Besuch im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberger Wald

Der deutsche Wald kämpft um sein Überleben

+
Fast wie eine Skulptur: Bertram Leder vor dem durch einen Sturm abgeknickten Stamm einer Fichte.

Bertram Leder steht vor einem grotesk zersplitterten Baumstumpf, der eher an eine hölzerne Skulptur erinnert. Das helle Holz hebt sich vom Rest der dunkelgrünen und braunen Umgebung ab, riesige Splitter ragen in die Höhe, es sieht so aus, als habe ein grimmiger Riese diesen Baum wie einen Zahnstocher durchgebrochen, weil es ihm gerade Spaß machte. „Diese Fichte ist im letzten Sturm gefallen“, sagt Leder. Gefallen. Das klingt nicht nur nach Krieg. „Es ist eine Art Krieg“, sagt Leder.

Arnsberg – Den Krieg, den Bertram Leder, Leiter des Lehr- und Versuchsforstamtes Arnsberger Wald, und seine derzeit 130 Mitarbeiter – darunter ein Dutzend Forstwissenschaftler – auszufechten haben, ist ein epischer. Denn der deutsche Wald ist in seiner jetzigen Form in weiten Teilen nicht auf seinen größten Feind, den globalen Klimawandel, vorbereitet. 

Dieser kämpft derzeit mit fürchterlichen Waffen. Sie heißen Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer. Und es wird weiter aufgerüstet: Laut einer Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) dürfte sich die Situation in den kommenden Jahren weiter verschärfen und die Intervalle zwischen den Hitzesommern kürzer werden. 

Lesen Sie auch:

Dem Hammer Wald geht es schlecht: "Eine absolute Vollkatastrophe"

Nach Hitzesommer drohen enorme Schäden durch Borkenkäfer

Borkenkäfer-Invasion lässt Fichtenholzpreise sinken

Das Problem des deutschen Waldes ist, dass viele seiner Soldaten – um im Bild zu bleiben – Fichten sind. Und damit zu schwach. Die Fichte gehört nicht in den NRW-Wald Denn die Fichte ist keine natürliche Baumart in Nordrhein-Westfalen. Sie wurde Mitte des 18. Jahrhunderts hier eingeführt, weil sie schnell wächst. Und dort angepflanzt, wo sie eigentlich nicht hingehört. „Die Fichte ist eine Gebirgsbaumart, sie braucht Kälte und viel Wasser. Man hat sie oft dort hingepflanzt, wo sie nicht standortgerecht ist“, sagt Leder. Die Folge sei, so scheine es, „dass die Natur diesen Fehler wieder ausgleicht“, wie es Leder umschreibt. 

Fichte ist durch Trockenheit geschwächt 

Die Fichte ist besonders empfindlich gegenüber Trockenheit und gegenüber dem Borkenkäfer, der sich in durch Trockenheit geschwächten Fichten wohlfühlt. „In der Vergangenheit hatten wir reichlich Niederschläge, und die Fichte hat kurzfristige Trockenheit einigermaßen problemlos weggesteckt“, erzählt Leder. Im Flachland würden bald keine Fichten mehr zu finden sein. „Weil sie dem Trockenstress nicht widerstehen können“, sagt Leder, der darauf hinweist, das 2018 das trockenste und heißeste Jahr seit 1881 gewesen sei. 

Zurück zum zersplitterten Fichtenstumpf. Nicht weit entfernt steht eine Weißtanne. Ein Bild von einem Baum: Auf Brusthöhe misst der Stamm über einen Meter im Durchmesser, er ist gerade gewachsen und endet in gut 35 Metern Höhe in einer schönen Baumkrone. Der Sturm hat auch an seinen Ästen gezerrt und ihn erzittern lassen. Doch auf die Idee zu fallen, wäre diese Weißtanne niemals gekommen. Ebenso wie die anderen Bäume, die in der direkten Umgebung stehen und weiterhin stehen werden, werweißwas für ein Sturm da auch noch kommen mag. 

Bertram Leder blickt nach oben und lächelt. Der Borkenkäfer findet optimale Bedingungen Der Lieblingsbaum der Forstwirtschaftler ist aber nach wie vor ein anderer. „Ich höre hier im Sauerland oft den Spruch: Einmal Fichte geht noch.“ Was ungefähr so klingt wie die meist fatale Einschätzung von Zechern in der Kneipe: „Einer geht noch.“ Den folgenden Kater sieht man im Arnsberger Wald an vielen Stellen. Genau wie hier, an einer Anhöhe, wo vor zwei Monaten noch ein dichter Fichtenwald stand. Nun herrscht rechts und links entlang des kleinen Weges Kahlschlag, weil der Borkenkäfer zugeschlagen hat. „Das geht innerhalb von vier Wochen“, sagt Leder. Mehr Zeit brauchen die Insekten nicht, um eine scheinbar starke Fichte in totes Holz zu verwandeln. Die Folge ist, dass diese Bäume gefällt werden müssen. 

Preis für Fichtenholz ist stark gesunken 

Nun liegen Stämme säuberlich aufgeschichtet wie Streichhölzer am Wegesrand. Eine neue Ladung an Fichtenholz, das derzeit aufgrund der anfallenden Massen niemand nachfragt und das deshalb im Preis so gesunken ist wie eine toxische Aktie. Zwei Bäume allerdings sind auf dem Areal stehen geblieben. „Das sind zwei Rotbuchen“, sagt Leder. Denen konnte der Borkenkäfer nichts anhaben. Statt in einen Fichtenwald kann der Spaziergänger nun weit hinunter in ein Tal schauen. „Manchmal rufen mich die Leute an und sagen: ,Lasst das doch als Freifläche! Wir haben doch jetzt einen wunderbaren Blick.‘“ 

Hier hat der Borkenkäfer zugeschlagen: Das Drohnenfoto zeigt eine Freifläche im Arnsberger Staatswald, wo vor kurzem noch Fichten standen.

Leder muss dann immer ein wenig schmunzeln. Natürlich wird die Fläche wieder aufgeforstet. An dieser Stelle sind gut 50 Edelkastanien gepflanzt worden. Die Setzlinge werden durch gut 1,20 Meter hohe Plastikröhrchen, so genannte Minigewächshäuser, vor Wildverbiss geschützt. Leder hofft auf eine gute Entwicklung der Bäume, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammen, kann diese aber nicht garantieren. Deshalb spricht er von einer „Entscheidung in Unsicherheit“ bei der Baumartenwahl. 

„Es kann sein, dass in 50 oder 60 Jahren ein Schädling eingeschleppt wird, der auch diesen Edelkastanien zu schaffen machen wird“, sagt Leder. Zudem könne es sein, dass die Kastanien aufgrund der unterschiedlichen Klimabedingungen hierzulande anfällig für weitere Krankheiten werden könnten. „Das ist gut möglich“, sagt Leder: „Wir versuchen das durch Versuchsanbauten herauszufinden.“ 

Areal von 10.000 Hektar für praxisorientierte Forschung

Für die praxisorientierte Forschung steht im Arnsberger Wald ein Areal von 10.000 Hektar Staatswald zur Verfügung, das in fünf Lehr- und Versuchsreviere aufgeteilt ist. „Wir haben hier den grünen Lehrsaal direkt vor der Haustür“, sagt Leder. Zum anderen gibt es auch noch das große Arboretum in Wuppertal. „Da wurden auf 200 Hektar 100 unterschiedliche Baumarten gepflanzt. Und zwar schon vor 50 Jahren. Mammutbaum, Tulpenbaum – alles was das Herz begehrt. Das sind ebenfalls wertvolle Versuchs- und Beobachtungsflächen. Dort bekommen wir Fingerzeige über das Wachstum eingeführter Baumarten.“ 

Bei der Wahl standortgerechter Baumarten im Klimawandel empfiehlt Leder zunächst heimische Arten. Zur Erweiterung des Portfolios rücken heimische Baumarten besonderer Herkünfte und schließlich eingeführte Arten in den Focus der Überlegungen. Deshalb rät Leder zu Baumarten, mit denen man schon Erfahrungen gesammelt habe. Wie mit der Slavonischen Eiche, der Roteiche oder der Douglasie. Wichtig sei vor allem, dass es im deutschen Wald künftig „Mischbestände gibt“. 

Auf die Mischung kommt es an: Ein Blick von oben auf den Arnsberger Wald, in dem die Wissenschaftler des Lehr- und Versuchsforstamtes seit gut zehn Jahren die Auswirkungen des Klimawandels erforschen

Die Douglasie ist ein wertvoller Gigant. Wenn Leder vor einer Douglasie steht, wirkt er fast schon ein wenig entrückt. Diese Bäume sind tatsächlich eine Erscheinung. Hier in Arnsberg sind manche über 100 Jahre alt, über 50 Meter hoch und tadellos gewachsen. Diese Giganten sind extrem wertvoll. „Das ist Qualitätsholz“, sagt Leder. Der laufende Meter würde im Schnitt 400 Euro kosten, die besten, astreinen unteren Abschnitte dabei Erlöse von bis zu 1000 Euro erzielen. Dazu kommt das Saatgut, das regelmäßig von Zapfenpflückern abgeerntet wird. 

Das sind wagemutige Menschen, die zur Ernte in die Kronen dieser Riesen klettern. „Ein Ausbildungsberuf“, sagt Leder. Ein Kilogramm Samen kann bis zu 1200 Euro bringen, im Schnitt liefert so ein ein Hektar großer Douglasienbestand sechs bis neun Kilogramm in guten Samenjahren. Wer also so weitsichtig gewesen wäre, vor 120 Jahren einen Douglasien-Wald anzulegen, der hätte heute zwar selbst nichts davon. Aber seine Enkel und Urenkel wären gemachte Leute. 

Die Rinde dieser Bäume ist geradezu kunstvoll: Sie sieht aus wie ein Relief. Und mit Kunst kennt sich Leder aus. „Ich wollte Kunsthistoriker werden“, erzählt er. Doch bei der Aufnahmeprüfung fiel er durch. Der Treppenaufgang, den er hatte zeichnen sollen, kam beim zuständigen Prüfer nicht an. Der hieß Joseph Beuys. „Da habe ich dann eben Forstwissenschaft studiert.“ Der Arnsberger Wald sollte diesem Beuys heute einigermaßen dankbar sein. - Jens Greinke

Lesen Sie auch: 

"Käferholz" geht aus dem Wald in großen Mengen direkt nach China

Explosionsgefahr: Feuerwehr kann Waldbrände nicht löschen

Sturm und Käferplage: Viele kleine Waldbesitzer haben genug

„Ein Waldumbau wird mindestens 100 Jahre dauern“ - Interview mit Bertram Leder

Wie lautet Ihre Prognose als Forstwissenschaftler für die nächsten Jahre, was den deutschen Wald angeht? 

Die Prognosen gehen dahin, dass die Extremereignisse zunehmen. Man hätte in der Vergangenheit vielleicht damit rechnen können. Aber die Prognosen sind da nicht immer sicher gewesen. Jetzt müssen wir allerdings davon ausgehen, dass wir – regional unterschiedlich – künftig mit mehr Extremereignissen sowie mit weniger Niederschlägen und höheren Temperaturen zu tun haben werden. Im Winter gibt es weniger Schnee, weshalb die Funktion der Waldböden als Wasserspeicher weiter abnimmt. Den Spätfrost wird es aber weiterhin geben, was ein weiteres Manko ist. Denn die Bäume werden durch die höheren Temperaturen im Frühjahr früher austreiben und werden dann durch den Frost in ihrem Wachstum geschädigt. Ein weiteres Stressmoment. Der Baum ist dann auch empfänglicher für Schädlinge. Der Borkenkäfer kann es riechen, wenn so eine Fichte geschwächt ist. Das wird noch schlimmer kommen, als es jetzt schon ist.

Ist die Fichte bei der holzverarbeitenden Industrie weiter so beliebt? 

Zur Zeit ist es halt so, dass die Fichte von unseren Sägern im Sauerland stark nachgefragt wird. Das ist weißes Holz, das sich sehr gut verarbeiten lässt. Deshalb machen wir uns in NRW Gedanken über die Frage: Welche sinnvollen Ersatzbaumarten gibt es, wenn die Fichte abstirbt? Da sind wir zur Zeit dabei, einiges auszuprobieren. Wie zum Beispiel die Weißtanne. Somit wollen wir für die nächste Generation von Nadelbäumen sorgen. Aber immer in klimastabilen Mischbeständen, das ist wichtig.

Was müssen wir an unserem Wald ändern? 

Es gibt verschiedene Strategien. Es gibt die Ausweichstrategie. Das bedeutet, dass der Waldbesitzer die Fichte nicht mehr so alt werden lässt und eher erntet. Dadurch wird sie nicht so hoch und ist nicht so sturmanfällig. Scheinbarer Nachteil hierbei ist, dass man dünneres Holz bekommt. Die Frage ist allerdings, ob man überhaupt noch dickes Holz braucht, weil dieses nachher sowieso meist in Streifen geschnitten wird. Dann gibt es die Überführungsstrategie. Indem man zur Vor-Verjüngung andere Baumarten aus natürlicher Ansamung oder künstlich durch Pflanzung oder Saat in den Wald einbringt. Zum Beispiel in Fichten-Reinbestand die Weißtanne oder die Buche zu säen, also Bäume, die im Klimawandel stabil und standortgerecht da stehen. Zudem gibt es dynamische Anpassungsstrategien. Dazu zählen ad-hoc-Maßnahmen wie die Durchforstung zur Förderung der Stabilität und Vitalität der Bäume. Dann stehen die Bäume freier und können eine größere Krone bilden. Das führt dazu, dass die Bäume auch im unteren Bereich stabiler werden und nicht mehr so anfällig bei Stürmen sind. Eine weitere Anpassungsstrategie ist die Erhöhung der genetischen Vielfalt beispielsweise durch Naturverjüngung. Dabei wird die genetische Diversität erhöht, was dazu führt, dass sich im Kampf ums Dasein letztlich die besten durchsetzen.

Greifen diese Strategien angesichts der Geschwindigkeit des Klimawandels schnell genug? 

Das ist eine große Herausforderung. Der Waldumbau, also die Überführung in einen Mischbestand, wird mindestens eine Baumgeneration, also 100 Jahre dauern.

Ist die aktuelle Situation schlimmer als die in den 1990er Jahren, als der saure Regen unsere Wälder bedrohte? 

Ich glaube ja. Damals dachte man, dass der Wald stirbt. Gott sei Dank ist es nicht so weit gekommen. Weil in der Industrie zum Beispiel Filteranlagen eingebaut wurden. Dieses Mal ist das Problem, dass wir es nicht mehr so stark beeinflussen können. Der saure Regen war immer auch ein lokales Problem, dieses Mal haben wir es mit globalen Zusammenhängen zu tun. Und wir unternehmen einfach zu wenig. Trotzdem bin ich weiter optimistisch. Nur müssen wir jetzt langsam anfangen. In die Klimapolitik muss künftig EU-weit mehr Geld gesteckt werden. (Das Gespräch führte Jens Greinke)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare