Nordrhein-Westfalen

Wenn durch Lichtkunst alte Industrie zu strahlen beginnt

Wenn aus alter Industrie Schönheit entsteht: Vor zwei Wochen illuminierte Thorsten Pfister die stillgelegte Hochofen-Anlage auf dem Phoenix-West-Gelände in Dortmund.
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Wenn aus alter Industrie Schönheit entsteht: Vor zwei Wochen illuminierte Thorsten Pfister die stillgelegte Hochofen-Anlage auf dem Phoenix-West-Gelände in Dortmund.

Für Thorsten Pfister ist es weiterhin „ein Hobby“, für viele andere ist es schlichtweg Kunst: Der 41-jährige Bottroper setzt Industrie-Bauwerke mit Licht imposant in Szene, zuletzt gelang im auf dem Areal von Phoenix West in Dortmund eine spektakuläre Illumination.

Dortmund – Am Ende kam sogar Harley Quinn. Eine junge Frau war im Kostüm der Figur aus den Batman-Comics auf dem Gelände Phoenix West in Dortmund erschienen und schwang fotogen den Baseballschläger. Die Cosplayerin nutzte das, was Thorsten Pfister in vielen Stunden zuvor vorbereitet hatte, als atemberaubenden Hintergrund für ein paar Selfies: das von ihm illuminierte Hochofen-Werk, wo einst die „Fackel von Hörde“ für einen steten Lichtschein gesorgt hatte. Seine bislang aufwendigste Arbeit, wie Pfister selbst meint. Er verwandelte das rostige Ungetüm in eine schillernde Schönheit.

Pfister nennt sich selbst „der Kopf“ hinter dem „Lichtkunst-Ruhr Projekt“, das er 2018 ins Leben rief. Wobei: Als Künstler sieht sich der Mann, der im Hauptberuf als IT-Systemadministrator arbeitet, eigentlich nicht. „Ich sehe mich eher als technischer Künstler. Ich baue mir die Sachen und beleuchte schließlich die Objekte. Eigentlich habe ich keine Intention dabei. Ich mag einfach Industrie, Fotografie, die Nacht und das Ruhrgebiet.“

„Der mit den Lampen“: Der Bottroper Thorsten Pfister ist seit Jugendtagen von Industrie und Illumination begeistert.

Früher nannte man ihn "Der mit den Lampen"

Und dies schon ziemlich lange. Bereits als Jugendlicher war er bei den Disco-Abenden der Pfadfinder für Licht und Sound zuständig, „ich war der mit den Lampen“, wie Pfister selbst sagt. Sein jüngstes Projekt auf Phoenix West vor zwei Wochen zog gehörige Kreise. Auf der Homepage der renommierten englischen Tageszeitung „The Guardian“ wurde ein Foto seiner Arbeit zum „Foto des Wochenendes“ gekürt, das Motiv erschien auch in anderen Medien wie der ARD oder dem „Stern“. Stolz? „Ja, definitiv“, sagt Pfister.

Und wie kommt man überhaupt auf die Idee, Industriebauten zu beleuchten? „Ich genieße die Nacht und die Ruhe, das ist für mich mein Ausgleich. Gleichzeitig bin ich sehr industrieverrückt: Ich kann mich irgendwo hinstellen, die rostigen Rohre anschauen und verfolgen – da geht mein Herz auf. Kann man nicht beschreiben“, sagt Pfister. Er sei schon früher gerne mit der Kamera nachts in Richtung Duisburg gefahren, als die Schwerindustrie dort noch lebte. Als die Social Media aufkamen, gab es viele Fotos vom Landschaftspark Duisburg und der Zeche Zollverein in Essen. „Ich habe dann ein paar Sachen fotografiert, die nicht so typisch waren und hatte dabei ein paar Schlüsselmomente“, erinnert sich der 41-Jährige. Schlüsselmomente heißt: Es ging etwas schief. Wie auf der Halde Rheinpreußen in Moers, wo das Geleucht, eine mit 30 Metern übergroße Grubenlampe, steht. „Ich hatte damals meine Kamera aufgebaut und alles vorbereitet, als um 23 Uhr auf einmal die Beleuchtung ausging. Da habe ich mich ein bisschen geärgert.“ Danach habe er sich gedacht: „Das musst du eigentlich selbst beleuchten.“

Zunächst begann er, Motive mit einer Taschenlampe anzustrahlen. Nachdem diese Fotos vor allem in den Sozialen Medien ganz gut ankamen, sei es laut Pfister „ein bisschen ausgeufert“: „Es kamen weitere Lampen dazu, auch farbige.“

Geld verdient er mit den Aktionen nicht

Wie viel Geld eine einzelne Aktion verschlingt, könne er nicht mit Gewissheit sagen. „Meine Ausrüstung, die ich benutze, ist ja stückchenweise gewachsen.“ Zuletzt auf Phoenix West habe er ungefähr 1000 Euro zusätzlich investiert, das meiste Geld ging für den halben Kilometer Kabel drauf, den er in Dortmund verlegte. „Bei dieser Geschichte habe ich mit 25 LED-Lampen gearbeitet, davon waren 15 selbst gebaut. Die übrigen 10 waren Akku-Bühnenscheinwerfer“, berichtet Pfister. Gespeist werden die Lampen mit nur 48 Volt. Die niedrige Spannung habe den Vorteil, dass er so im öffentlichen Raum keine Genehmigung brauche.

Und wie schwer ist es, Unternehmen oder Personen davon zu überzeugen, ihre Anlagen beleuchten zu dürfen? Zumindest auf Phoenix West nicht allzu schwer. Vor zwei Jahren beleuchtete Pfister die Anlage von außen mit seinen Akku-Scheinwerfern und teilte die Fotos auf Facebook. Daraufhin habe sich der neue Eigentümer des Geländes, der niederländische Investor „World of Walas“ bei ihm gemeldet. „Sie sagten mir, dass sie meine Aktion toll finden und mich gerne einmal kennenlernen würden“, erinnert sich Pfister. Daraufhin habe er im September 2019 den Operation Manager René Papier getroffen. „Im Oktober habe ich zunächst die Erlaubnis erhalten, meine Lampen außen an die Zäune zu schrauben. Danach war das Vertrauen so groß, dass ich nun sogar Schlüssel für ein Wochenende bekommen habe, um mich auf dem Gelände frei zu bewegen“, erzählt Pfister: „Da ist mir erst einmal die Kinnlade heruntergefallen. Das war für mich der Heilige Gral.“

Die Polizei drückt schon mal ein Auge zu

Bei vielen anderen Projekten habe er vermutlich nicht aufs Gelände gedurft, weil keine Genehmigung vorlag. „Das ist eine gewisse Grauzone“, sagt Pfister zu den Aktionen, als er nächtens allein auf sogenannten „Lost Places“ unterwegs war. „Es kam auch schon mal die Polizei. Wie in Hamm, als ich am Schacht Lerche war und den als Golfschläger bezeichneten Förderturm beleuchten und fotografieren wollte“, erinnert sich Pfister. An sich sollte die Aktion von außerhalb des ehemaligen Betriebsgeländes erfolgen. „Aber der Zaun hatte offen gestanden, weshalb ich die Gelegenheit genutzt hatte, mein Zeug auf dem Gelände aufzubauen.“ Als dann die Polizei gekommen sei und ihn gefragt habe, was er da mache und ob er eine Genehmigung dafür habe, musste er sagen: „Nee, leider nicht.“ Die Beamten hätten ihn daraufhin angeschaut und gefragt, wie lange er noch brauchen würde. „Ich sagte, zehn bis fünfzehn Minuten. Daraufhin meinten sie: ,Dann machen Sie schnell Ihre Fotos und sehen zu, dass Sie schnell vom Gelände herunterkommen.‘ Und dann wünschten sie mir noch einen schönen Abend.“

Mit seinen Aktionen Geld zu verdienen, ist Pfister bislang nicht in den Sinn gekommen. Mittlerweile habe er natürlich immer mal wieder Anfragen, auch an die Produktion eines Kalenders habe er schon gedacht. „Aber ich habe bislang noch kein Geld dafür genommen, etwas zu beleuchten. Wenn ich das bezahlt bekommen würde, dann muss es ja auch funktionieren. Zuletzt auf Phoenix West sollte die Rückseite eigentlich auch angeleuchtet werden, was aber nicht geklappt hat, weil es Probleme mit dem Generator gab. Wenn ich Geld bekommen würde, müsste ich auch abliefern. Dann ist es kein Spaß mehr, dann ist das viel Druck dahinter. Dann stehen die Leute, die das bezahlen, da und warten darauf, dass es leuchtet“, sagt Pfister.

"Es ist schon ein gewisser Stolz da"

Bei der öffentlichen Aktion auf Phoenix West Ende Oktober waren viele Menschen gekommen, was trotz der Corona-Pandemie allerdings kein Problem auf dem weitläufigen Gelände war. Wie wichtig ist ihm, der seine Aktionen oft allein durchgeführt hat, das Publikum? „Bei solchen Aktionen ist mir das Publikum schon recht wichtig. Wenn ich etwas öffentlich mache, freue ich mich schon, wenn jemand kommt“, gibt Pfister zu. Er habe sich an den beiden Abenden an diesem Wochenende ein bisschen „wie ein Verkäufer im Baumarkt“ gefühlt: „Der eine war gerade weg, da kam schon der nächste Gesprächspartner. Es war sehr wuselig, aber in der Situation sehr schön. Es ist dann auch ein gewisser Stolz da, wenn die Leute sagen: Das sieht toll aus.“

Und was ist sein nächstes Projekt? „Warten, dass Corona zu Ende ist“, flachst er: „Aber im Ernst: Ich genieße jetzt erst einmal die Ruhe.“ Es sei schon in diesem Jahr angedacht gewesen, zum Kulturfestival ,Extraschicht’ die Brücke vom Nahverkehrsmuseum Dortmund anzuleuchten, was wegen Corona auf Eis gelegt werden musste. „Das wäre ein Termin, der fest wäre, wenn die Veranstaltung denn stattfindet.“

Apropos Corona: Pfister hat sich gefreut, auf Phoenix West dem einen oder anderen Menschen durch seine Lichtkunst ein Lächeln ins Gesicht gezaubert zu haben: „Und was jetzt besonders schön war: Eine Mutter schrieb, dass ihre kleine Tochter ganz begeistert gewesen sei. Das ist dann noch mehr wert, als wenn ein Fotograf sagt, dass das toll aussieht.“ - Jens Greinke

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