Nach "Routineeingriff" querschnittsgelähmt

Drama nach Rücken-OP - Gehen Finanzen vor Gesundheit?

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Ein Zwicken im Rücken, Schmerzen beim Gehen oder Sitzen – ab wann ist ein operativer Eingriff wirklich nötig, wenn etwa die Bandscheibe betroffen ist?

Krankenhäuser müssen Geld verdienen, und das geht besonders gut mit planbaren und hoch vergüteten Operationen. Doch ob die Eingriffe immer nötig sind? Dieser Fall aus Hamm wird nicht nur notorische Zweifler ins Grübeln bringen. 480.000 Euro muss das St.-Marien-Hospital an dessen Ende an eine Patientin zahlen.

  • Nach einem Routineeingriff an der Bandscheibe bleibt eine Patientin querschnittsgelähmt.
  • Krankenhaus zahlt nach mehrjährigem Prozess 480.000 Euro Schadensersatz.
  • Vorgang zieht keine personellen Konsequenzen nach sich.

Hamm – Das Leben, wie es Marion D. (Name von der Redaktion geändert) kannte, war am 7. Dezember 2015 vorbei. Morgens um 9 Uhr war die damals 38-jährige Hammerin an der Nassauer Straße in einen der Operationssäle geschoben worden, einige Stunden später sollte sie querschnittsgelähmt sein.

„Keine Sorge, das kriegen wir schon hin. Das ist ein Routineeingriff“, hatten ihr die Ärzte des Marienhospitals vor jenem verhängnisvollen Montag versichert. Ein Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich war von ihnen 14 Tage zuvor diagnostiziert und eine rasche Operation empfohlen worden. „Die hatten eigentlich gewollt, dass ich sofort unters Messer komme. Aber dann war an dem Tag doch kein Bett mehr für mich frei“, erinnert sich die Hammerin an ihren Besuch der orthopädischen Sprechstunde des Hospitals.

Seit eineinhalb Jahren hatte sie nicht mehr richtig sitzen können und Probleme gehabt, wenn sie von einem Stuhl aufgestanden war. „Ich hatte Schmerzen im Bein, aber die waren nicht unerträglich und meist schnell vorüber. Danach konnte ich wieder kilometerweit laufen“, so die Hammerin.

Drama nach Rücken-OP: Orthopäde veranlasst MRT

Ihr Orthopäde vermutete im Jahr 2014 ein ISG-Syndrom (ISG = Iliosakralgelenk) oder ein Ischiasleiden. Einen Bandscheibenvorfall schloss er zunächst aus. Erst als seine Therapien nicht anschlugen, veranlasste er eine Magnetresonanztomographie (MRT). „Und danach ging alles ganz schnell“, so Marion D.

Ihre OP dauerte am Ende eine Stunde und 20 Minuten, was deutlich länger als geplant war. Als Marion D. gegen 13.30 Uhr aus der Narkose erwachte, spürte sie ihren Unterleib und ein Bein nicht mehr. Sie machte die Schwestern darauf aufmerksam, doch die erkannten den Ernst der Lage nicht. „Keine Sorge, das sind die Nachwirkungen der Narkose“, sagten sie und dass der Arzt ebenfalls noch einmal draufgeschaut habe. „Der Doktor war da, alles in Ordnung.“ So vermerkte es Marion D. später jedenfalls in einem Gedächtnisprotokoll.

Am nächsten Tag waren die Beschwerden immer noch da. Bei der nun anstehenden Chefarzt-Visite machte Marion D. wieder darauf aufmerksam, und dieses Mal wurden die Mediziner tatsächlich hellhörig. Eine Notoperation wurde umgehend veranlasst, doch die kam zu spät. Bei der ersten OP, so erzählt Marion D., war ein Nerv in ihrem Rücken beschädigt worden. „Wäre innerhalb von sechs bis acht Stunden reagiert worden, wäre dieser noch zu retten gewesen. 30 Stunden danach war der Nerv jedoch tot.“

Drama nach Routineeingriff: "Diese Operation war unnötig“

Es dauerte, bis die Befürchtung zur Gewissheit wurde. Marion D. ließ in den nächsten Wochen und Monaten nichts unversucht, um wieder Gefühl in ihren Unterleib zu bekommen. Rehas, Physio -Therapien und diverse Kuren: Nichts schlug an.

Parallel tat Marion D. das, was die meisten in ihrer Situation tun würden: Sie las alles, was sie zu dem bei ihr diagnostizierten Cauda-equina-Syndrom und zuBandscheiben-Operationen finden konnte – egal, ob in medizinischen Fachbüchern, Zeitungen oder Internet-Blogs. Ihre Erkenntnis heute: „Niemals hätte ich mich auf die Ärzte in Hamm einlassen dürfen. Diese Operation war unnötig. Meine Beschwerden hätten auch konservativ behandelt werden können.“

Marion D. glaubt: "Diese Operation war unnötig." (Symbolbild)

Querschnittsgelähmt nach Routine-Op: Kein Urteil, sondern ein Vergleich

Das hat die inzwischen 43-jährige Hammerin auch schriftlich, und zwar von der 12. Zivilkammer des Dortmunder Landgerichts. Im Frühjahr 2017 hatte sie sich an Mirko Koch, einen Rechtsanwalt für Medizinrecht aus Unna, gewandt und diesen beauftragt, das Marienhospital für sie in Regress zu nehmen. Knapp drei Jahre dauerte das Verfahren, das im Januar 2020 nicht mit einem Urteil, sondern einem Vergleich endete. 480.000 Euro hat das Marienhospital – beziehungsweise die Haftpflichtversicherung – an die Patientin an Schadensersatz zu zahlen und hat dies bereits getan.

Die 12. Zivilkammer hatte diese Summe für den Vergleichsfall errechnet. Bei einem Urteil hätte sie eventuell noch höher ausfallen können.

Drama nach Rücken-OP - Nicht der Eingriff selbst wird gerügt

Bemerkenswert an den richterlichen Feststellungen ist, dass eben nicht der operative Eingriff an sich beziehungsweise die Nachbehandlung auf der Station gerügt wurde. Der vom Gericht eingesetzte Gutachter kam vielmehr zu dem Ergebnis, dass die Lähmung (Cauda-Syndrom) theoretisch auch bei einer korrekt ausgeführten Operation hätte auftreten können. Das Gegenteil zu beweisen wäre die Aufgabe von Marion D. und ihrem Anwalt gewesen – ein Ding der Unmöglichkeit.

Das vor einigen Jahren vom Bundesgerichtshof (BGH) geschaffene Instrument der Beweislastumkehr bei besonders gravierenden Operationspannen – die Klinik muss dann beweisen, dass ihre Ärzte alles richtig gemacht haben – kam in ihrem Fall nicht zum Tragen. Ein „grober Behandlungsfehler“ hätte dafür vorliegen müssen, was der BGH mit einem Fehlverhalten beschreibt, „das schlechterdings nicht unterlaufen darf“. Für Marion D. ist bis heute nicht zu verstehen, dass dies hier nicht der Fall gewesen sein soll.

Drama nach Rücken-OP: Landgericht erkennt Gründe für Schadensersatz

Dass das Gericht die Patientin dennoch in erheblichem Maße schadensersatzberechtigt sah, liegt daran, dass sie nach Auffassung des Sachverständigen und auch der Zivilkammer vor der OP nicht hinreichend über Behandlungsalternativen aufgeklärt wurde.

Zwar spricht das Gericht in ihrem Fall von einem „sehr, sehr großen Bandscheibenvorfall“, dennoch müssten die Krankenhausärzte in dieser Situation mit dem Patienten genau besprechen, ob eine Fortsetzung der konservativen Therapie oder eine Operation gewünscht sei. Der Arzt müsse auch sagen, dass für eine Operation keine große Dringlichkeit bestanden habe. Ebenso hätte er darauf hinweisen müssen, dass auch nach einer Operation das Risiko eines erneuten Bandscheibenvorfalls bestehen bleibe (Wahrscheinlichkeit 8 Prozent) und dass der menschliche Körper dazu in der Lage sei, einen Bandscheibenvorfall von sich abzubauen.

Drama nach Routineeingriff: Operation rechtswidrig

All dies ist im Fall von Marion D. nach Auffassung des Gerichts nicht geschehen. Besonders verhängnisvoll: Das Krankenhaus konnte keinen von der Patientin unterschriebenen Aufklärungsbogen vorlegen. Dass das Dokument später verschütt ging, scheint unwahrscheinlich. Nach Aussage der Patientin hatte sie ein solches nie zu sehen bekommen, geschweige denn unterschrieben. Das Gericht deutet in dem 30-seitigen Vergleichsbeschluss unmissverständlich an, dass die Operation rechtswidrig gewesen sein dürfte.

„Erschreckend aufschlussreich war in dem Verfahren die Schilderung der Stationsärztin, die geschildert hat, dass bei Bandscheibenvorfällen ab einer gewissen Stufe grundsätzlich operiert wird. Genau das darf eigentlich nicht sein! Dieses dürfte im betroffenen Krankenhaus eine Organisationsfrage stellen“, sagt Rechtsanwalt Koch im Nachhinein.

Querschnitssgelähmt nach Rücken-OP: Anwalt sieht grundsätzliche Bedeutung

Der Anwalt misst dem Fall darüber hinaus auch grundsätzliche Bedeutung bei. Das Gericht habe schließlich festgestellt, dass es für einen Arzt nicht allein damit getan sei, eine Behandlung korrekt durchzuführen. „Hauptpflicht des Arztes ist zunächst einmal, eine ordnungsgemäße Aufklärung hinsichtlich der medizinischen Möglichkeiten und Risiken vorzunehmen. Der Grund für diese Hauptpflicht ist das verfassungsrechtlich geschützte Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen. Kein Mensch sollte zum bloßen Objekt einer ärztlichen Behandlung werden, sondern selbst frei entscheiden, was mit seinem Körper geschieht oder eben auch nicht.“

Drama nach Routineeingriff: Anwalt sieht gute Chancen für weitere Fälle

Mirko Koch sieht nun auch für weitere Fälle gute Chancen, dass sich Patienten gegen die üblicherweise gegebene rechtliche Übermacht der Krankenhäuser behaupten können. Er vertritt unter anderem einen weiteren Patienten, dem ebenfalls im Marienhospital ein ganz ähnliches Schicksal widerfahren ist. Derselbe Operateur und ein fast identischer Verlauf: Auch in diesem Fall sollen nach der Operation Beschwerden nicht ernstgenommen worden und ein beschädigter Nerv abgestorben sein.

Auch hier geht es um eine sechsstellige Schadensersatzforderung. Die Operation fand bereits im Jahr 2012 statt. Laut Rechtsanwalt Koch liegt inzwischen ein Sachverständigengutachten vor. Er warte derzeit auf Post vom Gericht mit dem Terminvorschlag für eine mündliche Verhandlung.

Bertelsmann-Studie nennt Hamm „Hauptstadt der Rücken-OPs“

Es passt ins Bild, dass die Bertelmanns -Stiftungim Jahr 2017 eine Studie veröffentlichte, in der Hamm als „Hauptstadt der Rücken-OPs“ herausgestellt wurde. Untersucht worden waren die Jahre 2014 und 2015 mit dem Ergebnis, dass in Hamm deutlich häufiger operative Eingriffe an der Wirbelsäule vorgenommen werden als anderswo in Nordrhein-Westfalen. (Klicken Sie sich hier in unseren Bericht vom Juni 2017.)

Hier im Marienhospital wurde die Frau aus unserem Bericht operiert.

Drama nach Rücken-OP: Das sagt das Marienhospital:

„Wir bedauern es sehr, dass unsere Patientin Komplikationen aus der Operation im Dezember 2015 davongetragen hat und drücken ihr unser ehrliches Mitgefühl aus.“ So beginnt die Stellungnahme des Marienhospitals zu dem geschlossenen Vergleich. Es habe sich von vornherein um einen schwierigen Eingriff gehandelt, und der Gutachter habe bestätigt, dass die Störungen nicht notwendig durch die Operation verursacht worden seien und auch bei korrekt ausgeführter Operation schicksalhaft hätten eintreten können. „Es trifft uns dennoch, dass wir die Patientin nicht geheilt entlassen konnten.“

Personelle Konsequenzen wurden in der Klinik nicht gezogen. Auch die Praxis, ob und wann Operationen durchgeführt werden, wurde nicht auf den Prüfstand gestellt. Jedenfalls ist davon in dem Presse-Statement nicht die Rede. Das Marienhospital zieht sich auf den Standpunkt zurück, dass der Beschluss des Gerichts auf der Tatsache beruhe, dass die schriftliche Dokumentation der Aufklärung nicht vorgelegt werden konnte.

„Unter anderem auf Grundlage dieses Sachverhaltes haben wir die Dokumentationsrichtlinien noch einmal überprüft und verfahren wie folgt: Wir arbeiten nach dem 6-Augen-Prinzip und stoppen Vorgänge, wenn nicht alle notwendigen Dokumente komplett vorliegen und die Vorbereitungen wie zum Beispiel die deutlich sichtbare Kennzeichnung des OP-Gebietes nicht mehrfach gecheckt vorhanden sind“, teilt die Klinik mit. Bereits auf der Station, ein weiteres Mal noch vor der Umlagerung auf das OP-Bett, werde all das penibel von Pflegekräften der Stationen und der Anästhesiepflege geprüft und mit Handzeichen bestätigt.

Zu guter Letzt sei es der diensthabende Anästhesist, der vor Einleitung der Narkose ein drittes Mal alles durchgehe – während der Patient noch wach sei. „Käme es hier zu Zweifeln, würde der Eingriff verschoben, bis alles geklärt ist, und der Patient käme zurück auf die Station.“ Das alles gelte für geplante Eingriffe, die nicht notfallmäßig geschehen.

Hinweis der Redaktion:

Der hier vorliegende Bericht ist in der Printausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 25. Juli auf einer Doppelseite noch ausführlicher abgedruckt. Zudem finden Sie dort weitere Informationen rund um den Fall.

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