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Amoklauf in Hamm: Täter stach wahllos auf Opfer ein - Studenten überwältigen ihn

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Von: Jens Greinke

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Nach dem Amoklauf an der Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL) haben die Ermittler grausame Details der Tat veröffentlicht. Studenten verhinderten wohl noch Schlimmeres.

Hamm/Dortmund - Dem beherzten Eingreifen mehrerer Studierender ist es zu verdanken, dass die Amoktat an der Hochschule Hamm-Lippstadt nicht noch weitere Opfer gefordert hat. Mit vereinten Kräfte hatten diese den Täter überwältigt, nachdem er vier Menschen niedergestochen hatte. Der 34-jährige Student hatte unter Wahnvorstellungen gelitten – und sitzt mittlerweile in der Psychiatrie. Eines der Opfer ist am späten Samstagnachmittag im Krankenhaus gestorben.

StadtHamm
Fläche226,3 km²
Bevölkerung179.111 (2019)

Amoklauf in Hamm: Täter stach wahllos auf Opfer ein - Studenten überwältigen ihn

Die Szenen, die sich vor und im Hörsaal der Hochschule Hamm-Lippe (HSHL) abgespielt haben, klingen auch in der etwas technokratischen Beamtensprache unbegreiflich. Als der Dortmunder Staatsanwalt Henner Kruse die verhängnisvollen sechs Minuten am Freitagnachmittag in einer Art Tatprotokoll recht detailliert beschreibt, ist bei den Zuhörern Fassungslosigkeit und tiefe Betroffenheit die erste Reaktion – selbst bei so erfahrenen Polizeibeamten wie Thomas Kubera, dem Polizeipräsidenten von Hamm, oder Robert Hermann, dem Leiter der laufenden Ermittlungen, die bei dieser Pressekonferenz ebenfalls vor den Mikrofonen sitzen.

Die Amoktat des 34-jährigen Mannes, der am Freitag in der Hochschule Hamm-Lippstadt vier Menschen niederstach und teilweise schwer verletzte, lässt einem auch mit dem Abstand von vielen Stunden weiter das Blut in den Adern gefrieren. Der Mann, der nach Angaben der Ermittler unter Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten leidet, hatte am Freitagnachmittag kurz vor 15.30 Uhr begonnen, wahllos auf Personen einzustechen. „Es handelt sich um Zufallsopfer“, sagt Kruse.

PK im Polizeipräsidium Dortmund
Amoklauf an der HSHL in Hamm: Polizei und Staatsanwaltschaft nannten in Dortmund Details zum Täter. © Jens Greinke/wa.de

Mit zwei Küchenmessern bewaffnet, die er offenbar erst kurz vor der Tat gekauft hatte, habe der Mann, der selbst seit mehreren Jahren Student an der HSHL ist, das Foyer der Hochschule betreten. Erstes Opfer war eine 22-jährige Studentin, die nichts ahnend im Foyer saß. Sie erlitt Schnittverletzungen im Bereich der Halsschlagader, die offenbar nur deshalb nicht lebensbedrohlich waren, weil der Täter noch nicht die Schutzhülle vom Messer genommen hatte. Unmittelbar danach wandte sich der Amoktäter einem 22-jährigen Studenten zu, der nur aufgrund einer Ausweichbewegung schwerere Halsverletzungen abwenden konnte. Im Anschluss stach er einer 22-jährigen Frau achtmal in den Bauch. Sie erlitt schwere innere Verletzungen, die nicht lebensgefährlich waren.

Amoklauf in Hamm: Opfer in Lebensgefahr - „Ärzte haben keine Hoffnung mehr“

Schließlich sei der Täter nach Angaben von Kruse in den benachbarten Hörsaal gestürmt und habe eine 30-jährige Lehrbeauftragte mit den Worten „Jetzt bist du dran, jetzt ist aber Schluss“ attackiert. Die Frau, die aus Essen stammt und einen Zweitwohnsitz in der Nähe von Hamm hat, erlitt schwerste Verletzungen in der Brust. „Es sieht im Moment so aus, dass sie es nicht schafft. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr“, sagte Kruse am Samstag. Am Sonntagmorgen teilte die Staatsanwaltschaft dann auf WA-Anfrage mit, dass die Frau am Samstagabend im Krankenhaus gestorben ist.

Mit großem Mut und sehr geistesgegenwärtig hätten dann andere Studierende den Täter überwältigt und am Boden fixiert. „Es war eine tumultartige Gemengelage“, beschreibt Robert Hermann, der Leiter der laufenden Ermittlungen, diesen Moment: „Jeder, der ihn packen konnte, hat versucht, ihn zu Boden zu zerren.“ Nur so hätten weitere Opfer verhindert werden können. Der Einsatz der Studierenden sei nicht selbstverständlich gewesen, da sie sich selbst in große Gefahr begeben hätten. Um 15.35 Uhr, also bereits rund sechs Minuten nach der ersten Attacke, war der Mann von Einsatzkräften der Polizei festgenommen worden. Bei der Verhaftung habe der Mann laut Kruse gesagt, „man solle ihn erschießen“.

Messer-Attacke an der HSHL in Hamm
Die Polizei rückte nach dem Amoklauf in der HSHL in Hamm mit vielen Beamten, darunter auch Spezialkräften, an. © Andreas Rother/wa.de

Am Samstag räumte der unter Wahnvorstellungen leidende 34-Jährige die Taten vor dem Haftrichter ein. „Er hat die Studierenden für Mitglieder einer Gruppe erachtet, die ihm nach dem Leben trachtet“, so Kruse. Ein kurzfristig anberaumtes psychiatrisches Gutachten habe laut Kruse ergeben, „dass der Täter nach wie vor psychotisch ist“. Erst zwei Tage zuvor habe er einen Suizidversuch unternommen und sei danach in eine psychiatrische Klinik gekommen. Aus dieser habe er sich aber am Freitagmittag, wenige Stunden vor der Tat, selbst entlassen. Die Ermittler gehen nach dem Gutachten davon aus, dass der Student bei der Tat schuldunfähig oder vermindert schuldfähig war. Der 34-Jährige wurde am Samstag in die Psychiatrie eingewiesen.

Hamm: Amokläufer polizeibekannt - keine Gründe für Zwangseinweisung

Der als einzelgängerisch geltende Langzeitstudent, der für Psychologie eingeschrieben war, war polizeibekannt. „Er ist Anfang April auf unsere Wache gekommen, um Anzeige zu erstatten, weil er sich verfolgt fühlte“, sagt Hamms Polizeipräsident Thomas Kubera. Es habe danach auch eine Gefährdungsbewertung gegeben, bei der allerdings ausgeschlossen worden sei, dass der Mann sich selbst oder andere gefährden könnte. Auch außerhalb von Hamm habe sich der Mann an Polizeidienststellen gewandt. Trotz der ganzen Reihe von Hinweisen im Vorfeld der Tat sah Thomas Kubera keinen Anhaltspunkt, „der zu einer Zwangseinweisung hätte führen müssen“. Dies sei auch für die Polizei kein einmaliger Fall gewesen. „Wir haben häufig mit Personen zu tun, die unter Wahnvorstellungen leiden“, so Kubera.

Bei der Durchsuchung des Appartements des 34-Jährigen im benachbarten Studentenwohnheim seien Psychopharmaka gefunden worden. Seine Laptops und Handys würden nun ausgewertet. Der Hammer Polizeipräsident Kubera sprach sein Mitgefühl an alle aus, „die involviert waren“. Während des Geschehens seien über 100 Personen am Tatort gewesen, die schnell psychologische Hilfe erhalten hätten. Rund 30 Notfallseelsorger seien am Freitag vor Ort gewesen, in der Spitze seien 100 Personen betreut worden.

Der große Personaleinsatz wurde von den Ermittlern mit der vorliegenden „Amoklage“ begründet. Insgesamt seien am Freitag über 400 Einsatzkräfte vor Ort gewesen, darunter viele Beamte des Spezialeinsatzkommandos. „Wir wussten nichts über die Motivlage und ob noch weitere Täter vor Ort sind“, erläutert Polizeiführer Achim Stankowitz. Man habe Durchsuchungsmaßnahmen eingeleitet. „Die Hochschule ist ein großer Gebäudekomplex. Wir haben da in jede Ecke geschaut, das hat seine Zeit gedauert“, so Stankowitz weiter.

Die Hochschule Hamm-Lippstadt sagte den Lehrbetrieb an ihrem Standort in Hamm für diesen Montag ab. Der Campus werde aber für die Studierenden „als Ort zum Austauschen und Innehalten“ geöffnet sein, hieß vonseiten der Hochschulleitung.

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