Bürger stellen in Umfrage Tönnies an den Pranger

Lockdown ohne Corona-Fälle: So denken die Drensteinfurter über die absurde Situation

Mechtild Neuer (hier mit Enkel Paul) aus Drensteinfurt ist betrübt über die Lockdown-Situation; sie sieht aber auch die Verbraucher in der Pflicht.
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Mechtild Neuer (hier mit Enkel Paul) aus Drensteinfurt ist betrübt über die Lockdown-Situation; sie sieht aber auch die Verbraucher in der Pflicht.

Kurz vor Beginn der Sommerferien befindet sich Drensteinfurt erneut in einem Lockdown. Wie denken die Menschen in einer Stadt darüber, die zwar im Kreis Warendorf liegt, aber seit Wochen keine neuen Corona-Fälle melden musste? Wir haben uns umgehört.

Drensteinfurt - Auf dem Wochenmarkt hat WA.de einige Marktbesucher gefragt, wie sie über die aktuelle Situation denken. Für viele Drensteinfurter ist der Lockdown aufgrund der Entfernung zum eigentlichen Hotspot, der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. Neben Firmeninhaber Clemens Tönnies sehen die Menschen jetzt vor allen Dingen die Politiker in der Verantwortung, um die Zustände in dem fleischverarbeitenden Betrieb zu beenden.

  • Von menschenunwürdigen Verhältnissen im Schlachtbetrieb spricht Mechtild Neuer, gleichzeitig sieht sie auch die Verbraucher in der Pflicht. „Wer immer nur das Billigste kaufen will, hat mit Schuld“, so ihr Statement. Sie findet es schade, dass die Leute jetzt nicht in den Urlaub fahren können. „Die Kinderbetreuung fällt wieder weg und wir können gar nichts dafür“, stellt sie fest.
  • Deutliche Worte findet Bernd Wagner: „Clemens Tönnies ist der deutsche Trump“, und ergänzt: „Wie er den Betrieb führt, ist eine Frechheit“. Der erneute Lockdown gehe auf Kosten von Privat- und Geschäftsleuten. Er findet, dass Tönnies dafür bestraft werden müsse. Der neuerliche Lockdown sei aus seiner Sicht notwendig, um eine weitere Ausbreitung einzudämmen.

Lockdown ohne Corona-Fälle: Stigmatisierung nicht in Ordnung

  • „Dass wir aus dem Kreis Warendorf jetzt stigmatisiert werden, ist nicht in Ordnung“, sagt Heinz Bennemann. Er hofft, dass der Betrieb Tönnies nun schärfer kontrolliert werde.
  • Pfarrsekretärin Maria Wienken hat genau diese Stigmatisierung selbst erlebt: Sie berichtet, dass sie am Mittwoch in Hiltrup gewesen und aufgrund ihres Beckumer Autokennzeichens von vielen Menschen schief angeguckt worden sei. „Das war ein ganz komisches Gefühl.“
  • Franz-Josef Sennekowski hält Maskenpflicht und Distanz für sinnvoll, alles andere sei unnötig. „Die Zustände bei Tönnies sind eine Schweinerei“, sagt er.
Nach dem erneuten Lockdown für den Kreis Warendorf wirkte die Drensteinfurter Innenstadt zeitweise wie ausgestorben.
  • Ulrike Podien wird deutlich: „Westfleisch hatte eine Steilvorlage gegeben, da hätte man also schon vorher kontrollieren müssen.“ Die Zustände vergleicht sie mit „moderner Sklaverei“, die sie allerdings auch in anderen Bereichen vermutet. Sie findet besonders bedauerlich, dass die Drensteinfurter, die sich so diszipliniert verhalten hätten, erneut einen Lockdown haben. „Die hätten sich einen unbeschwerten Urlaub verdient“, resümiert sie.

Logistisch könne sie verstehen, dass der gesamte Kreis im Lockdown ist, erklärt Birgit Pankok. Es sei ja auch nicht so schlimm wie zu Beginn der Krise. Allerdings gibt sie zu: „Man muss heute Sorge haben sein Auto mit dem Kennzeichen WAF in anderen Kreisen auf dem Parkplatz abzustellen.“ Sie befürchtet, es könne mit Steinen beschmissen werden und das mache ihr Angst.

Lockdown ohne Corona-Fälle: "Armleuchter ist harmlos ausgedrückt"

  • Adalbert Haaler stellt sachlich fest: „Drensteinfurt ist weit von Rheda-Wiedenbrück entfernt, der Lockdown bei uns ist eine übertriebene Reaktion.“ Was er über Tönnies denkt, möchte er nicht sagen, nur soviel: „Armleuchter ist harmlos ausgedrückt.“ Es stehe jedoch fest, dass schon im Mai erste Meldungen über den Schlachtbetrieb kamen. Die Politik hätte reagieren müssen, passiert sei aber gar nichts.
  • „Ein differenzierter Lockdown“ ist auch der Wunsch von Lothar Rösling. Die positiven Fälle seien ja auf einen Betrieb beschränkt. Am Anfang vorsichtig zu sein, sei aber richtig gewesen.

Ginge es nach ihm, würden flächendeckende Testungen ein umfangreiches Bild liefern. In seiner Heilpraktiker-Praxis erlebe er, dass die Menschen unter großen Unsicherheiten leiden. Dass es so weit gekommen ist, sei politisch ein Armutszeugnis.

Clemens Tönnies nutze die Not der Menschen aus. Er hofft, dass die Bevölkerung die Produkte von Tönnies mal vier Wochen boykottiert.

  • „Die Corona-Krise deckt auf, was ist“, stellt Barbara Kuhlmann fest. „Es gibt keine ordentlichen Verträge in der Fleischindustrie.“ Die Arbeiterrechte werden dort und in anderen Betrieben seit Jahren nicht beachtet, macht sie deutlich.

„Wir haben auch Verantwortung“, resümiert sie und führt aus: „Weniger Fleisch konsumieren und nicht das billigste kaufen. Wenn Fleisch, dann am besten beim lokalen Metzger.“ Durch den Lockdown könnten Familien nicht in Urlaub fahren, gerade Kinder und Jugendliche bräuchten jetzt jedoch dringend Erholung. Gut sei aber, dass das Erlbad geöffnet bleibe.

Lockdown ohne Corona-Fälle: „Die Politiker haben weggeschaut“

  • Hubertus Beckmann ist Berufsimker mit einem Stand auf dem Wochenmarkt. Schon vor fünf Jahren habe er einen ehemaligen Mitarbeiter von Tönnies getroffen, der aufgrund der dortigen Missstände gekündigt habe. „Für billiges Fleisch und die Milliarden von Clemens Tönnies gehe es den Tieren, den Menschen und den Arbeitern im Sojaanbau schlecht. „Der Richter, der Tönnies eine gerechte Strafe gibt, hat ein Bundesverdienstkreuz verdient“, sagt er.
  • „Für viele Familien ist der Lockdown katastrophal“, findet Theodor Schulze Forsthövel. Es sei nur gut, dass man sich in Drensteinfurt frei bewegen könne. Er hofft, dass weiter untersucht werde, wie es zu der massenhaften Ansteckung kam. Allerdings glaubt auch der Rentner: „Die katastrophalen unvorstellbaren Zustände bei Tönnies sind den Politikern schon lange bekannt.“
  • „Geld regiert die Welt“, fasst Susanne Reher zusammen. Sie ist sicher, das wird nicht das Ende sein. „Es gibt auch andere Betriebe, in denen Chefs modernen Sklavenhandel betreiben.“ Für sie ist klar: „Die Politiker haben weggeschaut.“
  • Stadtjugendpfleger Rüdiger Pieck kommt sich vor wie ein Wanderer zwischen zwei Welten: „Ich war abends in Münster, da tobte das Leben und hier in Drensteinfurt ist es totenstill.“ Und er sei ja nicht alleine mit diesem Gefühl: „Viele Menschen wohnen in Drensteinfurt und pendeln nach Münster oder Hamm zur Arbeit und kehren aus dem vollen Leben abends nach Hause zurück in den Lockdown.“

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Weitere hilfreiche Informationen erhalten Sie unter www.kreis-warendorf.de. - WA

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