Expertenstudie sieht Fracking als beherrschbar an - Gegner enttäuscht

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Ein Aufkleber der "Interessengemeinschaft Schönes Lünne", aufgenommen im Februar 2012, bei einer Sitzung des Umweltausschusses im niedersächsischen Landtag in Hannover.

[UPDATE 15 Uhr] NORDWALDE - Auch eine neue Studie im Auftrag des Energiekonzerns Exxon Mobil kommt zu dem Ergebnis, dass das umstrittene Fracking-Verfahren zur Erdgassuche Risiken birgt.

Auch eine neue Studie im Auftrag des Energiekonzerns Exxon Mobil kommt zu dem Ergebnis, dass das umstrittene Fracking-Verfahren zur Erdgassuche Risiken birgt. Ein Expertenkreis sieht in dem am Mittwoch in Osnabrück vorgestellten Papier aber keinen Grund für ein grundsätzliches Verbot der Technik. Zunächst sollten einzelne Vorhaben zugelassen und wissenschaftlich begleitet werden, empfehlen die Wissenschaftler. Unter hohen Auflagen sei ein sicheres Fracking möglich.

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Die Landesregierung sieht sich in ihrer kritischen Haltung bestätigt. "Dass die Risiken technologisch beherrschbar sind, muss man mit Blick auf die Vergangenheit wirklich in Zweifel ziehen", kommentierte NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) das Gutachten. "Selbst die Expertenrunde von Exxon hat festgestellt, dass der Einsatz der umstrittenen Fracking-Methode große Risiken für Mensch und Umwelt birgt", erklärte Remmel in Düsseldorf. "Sie spricht sogar von einer neuartigen Risikodimension und empfiehlt daher nur eine Herangehensweise in vorsichtigen Schritten."

Gegner zweifeln an der Unabhängigkeit der Studie, weil der Auftraggeber Exxon Mobil selbst die Erdgassuche per Fracking vorantreiben will. "Mit diesen Ergebnissen haben wir gerechnet", sagte Mathias Elshoff von der Bürgerinitiative gegen Gasbohren im münsterländischen Nordwalde. "Wir warten lieber auf das Gutachten der nordrhein-westfälischen Landesregierung."

Auch Remmel verwies auf das Papier, das in diesem Sommer vorliegen und ebenfalls Fracking-Risiken beschreiben soll. "Ich sehe nicht, dass es in absehbarer Zeit in NRW Genehmigungen für das Fracking geben kann", meinte Remmel.

Wegen der Umweltrisiken lehnen die von Exxon Mobil beauftragten Forscher ein Fracking in Trinkwasser- und Heilquellenschutzgebieten ab. "Trinkwasser- und Gewässerschutz gehen vor Energiegewinnung", heißt es in dem Papier. Mit Blick auf die rechtlichen Regelungen fordern die Experten etwa eine standortbezogene Risikoanalyse. Bei Erkundungsvorhaben sollten Bürger und Politiker beteiligt werden. Unternehmen und Behörden hätten eine Bringschuld für Informationen.

Fracking wird eingesetzt, um Erdgas aus dichtem Gestein zu fördern. Unter hohem Druck wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in Tiefen geleitet, wodurch Risse im Gestein entstehen. Kritiker befürchten Umweltgefahren. Etliche Bürgerinitiativen haben sich in NRW und Niedersachsen gebildet, Politiker sind skeptisch.

Exxon Mobil hatte den Expertenkreis vor einem Jahr ins Leben gerufen. Bohrungen plant der Energiekonzern etwa im Münsterland. Zahlreiche andere Firmen haben sich in NRW Flächen gesichert, um dort nach Erdgas in tiefen Gesteinsschichten suchen zu können. - lnw

Fracking: Chancen und Risiken einer Bohrtechnik

Für Kritiker ist sie das Sinnbild riskanter Rohstoff-Förderung, für die Erdgasbranche das Versprechen auf üppige Zusatzeinkünfte: Die Fracking-Technik. Die Methode wird bei der Gasförderung angewendet, wenn das Gestein besonders undurchlässig ist - in Niedersachsen schon seit Jahrzehnten.

Wie funktioniert das Fracking-Verfahren?

Sogenannte Tight Gas-, Schiefer- und Kohleflözlagerstätten gehören zu den unkonventionellen Lagerstätten. Um an das in den Gesteinsporen enthaltene Gas zu kommen, müssen die Gesteinsschichten künstlich mit kleinen Rissen versehen werden. Dazu wird mit Sand vermischtes Wasser unter Hochdruck in die Schichten gepresst. Aus technischen Gründen werden dem Gemisch auch Chemikalien zugefügt.

Wo liegen mögliche Gefahren?

Kritiker weisen darauf hin, dass der in den Boden gepumpte Cocktail bei Bohrpannen oder dem Durchstoßen von Wasserspeichern ins Grundwasser gelangen kann. Auch das Umweltbundesamt äußert Bedenken. Energiekonzerne wie ExxonMobil betonen die Beherrschbarkeit des Verfahrens: Jeder Eingriff (Frac) werde durch eine stabile Ummantelung der Bohrung von der Umwelt getrennt. Schäden habe es in Deutschland noch nie gegeben.

Welche konkreten Fracking-Pläne haben die Konzerne in Deutschland?

Vor allem im westlichen und nördlichen Niedersachsen, aber auch in Nordrhein-Westfalen hat die Branche große potenzielle Erdgasvorkommen im Visier. Deren Erkundung ist mancherorts schon vorangeschritten. Die Genehmigung von Bohrungen muss aber von den regional zuständigen Bergämtern kommen. Einige Behörden stehen dem Fracking misstrauisch gegenüber.

Was sind die Argumente der Energie-Konzerne?

Erdgas soll als Ergänzung zum Ausbau erneuerbarer Energieträger auf dem Wärme- und Strommarkt eine wichtigere Rolle spielen, die herkömmlichen Vorräte gehen aber dem Ende zu. Mit Fracking lässt sich aus Sicht der Konzerne die Abhängigkeit von Importen etwa aus Russland mindern.

Was fordern Anwohner möglicher Bohrgebiete und die Umweltverbände?

Bürgerinitiativen und Verbände kritisieren Fracking als hochriskante Technik und verlangen verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfungen vor jeder Probebohrung. Bisher ist dies nur nötig, wenn Aussicht auf eine Kapazität von 500 000 Kubikmetern Gas pro Tag besteht.

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