Ernstfall für Euterflüsterer

Bester Melker NRWs kommt aus Issum

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Alexander Gerbe aus Schmallenberg weiß was Kühe wünschen – beim Landeswettbewerb der besten Melker auf Haus Düsse will er das auch zeigen und sich gegen 17 Konkurrenten durchsetzen.

Kreis Soest [Update 22 Uhr]- Beste Melker Nordrhein-Westfalens ist Johannes Raves (20) aus Issum-Sevelen im Kreis Kleve, der den Wettbewerb gewann, teilte die Landwirtschaftskammer NRW am Mittwochabend mit. Alexander Gerbe (21) aus Schmallenberg im Hochsauerlandkreis belegte den zweiten Platz vor Marleen Ruß (22) aus Emmerich. Alle drei werden das Land NRW beim Bundesmelkwettbewerb Ende April in Niedersachsen vertreten.

Viel Fingerspitzengefühl war dabei schon gefragt, bloß muss das nicht unbedingt in den Fingerspitzen sitzen – da würden sich Leonie und die anderen Milchkühe auch bedanken: Um ihnen möglichst viel Milch in möglichst kurzer Zeit zu entlocken, mussten sich insgesamt 18 junge Männer und Frauen beim Landeswettbewerb NRW auf Haus Düsse in Ostinghausen nämlich auch die Seelen der Tiere für sich gewinnen.

Anfassen war dabei allerdings durchaus im übertragenen Sinne gemeint: Bis auf das manuelle Anmelken und das Anlegen des Melkzeugs ist das moderne Melken nämlich längst durchtechnisiert. Die Ställe strotzen vor Apparaturen, ohne aber den Faktor Mensch deshalb komplett ausgeschaltet zu haben.

Im Gegenteil: „Im Kern geht es hier um die Interaktion von Mensch, Tier und Technik“, liefert Andreas Pelzer, federführend zuständig für die Rinderhaltung auf Haus Düsse, den semiphilosophischen Überbau für einen Wettbewerb, bei dem der sportliche Ehrgeiz unter den Teilnehmern zwar durchaus zu spüren ist, der aber auch „eine Gaudi“ für sie ist – und eine willkommene Gelegenheit, dauerhafte Netzwerke mit Berufskollegen aufzubauen. So dauerhaft, in einigen Fällen, dass es im Laufe der Jahre bereits zu späteren Eheschließungen gekommen sein soll...

Kühe, Milch, Butter: Milchwirtschaft in NRW

Aber zurück zum Geschehen im Stall, in dem sich ein Großteil des Wettbewerbs abspielte – der andere Teil fand im Schulungsraum des heimischen Landwirtschaftszentrums statt, dort ging es bei einer theoretischen Prüfung unter anderem um Fragen der Milchqualität und des Tierwohls. 

Letzteres hatten die strengen Richter allerdings auch sehr genau im prüfenden Blick, wenn die jungen Euterflüsterer den Kühen auf den zunächst noch prallen Leib rücken. Denn um die alleine schon aus ökonomischer Sicht gesehen wichtige Milchleistung von rund 30 Liter pro Tag und pro Kuh auch tatsächlich innerhalb weniger Minuten zu erreichen, sollte jeder Stress für das Tier vermieden werden. 

Dabei hilft eine kurze Ansprache ebenso wie ein besänftigendes Berühren, bevor das Melkzeug angelegt wird – zu große Hast oder gar das völlige Ignonieren dieses gefühligen Vorspiels führen ebenso zu Punktabzügen wie allzu viel verbrauchte Zeit oder Schlampigkeiten beim Schalmtest – die Prüfung der Milch auf mögliche Leukozyten: Sind sie zu hoch, deutet das auf eine Erkrankung der Kuh hin. 

Und damit, da ist eine Kuh ganz menschlich, wäre sie alles andere als glücklich.

Fragen und Antworten zum Thema Kuh und Melken

Wie trainiert man als Nachwuchs-Bauer für einen Melkwettbewerb wie in Bad Sassendorf?

Einen Trainingsplan hat sich Landwirtin Marleen Ruß aus Emmerich im Vorfeld nicht zurechtgelegt. "Der eigentliche Prozess ist Routine", sagt sie. Die 22-Jährige hat sich vor der Fahrt nach Westfalen auf wichtige Details konzentriert, die beim Melkwettbewerb eine Rolle spielen könnten. Zwischen dem sogenannten Anmelken per Hand und dem Aufsetzen des Melkzeugs an die Zitzen sollten zum Beispiel rund 60 Sekunden vergehen. Warum? "In dieser Zeit wird ein Hormon ausgeschüttet, das zur Milchabgabe anregt", erklärt Ruß. 

Was können die Tiere überhaupt nicht leiden?

Wichtig: Beim Melken müssen Landwirte möglichst leise sein. "Wenn eine Kuh angeschrien wird, denken alle anderen Tiere, dass sie etwas falsch gemacht haben", verrät Rinderhaltungs-Experte Pelzer. Auch kommt es auf einen sanften Umgang mit dem Tier an, zum Beispiel beim sogenannten Anmelken, bei dem die Landwirte den Kühen zunächst mit den Händen Milch entnehmen bevor die Maschine angeschlossen wird. Die Zitzen dürfen nicht gequetscht werden. 

Was haben Wasserbetten im Stall zu suchen?

Eine Kuh liegt laut Pelzer um die 14 Stunden am Tag. Zum Schlafen und beim Verdauen vor allem. Damit sich die Tiere möglichst wohlfühlen, gibt es in den Ställen Liegeboxen mit Stroh oder auch weichen Gummimatten. Einige Landwirte bieten ihren Tieren sogar Wasserbetten an, allerdings nur selten. 

Wieviel Milch kann eine Kuh pro Minute geben?

Rund 1,8 bis 4 Liter Milch fließen nach Angaben der Landwirtschaftskammer pro Minute durch die Zitzen einer Kuh. Bei einem Melkwettbewerb wie in Bad Sassendorf werden in 13 bis 18 Minuten um die 90 Liter Milch von einem halben Dutzend Kühen genommen. Den Titel gewinnt, wer unter anderem die meiste Milch in möglichst kurzer Zeit melken kann. Pro Tag gibt eine Kuh im Schnitt 30 Liter Milch. - dpa

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