Video und Fotos: Eine Übung, wie es sie noch nie gab

Hinter Gittern: So bewältigten 340 Einsatzkräfte einen "Großbrand" in der JVA Werl

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Schwerverletzt am Boden: JVA-Mitarbeiter Sebastian Heimann wurde von der Feuerwehr aus der verrauchten Werkhalle gerettet.

Werl - Am Samstag wurde ein Großbrand in der Justizvollzugsanstalt Werl simuliert. Rund 340 Rettungskräfte waren im Einsatz. Dabei wurden sie mit großen Herausforderungen konfrontiert. 

Sebastian Heimann ist seit zehn Jahren als Hauptwerkmeister bei der JVA Werl angestellt, kümmert sich dort unter anderem um die Instandhaltung des gesamten Gebäudekomplexes. Am Samstagmittag spielte er einen von mehreren Schwerverletzten, die von der Feuerwehr gerettet werden mussten. 

Ausgangslage für den Großeinsatz war ein Brand in der Schreinerei der Vollzugsanstalt. Wegen Wartungsarbeiten, an denen in der Realität auch Sebastian Heimann beteiligt gewesen wäre, löste die Sprinkleranlage nicht aus. So konnten sich die Flammen rasend schnell ausbreiten und bedrohten das angrenzende Hafthaus 3 und das Dach der Werkhalle.

"Großbrand" hinter Gittern: Feuerwehr übt Ernstfall in JVA Werl

Offenbar infolge einer Explosion lag Heimann mit schweren Kopfverletzungen rücklings auf dem kalten Hallenboden, konnte sich nur mit letzten Kräften bemerkbar machen, als ein Angriffstrupp der Feuerwehr unter Atemschutz im Rauch nach ihm suchte. "Am Anfang ging es noch, aber der Rauch wurde immer dichter, am Ende sah man fast nichts mehr. Das war wirklich beängstigend", sagte der JVA-Bedienstete nach der erfolgreichen Rettung.

Ein Atemschutztrupp rettete den "Schwerverletzten".

Als er alleine auf dem Boden lag, habe er sich "hilflos" gefühlt. "Das kam einem schon sehr lange vor, bis Rettung da war. Aber tatsächlich ging es wohl recht schnell. Als Verletzter bekommt man ja nicht mit, was um einen herum passiert."

Nach kürzester Zeit hatten die Feuerwehrmänner den "Schwerverletzten" gefunden, ins Freie gebracht und an den Rettungsdienst zur weiteren Behandlung übergeben. 

Eine höhere Brand-Alarmstufe gibt es nicht

Um 13.05 Uhr hatten die Sirenen in ganz Werl geheult, die Melder der Feuerwehrleute schlugen ebenfalls Alarm. Auf ihnen signalisierte das Einsatzstichwort "Brand_4, JVA Werl" den Ernst der Lage. Eine höhere Alarmstufe gibt es bei Bränden im Kreis Soest nicht. Was wäre Karsten Korte, dem Leiter der Werler Feuerwehr, im Ernstfall in diesem Moment durch den Kopf gegangen? "Das kann man gar nicht aussprechen. Aber man würde natürlich wie bei jedem anderen Brand handeln. Doch gerade bei so einem Hochsicherheits-Bereich würde einem natürlich die Frage durch den Kopf schießen, ob die eigenen Leute gefährdet werden könnten."

Vor der Brandbekämpfung musste eine Schleuse passiert werden.

Acht Minuten später, um 13.13 Uhr, fuhr der erste von sieben Löschzügen mit Blaulicht und Martinshorn auf das JVA-Gelände. Insgesamt waren rund 340 Rettungskräfte mit 65 Fahrzeugen vor Ort. Im Gegensatz zu einem "normalen" Einsatz, beispielsweise an einem Wohnhaus, mussten die Einsatzfahrzeuge auf dem JVA-Gelände zunächst eine Schleuse aus drei Toren passieren, ehe sie die brennende Halle anfahren konnten. Durch diese Schleuse würde auch im Ernstfall gewährleistet, dass Häftlinge nicht ungewollt in die Freiheit entschwinden können.

"Oberstes Gebot": Die Menschen müssen in Sicherheit

Der simulierte Brand drohte auf eines der Hafthäuser, in denen 350 Insassen untergebracht sind, überzugreifen. "In einer Realsituation müssten wir das ganze Gebäude evakuieren. Das oberste Gebot ist, die Menschen in Sicherheit, nach draußen zu bekommen", betonte Maria Look. Sie ist die Leiterin der Justizvollzugsanstalt. 

In der Praxis würde dies bedeuten: "Jeder Haftraum wird von Hand aufgeschlossen, das kostet Zeit. Wenn die Gefangenen dann bemerken, dass das Feuer näher kommt, werden sie unruhig, vielleicht sogar panisch." Eine absolute Stresssituation für die Beamten. Aber: "Wir müssten im Ernstfall Ruhe bewahren, Personal dort hin schicken." Bei der Evakuierung eines Gefängnis-Traktes muss jedoch immer bedacht werden, dass die Häftlinge nicht einfach unbedacht ins Freie geschickt werden können: "Müsste, wie in diesem Fall, das Haus 3 evakuiert werden, würden alle Insassen auf den Sportplatz gebracht. Das ist in unseren Brandschutzplänen genau geregelt", erklärte Look.

Mit großem Einsatz von Löschwasser wurde der "Brand" in der JVA bekämpft.

Da die Übung jedoch keine Gefahr für die Insassen darstellte, konnten sie in ihren Zellen bleiben. Das war für die Übung auch wichtig. Denn: Erst als seitens der JVA signalisiert worden war, dass alle Häftlinge in ihren Zellen eingeschlossen wurden, gab es grünes Licht für den Start der Simulation, die für die verurteilten Straftäter wohl eine willkommene Abwechslung war: "Die Insassen, die Blick auf die Übung hatten, haben sie mit Sicherheit beobachtet. Hoffentlich hatten in Haus 3 alle ihre Fenster geschlossen." Dort hatte es einen massiven Wassereinsatz der Löschkräfte gegeben. Das Gebäude musste schließlich vor den Flammen geschützt werden.

Eine große Herausforderung für die Feuerwehrleute: Ein Einsatz in der JVA. 

Doch nicht nur Brandbekämpfung und Personenrettung standen auf der Agenda der Retter. Teil der Übung war auch eine unbekannte Flüssigkeit, die beim Brand in der Werkhalle freigesetzt worden war: Um herauszufinden, ob und welche Gefahr von ihr ausging, eilte die Analytische Taskforce (ATF) aus Dortmund nach Werl. Für die Übung war eine echte Probe mitgebracht worden, die von den Chemie-Experten identifiziert werden musste. Matthias Erve leitete die ATF am Samstag: "In Deutschland gibt es sieben ATF-Einheiten. Wir unterstützen Gemeinden und Feuerwehren in ganz NRW bei ABC-Lagen, bei denen unbekannte Stoffe im Spiel sind. Wir geben eine Gefährdungsbeurteilung und beraten den Einsatzleiter."

Mit einem mobilen Labor in einem Abrollcontainer war die Analytische Taskforce der Feuerwehr Dortmund im Einsatz.

Gefahrstoffe hätten auch von der riesigen Rauchsäule ausgehen können, mit der ein echter Großbrand die Stadt Werl in einen dunklen Schatten getaucht hätte. Um diese zu messen, waren mehrere Messeinheiten der Feuerwehr im Stadtgebiet unterwegs. Sie führten Schadstoffmessungen durch, die unter anderem für die Warnung der Bevölkerung relevant gewesen wären.

THW versorgt die Einsatzkräfte

Ein realer Einsatz dieser Größenordnung hätte sich über mehr als die rund drei Stunden gezogen, die die Übung am Samstag beanspruchte. Damit den Rettungskräften vor Ort nicht die Energie ausging, richtete das Technische Hilfswerk aus Soest in kürzester Zeit eine Großküche vor dem Gefängnis her.

Über einen Teleskopmast der Feuerwehr Dortmund wurde das "Feuer" von außen bekämpft. 

Neben der ATF war die Feuerwehr Dortmund auch mit ihrem Teleskopmast nach Werl ausgerückt. Der Mast wurde zur Brandbekämpfung über die mehr als vier Meter hohe Gefängnismauer geschwenkt. Zwar gibt es eine Löschwasserversorgung innerhalb der Anstalt, doch besteht die Möglichkeit, dass diese bei einem entsprechend großen Feuer nicht ausreichen würde. Daher wurde der Einsatz des Teleskopmastes getestet, um einen Brand von außerhalb der JVA zu bekämpfen - mit Erfolg. Laut Karsten Korte war die Wasserversorgung einer der Punkte, auf die bei der Übung ein besonderes Augenmerk gelegt wurde. 

JVA-Leiterin Maria Look war zufrieden mit der Übung in ihrer Anstalt.

Eine genaue Auswertung der Simulation, ob und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt, soll in den nächsten 14 Tagen erfolgen. Doch vor allem die Erkenntnis, dass viele theoretische Konzepte auch in der Praxis gut funktionieren würden, stehe laut Korte bereits jetzt fest. Diesen Eindruck hatte auch JVA-Leiterin Maria Look: "Ich hatte das Gefühl, dass die Feuerwehr sehr gut Hand in Hand gearbeitet hat. Obwohl dort Retter aus ganz verschiedenen Städten zusammen im Einsatz waren, lief augenscheinlich alles reibungslos."

Feuerwehr wird im Ernstfall durch JVA-Mitarbeiter begleitet

Michael Berkenkopf, Martin Rammelmann und Karsten Korte von der Feuerwehr Werl bereiteten die Übung gemeinsam mit der JVA-Leitung seit einem Jahr vor. Allein diese Vorbereitungszeit habe das Vertrauensverhältnis zwischen JVA-Leitung und Feuerwehr laut Look noch weiter gestärkt. Das ist auch wichtig. Denn im Ernstfall müssen die Handgriffe sitzen: "Wir haben zwar die Möglichkeit, im Inneren einen Schlüssel zu bekommen, aber grundsätzlich werden wir im Einsatz erst einmal durch JVA-Bedienstete begleitet. Bei der Größe des Objekts ist das allein aufgrund der Ortskenntnisse der Mitarbeiter wichtig", betonte Karsten Korte.

Eine wichtige Vorbereitung für die Psyche

Und auch für die Psyche jedes Feuerwehrmannes und jeder Feuerwehrfrau sei eine Übung in einer JVA eine gute Vorbereitung: "Es ist wirklich ein anderes Gefühl, wenn man reinfährt und hinter einem die Tür wieder zugemacht wird. Hier sind Rettungswege verschlossen, was natürlich seine Bewandtnis hat. Ich glaube schon, dass das für den ein oder anderen ein bedrückendes Erlebnis ist."

"Großbrand" hinter Gittern: Feuerwehr übt Ernstfall in JVA Werl

Sollte ein solcher Einsatz in der JVA Werl tatsächlich einmal Realität werden, können die hunderten Einsatzkräfte tief durchatmen und gewiss sein, dass sie durch ihre Erfahrungen am Samstag zumindest auf einen Großteil der anstehenden Herausforderungen vorbereitet sind.

Diese Einheiten waren bei der Übung in Werl im Einsatz

Feuerwehren aus

  • Werl
  • Hamm
  • Wickede
  • Ense
  • Dortmund
  • dem gesamten Regierungsbezirk Arnsberg
  • Hagen
  • Bönen
  • weiteren Einheiten aus dem Kreis Soest, 
  • das THW Soest
  • der Rettungsdienst des Kreises Soest  
  • die Stadtwerke Werl
  • die Mitarbeiter der JVA Werl
  • 2 IUK-Einheiten
  • 1 Messzug „Ü Messen 2“
  • MANV 2 Komponente Kreis Soest 
  • Stromkomponente NRW (Hagen)

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