2000 Demonstranten

Agrarminister-Konferenz in Bad Sassendorf: "Dafür möchte sich die Polizei bedanken"

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Hunderte Demonstranten zogen am Donnerstag durch Bad Sassendorf.

Bad Sassendorf - In Bad Sassendorf gingen am Donnerstag, dem zweiten Tag der Agrarministerkonferenz, verschiedene Gruppierungen mit Prostest-Aktionen auf die Straße. 

Mehrere hundert Sauenhalter waren am Morgen vom Forellenhof in Richtung Tagungshotel Schnitterhof aufgebrochen und machten mit Plakaten auf ihre Interessen aufmerksam: So forderten sie zum Beispiel eine Risikoausgleichsrücklage für Dürre, Frost und Marktkrise.

Mit Sprüchen wie „Dänemark kastriert, Deutschland verliert“ machten sie zudem ihrem Unmut über die geplanten Auflagen für die Ferkelkastration aufmerksam. Johannes Röring Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes sagte in seiner Ansprache vor dem Tagungshotel "Schnitterhof": "So etwas hat Bad Sassendorf noch nicht erlebt! Wir wollen heute kämpfen für die deutsche Sauenhaltung." 

NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser ging in ihrer Rede auf die geplanten Veränderungen bei der Ferkel-Kastration ein: „Wir wissen, das es ein ganz schweres Thema ist“, sagte sie vor den Demonstranten. "Wir haben versucht, im letzten Bundesrat eine Verlängerung der bisherigen Regelung für zwei Jahre zu erreichen." Das sei leider nicht gelungen, weil es in anderen Bundesländern andere Konstellationen gebe.

„Ich hätte mir persönlich gewünscht, wir hätten die zwei Jahre tatsächlich erreicht, um dann wirklich die Luft zu bekommen, den Weg zu gehen, den sie wollen: Das Tierschutzgesetz anzuwenden und die Ferkel so zu kastrieren, dass es ohne Schmerzen erfolgt“, so Heinen-Esser. Sie hofft, dass sich in Berlin noch etwas bewegt, dass es aus dem Bundestag heraus noch eine Initiative für eine Ausnahmeregelung gibt, um in Forschung und Wissenschaft voranzukommen.

Heinen-Esser: "Plan B ist wichtig"

Es sei aber auch ein "Plan B" wichtig, falls alle Initiativen nicht funktionieren. Deshalb würden sich alle Beteiligten, also auch Verbände, Tierärzte, Verbraucherverbände und Handel noch einmal zusammensetzen, um über Hilfen und Unterstützung für die Landwirte zu sprechen. "In Nordrhein-Westfalen sind sind die Bäuerinnen und Bauern ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Sie sorgen dafür, dass wir mit Lebensmittel versorgt werden mit hoher Qualität", so Heinen-Esser.

Die NRW-Ministerin sprach aber auch das Thema "Tierwohl" an. "Ich glaube, dass wir gemeinsam noch weitere Schritte gehen müssen." Das habe auch etwas mit den Wünschen der Verbraucher zu tun.

Waldbauern sind eingetroffen

Die Waldbauern machen ihrem Unmut Luft und zeigen mit ihren Plakaten, was sie von der Politik halten.

Die Stimmung unter den Demonstranten - Sauenhalter und Waldbauern - war friedlich, aber bestimmt. Die Ministerin aus Sachsen-Anhalt bekam kräftig Gegenwind, als sie auf der Bühne vor den Sauenhaltern stand.

Darum war Clemens Tönnies dabei 

Auch Clemens Tönnies befindet sich unter den Demonstranten.

Auch Fleischfabrikant und Schalke-Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies zog mit den Sauenhaltern zum "Schnitterhof". Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt er warum:
Wie wichtig war es ihnen hier heute selber vor Ort zu sein?
Clemens Tönnies: „Ich bin erstmal schwer beeindruckt über die große Zahl von Bäuerinnen und Bauern, die ihr Anliegen hier heute präsentiert haben. Oder unser Anliegen. Ihr Anliegen ist auch unser Anliegen. Ich sage, ich muss her, weil wir müssen hier zusammenstehen und der Politik zeigen: Hört zu, ihr seid da auf dem falschen Weg und wir haben den richtigen.“

„Wie wichtig war Ihnen das Zeichen, dass sich zwei Landesministerinnen an die Demonstranten gewandt haben?“
Tönnies: "Fand ich sehr mutig von der Landwirtschaftsministerin aus Sachsen-Anhalt. Die Argumente haben hier aber natürlich nicht überzeugt. Und unsere Landwirtschaftsministerin ist sowieso gut.“

Die Milchbauern ziehen Blicke mit "Monni" auf sich

Mit einem sehr vitalen Symbol waren die Milchbauern vors Tagungshotel gezogen. Die Milchkuh „Monni“ aus Ense-Vierhausen zog viele Blicke auf sich, blieb selbst trotz des Lärms und der vielen Menschen aber ganz gelassen. 

Stefan Mann, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, forderte von der Politik ein „sicheres Krisenmanagement“, damit der Preis für die Milch nicht wieder auf ein historisches Tief wie in den Jahren 2015 und 2016 falle.

„Aus dieser Zeit gibt es noch heute 400.000 Tonnen Milch als Milchpulver, das ist eine ungeheure Menge“, so Mann weiter. Wenn es wieder einmal Überkapazitäten gebe, dann müsse es europaweit zu einer dreistufigen Reaktion kommen. 

Zunächst gehe es um eine gute Markt-Analyse, dann um eine freiwillige Drosselung mit einem „Bonus-Malus-System“ und schließlich um eine europaweit verbindliche Drosselung „um zwei oder drei Prozent, damit sich der Markt wieder beruhigt“. In einer Presserklärung heißt es dazu: 

„Insbesondere geht es um die Aufnahme eines Instruments, mit dem die Milchmenge EU-weit, temporär, obligatorisch und entschädigungslos reduziert wird“

Polizei zeigte sich entspannt

Die Polizei zeigte sich angesichts der Lage entspannt. Polizeisprecher Frank Meiske sagte, man fühlte sich in der Einschätzung bestätigt, dass es ein gesitteter Protest werde.

"Die insgesamt etwa 2000 Teilnehmer hielten sich an die Absprachen und vertraten lautstark aber friedlich ihre Interessen. Es gab keine Zwischenfälle. Durch die Aufzüge und Straßensperrungen kam es zu kurzzeitigen Verkehrsbehinderungen im Ortskern. Die Bürgerinnen und Bürger, sowie die Kurgäste in der Gemeinde nahmen diese mit Gelassenheit und großen Verständnis hin. Dafür möchte sich die Polizei bedanken."

Manche Politiker scheuen den Kontakt

Vom Hotel ging es für viele Protestler vor das Tagungszentrum. Dort protestierten die Milchbauern. Unter anderem die Ministerin aus Sachsen-Anhalt hatte sich den Landwirten gestellt und Worte an sie gerichtet. 

Peter Hauk, Minister aus Baden-Württemberg, war hingen daran interessiert, möglichst schnell dem Treiben zu entfliehen. Mit einem "Guten Morgen" reagierte er auf die Begrüßung eines Milchbauern. Interesse an einem kurzen Gespräch zeigte er hingegen nicht, ergriff lieber die Flucht. 

Der "Deutsche Tierschutzbund" fordert "Stoppt Ferkelleid!"
"Jetzt Tierleid auf dem Teller stoppen", fordert die Stiftung für Tierschutz „Vier Pfoten“.

Der„Deutsche Tierschutzbund“ und die Stiftung für Tierschutz „Vier Pfoten“ hatten sich vor dem Rathaus postiert. Der Tierschutzbund forderte auf einem aufblasbaren Plastik-Schwein "Stoppt Ferkelleid!" Die Stiftung „Vier Pfoten“ hatte eine Plakatwand aufgebaut. Darauf ist ein malträtiertes Schwein auf einem Teller zu sehen und der Slogan: "Jetzt Tierleid auf dem Teller stoppen".

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