Recherche des WDR

Flutkatastrophe in NRW: Erftstadt soll Warnungen tagelang ignoriert haben

Wochen nach der Flutkatastrophe in NRW haben Recherchen des WDR ergeben: In Erftstadt sind Warnungen zum drohenden Hochwasser tagelang ignoriert worden.

Erftstadt - Es waren erschütternde Bilder, die Mitte Juli aus dem Rhein-Erft-Kreis und weiteren Teilen von Nordrhein-Westfalen kamen. Heftiger Starkregen ließ am 14. Juli kleine Bäche zu reißenden Fluten werden, die mancherorts ganze Häuser wegrissen. Unzählige Menschen verloren ihr Hab und Gut, manche sogar ihr Leben. Schnell wurde über eine zu späte Warnung der Bevölkerung vor dem Hochwasser diskutiert. Der WDR hat jetzt herausgefunden: Feuerwehr und Stadtverwaltung in Erftstadt haben die drohende Flut ignoriert.

StadtErftstadt
LandkreisRhein-Erft-Kreis
Einwohner50.060

Flutkatastrophe in NRW: Erftstadt soll Warnungen tagelang ignoriert haben

Laut der Recherche muss die Feuerwehr in Erftstadt Informationen zur drohenden Überschwemmung von Wohngebieten tagelang ignoriert haben. In Erftstadt war der Ortsteil Blessem besonders hart von der Flutkatastrophe getroffen worden. Ein Erdrutsch ließ ganze Häuser verschwinden.

Nun kam die unbequeme Wahrheit ans Licht: Als Fachleute des Erftverbandes rund 20 Stunden vor der Überflutung der Stadt ein außergewöhnliches Hochwasser in der Erft vorhersagten, habe die Feuerwehr nicht reagiert. „Die Feuerwehr in Erftstadt hat die Recherchen des WDR weitgehend bestätigt“, heißt es in dem Bericht.

Demnach habe die Feuerwehr das Hochwasser in den Flüssen „anfangs nicht auf dem Schirm“ gehabt. Man habe mit vollgelaufenen Kellern gerechnet, nicht aber begriffen, dass die extremen Regenfälle zu Hochwasser in den Flüssen führen, sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt im Interview mit dem WDR.

Später sei die Feuerwehr „blind“ gewesen: Wichtige Informationen zur drohenden Flut habe man nicht erhalten, weil selbst der Feuerwehrfunk kurz vor der Überflutung versagt habe. Laut Mettke habe weder die Stadt noch die Feuerwehr gewusst, was etwa im Nachbarkreis Euskirchen vor sich ging. Dort erreichte der Wasserstand der Erft schon Stunden vor der Überflutung in Erftstadt die Marke eines Jahrhunderthochwassers.

Flutkatastrophe in Erftstadt: Anwohner hätten ihr Hab und Gut retten können

Für die betroffenen Anwohner in Erftstadt muss diese Erkenntnis nur schwer zu verdauen sein. Denn hätte die Feuerwehr rechtzeitig reagiert und die Bürger gewarnt, hätten die Menschen laut dem WDR noch etwa 20 Stunden gehabt, um ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. In den Fluten verloren die Betroffenen später Dokumente, Erinnerungsstücke, persönliche Dinge. Manche stehen vor dem Nichts.

Das Hochwasser in Erftstadt überraschte die Menschen im Schlaf. Auch Feuerwehrleute seien etwa im Ortsteil Bliesheim von der Überflutung überrascht worden, berichtet der WDR. Das Gerätehaus der Feuerwehr habe unter Wasser gestanden, der Strom sei ausgefallen. Auch die Sirene habe nicht mehr funktioniert. Die Feuerwehr konnte die Menschen nicht einmal mehr warnen.

Flutkatastrophe in NRW: DWD warnte vor Überflutungen - der Erftverband vor Jahrhunderthochwasser

Nachdem der Deutsche Wetterdienst (DWD) bereits Tage vorher vor Starkregen und Überflutungen gewarnt hatte, haben Hydrologen des Erftverbandes laut dem WDR am Mittag des 14. Juli vor einem „hundertjährlichen Hochwasser“ gewarnt. Die Information sei lokalen Medien im Erftkreis mitgeteilt worden.

„Wir hatten bei der Stadt Erftstadt das Problem, dass diese vom Erftverband kommunizierte Information uns nicht vorlag“, sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt, dem WDR zufolge. Laut dessen Recherche hat der Erftverband die Stadt wohl tatsächlich nicht informiert. „Einen Fragenkatalog des WDR zu den Ereignissen am 14. und 15. Juli hat der Erftverband mit Hinweis auf Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bisher nicht beantwortet.“

Die Staatsanwaltschaft Köln hat Ermittlungen gegen Unbekannt eingeleitet. Es gehe um den Verdacht der Baugefährdung im Zusammenhang mit der Havarie der Blessemer Kiesgrube, erklärte die Behörde.

Rubriklistenbild: © David Young/dpa

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