. Es waren nicht viele im Vergleich, aber „sie entschädigten für alles“.

So viel Toilettenpapier brauchen Sie

Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche in seinem Leben 3651 Rollen Toilettenpapier. Das entspricht 15 Kilogramm pro Jahr. Pro Jahr verbraucht jeder Deutsche einer Studie des Industrieverbands für Körperpflege und Waschmittel zufolge 46 Rollen. Wer es ganz genau wissen will: Durchschnittlich benutzt man im Mittel 57 Blätter pro Person. Jährlich entstehen dabei rund 20 000 Blätter Toilettenpapier als Verbrauch pro Person. Legt man alle Blätter und Rollen aneinander, so entsteht für jeden Deutschen schon während eines Jahres eine Strecke von mehr als einem Kilometer. Die Deutschen verbrauchen somit insgesamt rund drei Milliarden Tonnen Toilettenpapier pro Jahr.

Im Internet gibt es unter www.reichtmeinklopapier.de einen Rechner, der angibt, wie lange das Klopapier noch reicht. Hier einige Rechenbeispiele:

Haushalt mit drei/vier Personen
Acht Rollen Klopapier sind noch auf Vorrat: Im Haushalt leben drei Personen, die durchschnittlich sechsmal zur Toilette gehen. Mit acht Rollen kommt eine Familie sieben Tage aus. Sind es vier Personen, reicht der Vorrat fünf Tage.
Nur noch eine Rolle zuhause: Im Haushalt leben drei Personen, die durchschnittlich sechsmal zur Toilette gehen. Selbst dann reicht die Rolle noch einen Tag. Auch bei vier Personen.

Singlehaushalt
Im Haushalt lebt eine Person, die durchschnittlich sechsmal zur Toilette geht. Acht Rollen reichen 20 Tage.
Nur noch eine Rolle zuhause: Lebt man alleine, reicht eine Rolle noch acht Tage.

Die Hamsterkäufe fangen wieder an - dabei gibt es ausreichend Klopapier

Im Sommer war es ruhiger. Auch wenn trotzdem fast jeder Kunde Toilettenpapier gekauft hat. Das Team dachte, die Kunden haben jetzt erst einmal genug – aber die Hamsterkäufe fing es wieder an. Eine Kollegin sagte: „Ich muss mich kurz mal setzen gehen.“ Aber auch jetzt wird das Team zusammenhalten. Ihr Appell ist klar: „Es gibt genügend Toilettenpapier.“ Die Kunden, die sich schlecht verhalten haben, vergisst Dagmar Wagner nicht. Trotzdem will das Team für die Kunden da bleiben. Aber jeder sollte sich noch im Spiegel ansehen können. Und den Mitarbeitern nach der Pandemie in die Augen.

Rubriklistenbild: © Sarah Lorencic

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